UCKERMÄRKER WENDESCHICKSAL

1990 bestieg sie den Nachtzug nach Wien

Gleich nach dem Mauerfall folgte Marion Lambing dem Ruf der weiten Welt. Die 21-Jährige bewarb sich am AKH, wo sie heute 10 OP-Säle managt.
Claudia Marsal Claudia Marsal
Ihr Rüstzeug bekam die junge Frau an der Medizinischen Schule in Templin.
Ihr Rüstzeug bekam die junge Frau an der Medizinischen Schule in Templin. privat
Leon will Profi werden, Mama Marion unterstützt ihn, wo sie kann.
Leon will Profi werden, Mama Marion unterstützt ihn, wo sie kann. privat
Familie Lambing bei einem Ausflug in die alte Heimat, hier an der Uckerpromenade.
Familie Lambing bei einem Ausflug in die alte Heimat, hier an der Uckerpromenade. Claudia Marsal
Sohn Leon hat bereits etliche Meistertitel eingefahren, zunächst mit dem Kart, jetzt mit einer Kawasaki.
Sohn Leon hat bereits etliche Meistertitel eingefahren, zunächst mit dem Kart, jetzt mit einer Kawasaki. privat
Prenzlau.

Wenn heute am berühmten Allgemeinen Krankenhaus Wien, vielen sicher als AKH geläufig, ein Patient operiert wird, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Marion Lambing die Vorbereitungen dafür getroffen hat. Die 51-Jährige ist seit zwei Jahren als Stationsleitung für zehn OP-Säle und insgesamt 70  Mitarbeiter verantwortlich. Ihre einstigen Ausbilder von der Medizinischen Fachschule Templin wird diese Information sicher freuen, legten sie doch mit den Grundstein dafür, dass sich die gelernte Kinderkrankenschwester beruflich so gut entwickeln konnte. Von 1985 bis 1988 holte sich die junge Frau ihr Rüstzeug in der uckermärkischen Kurstadt.

Besuch bei einer Brieffreundin

Die dortige Zeit im Internat ist der Mutter eines 17-jährigen Sohnes noch gut in Erinnerung. „Schön war es dort“, bescheinigt die mittlerweile in Österreich lebende Exil-Uckermärkerin. Und wer weiß, vielleicht würde sie heute im dortigen Sana-Krankenhaus noch Nachtschichten machen, wenn nicht die Wende gekommen wäre. So aber ergriff die junge Absolventin, damals noch auf den Nachnamen Blank hörend, die Chance, in den Westen zu gehen. Am 7. März 1990 stieg die 21-Jährige in den Nachtzug nach Wien. Was sie dort erwarten würde, stand völlig in den Sternen. Die wagemutige, junge Frau fuhr zu einer Österreicherin, die sie bis dato nur aus einem Ferienlager in der Tschechei kannte. Das Treffen lag zur Wende bereits etliche Jahre zurück.

„In dieser Zeit hatten wir nur über Briefe Kontakt gehabt“, bilanziert Marion Lambing schmunzelnd: „Doch als die Mauer fiel, ermunterte sie mich, nach Wien zu kommen. Dort werden immer gute Fachkräfte gebraucht.“ Das war die Botschaft, der sie Glauben schenkte und folgte. Zurück blieben die Eltern und eine Schwester, welche sie nur schweren Herzens ziehen ließen. Obwohl da noch gar nicht klar war, dass es ein Abschied für immer werden würde.

Familie schweren Herzens verlassen

Als die Kinderkrankenschwester ihre Heimat verließ, war das ostdeutsche Gesundheitswesen im Umbruch. Viele Mitarbeiter fürchteten um ihre Zukunft. Doch selbst als sich die Lage wieder besserte und plötzlich Fachkräftemangel auch in der ehemaligen DDR an der Tagesordnung war, gab es für sie keinen Weg zurück. „Auch wenn ich im Herzen immer Deutsche geblieben bin“, wie sie ehrlich einräumt. Aber im Laufe der Zeit war ihr nicht nur der Job im AKH, wo sie seit Juli 1990 durchgängig beschäftigt ist, ans Herz gewachsen. Nein, es hatte zwischenzeitlich auch ein Wiener ihr Herz erobert. IT-Spezialist Dieter Lambing wollte die fesche Braut aus dem Osten nicht mehr ziehen lassen und gab ihr deshalb schnell in Venedig das Ja-Wort.

Später krönte dann auch ein gemeinsamer Sohn ihr Glück. Leon kam im Februar 2002 auf die Welt und machte seine Mutter endgültig zur Österreicherin, denn für ihn gibt esnur eine Heimatstadt. Und das ist Wien. Der Großeltern und der Tante wegen kommt die Familie zwar mindestens einmal im Jahr wieder heim an die Stätten, mit denen Marion Lambing ihre Kindheit und Jugend verbindet. Aber nach wenigen Tagen heißt es immer Abschied nehmen. „Je älter ich werde, desto schwerer fällt mir das“, gesteht die Auswandererin ein. Dann setzt sie leise hinzu, dass sie nicht wisse, ob sie heute die Entscheidung von damals noch einmal so treffen würde.

Job und Kind vereinbart

„Vor allem die große Entfernung zu meinen Eltern hat mir immer zu schaffen gemacht. Auch, weil ich nie echte Bezugspersonen für meinen Jungen hatte.“ Das machte die Berufstätigkeit für die ambitionierte Krankenschwester oft sehr schwer. Kindererziehung, Haushalt und Schichtarbeit vereinbaren, das war eine echte Herausforderung, vor allem, als Leon noch klein war. Sie schlug sich trotzdem wacker, erst auf der Kinderstation, später im Gyn-OP und der Unfallambulanz. Dass sie in all den Jahren kaum Fehlzeiten hatte, führt sie vornehmlich auf die DDR-Erziehung zurück. „Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein, das waren Werte, die in Schule und Familie groß geschrieben wurden. So etwas legt man nicht einfach so ab.“

Junge Leute heute achteten viel mehr auf die Work-Life-Balance, hat sie die Erfahrung gemacht. „Das zu verstehen, fällt mir schwer“, sagt die Stationsleiterin leise. Trotzdem hadert sie nicht. Das Leben in Österreich habe ihr viele Chancen eröffnet. „Wer weiß, wo ich heute stände, wenn ich geblieben wäre.“ Stolz ist sie vor allem auf das, was Sohn Leon auf die Beine stellt. Der junge Mann ist ein ambitionierter Motorsportler, hat 2018 schon den Österreichischen Vizemeistertitel in der Supersport 600 geholt und ist jetzt auf dem Weg in eine Profi-Karriere. Und Mama weicht nicht von seiner Seite.

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