Ihre kleine Tochter Lucia ist neben dem Ehemann Jessica Böttchers großer Halt im Leben.
Ihre kleine Tochter Lucia ist neben dem Ehemann Jessica Böttchers großer Halt im Leben. Privat
Depressionen

38-Jährige konnte ihr Haus nicht mehr verlassen

Vor fünf Jahren war im Leben von Jessica Böttcher noch alles grau. Sie fühlte sich nur daheim sicher. Doch dann nahm die Jagowerin allen Mut zusammen.
Prenzlau

Dass Jessica Böttcher mit 38 noch einmal die Schulbank drücken und Pläne für ihre Zukunft machen würde, hätte die Jagowerin vor fünf Jahren selbst am allerwenigsten geglaubt. Die Jagowerin wurde 2017 von schlimmen Panikattacken geplagt. Bei einer Patientin brach die bei einem ambulanten Dienst als Pflegerin Beschäftigte eines Tages zusammen. Diese rief dann den Krankenwagen, der die Uckermärkerin mit in die Klinik nahm. „Ich hatte über 200 Blutdruck und fürchtete, keine Luft mehr zu bekommen”, erinnert sich die Mutter einer elfjährigen Tochter zurück. Die Ärzte hätten zunächst Kreislaufprobleme diagnostiziert, es auf Stress und Überlastung geschoben. Das gebe sich schon wieder, hieß es.

Tabletten nicht genommen

Doch ihr Zustand habe sich trotz Medikamenten nicht verbessert, erzählt Jessica Böttcher dem Uckermark Kurier: „Irgendwann sprach dann ein Doktor aus, was ich nie vermutet hätte. Ich litt unter Depressionen. Mein Körper hatte die Notbremse gezogen.” In der Folge verschlimmerte sich ihr Zustand dermaßen, dass sie nicht mehr aus dem Haus zu gehen wagte: „Ich wollte nur noch daheim bei meinem Mann und meinem Kind sein. Das gab mir Sicherheit. Alles andere hat mich total überfordert und mir Angst gemacht.” Eine Verbesserung brachte erst die Einweisung in die Tagesklinik Pasewalk. „Die Überweisung hatte ich vom Hausarzt bekommen. Zum Glück, denn das war meine Rettung.”

Therapie schlägt an

Zehn Wochen lang ging Jessica Böttcher dort ein und aus. Von Montag bis Freitag spielte sich ihr Alltag dort ab. Immer ab 8 Uhr morgens begann der etwas andere Alltag in geschützter Umgebung. „Ich nahm dort an Gesprächstherapien teil, hatte Beschäftigungskurse und viel Sport”, erinnert sich die Patientin zurück: „In den ersten fünf Wochen habe ich mich allerdings noch gegen die Medikamente gesträubt. Ich dachte immer, dass ich das ohne Tabletten schaffe. Doch das war ein Trugschluss.”

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Erst als sie richtig eingestellt war und ihre Dosis auch regelmäßig einnahm, wendete sich das Blatt zum Besseren. „Ich rate deshalb auch allen, die so wie ich schwermütig werden und keinen Sinn mehr im Leben sehen, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen und die Medizin einzunehmen. Ohne Unterstützung kommt man aus diesem Zustand nicht mehr heraus”, weiß sie heute.

Geduld gebraucht

15 Kilo habe sie in dieser Zeit abgenommen, resümiert Jessica Böttcher weiter: „Aber irgendwann kam der Punkt, ab dem es aufwärts ging.” Doch die Jagowerin brauchte Geduld. Auch die Familie, denn es vergingen noch Monate, bis sie als Ehefrau und Mutter wieder die Alte war. Dazwischen lagen auch fünf Wochen in einer Reha-Klinik, die sie als besonders belastend in Erinnerung hat.

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„Ich bin seit 1999 mit meinem Mann zusammen und war fast nie mal eine Nacht von ihm getrennt. Als er mich damals mit unserer Kleinen in Waren abgab, flossen heiße Tränen.” Doch auch diese Zeit überstand das Trio. „Sie kamen mich jedes Wochenende besuchen, das gab mir Kraft.” 2019 ging es dann langsam bergauf und Jessica Böttcher entschied, die neugewonnene Kraft und Lebensfreude für einen einschneidenden Schnitt zu nutzen. Die Uckermärkerin meldete sich mit zwei Freundinnen zur Umschulung als Altenpflegerin um. Obwohl das neben der praktischen Arbeit viel theoretischer Stress war, erlitt sie keinen Rückschlag. „Im Gegenteil, die Erfolge dort geben mir zusätzlich Auftrieb.” Ihre Tochter sagt, dass Mama eine richtige Streberin sei. Auf dem Zeugnis stehen stets lauter Einsen. Auch den Abschluss im Oktober 2022 will sie mit Bestnoten machen. „Bis dahin werde ich mit meinem Psychologen versuchen, die Tabletten langsam ausschleichen zu lassen. Aber so lange er meint, dass ich sie noch brauche, nehme ich meine Medizin auch.”

Angstzustände sehr verbreitet

Zu den vielen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie gehört übrigens laut dpa, dass wesentlich mehr Menschen als sonst mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Das gelte über alle Altersgruppen hinweg, sagte Professor Detlef Dietrich von der European Depression Association der Presseagentur: „Insbesondere Angstzustände und Depressionen haben zugenommen.“ Die Langzeitfolgen und Ausmaße seien auch jetzt im Herbst 2021 noch nicht absehbar, so Dietrich. Das liege auch daran, dass psychosoziale Begleiterscheinungen der Pandemie wie eingeschränkte Kontakte, Einsamkeit, Jobverlust, Ängste vor einer Infektion oder Mehrfachbelastungen häufig erst im Verlauf von Monaten zur Entstehung einer Depression beitragen. Weil Betroffene gerade im Anfangsstadium die Veränderung an sich nicht immer direkt wahrnehmen, sind es oft Freunde und Angehörige, denen das zuerst auffällt. Sie sollten dann dem oder der Betroffenen Mut machen, sich in eine Diagnostik zu begeben.

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