Diese Plakatierung findet sich in Malchow – l eider zum Teil schon zerrissen.
Diese Plakatierung findet sich in Malchow – l eider zum Teil schon zerrissen. Claudia Marsal
Die Initiatorin der Aktion bedauert, dass die Rahmen der Bilder bereits verschwunden sind.
Die Initiatorin der Aktion bedauert, dass die Rahmen der Bilder bereits verschwunden sind. Claudia Marsal
In einer Haltestelle ist auch ein Foto von diesem Häuschen zu sehen.
In einer Haltestelle ist auch ein Foto von diesem Häuschen zu sehen. Claudia Marsal
Künstlerin Kathrin Ollroge beim Kartoffelschälen mit einem Passanten: Wer sie sieht, darf sich gern zu ihr setzen.
Künstlerin Kathrin Ollroge beim Kartoffelschälen mit einem Passanten: Wer sie sieht, darf sich gern zu ihr setzen. Privat
Was steckt dahinter?

Bewohner rätseln über Fremde an Bushaltestellen

Was sind das für Personen, deren Bilder großformatig in den Wartehäuschen der Region hängen? Die Redaktion des Uckermark Kurier ging der Frage nach.
Göritz

Seit Tagen wundern sich die Bewohner von Malchow und Göritz über die ungewöhnliche Plakatierung ihrer Bushaltestellen. Über Nacht klebten in den Häuschen plötzlich große Bilder an den Wänden; teils in Farbe, teils in Schwarz-Weiß, darauf zu sehen alte und junge Menschen. Was fehlte, war allerdings ein Hinweis darauf, um wen es sich dabei handelt, beziehungsweise, was hinter dem Ganzen steckt. In den Dörfern rätseln die Menschen seitdem und wandten sich zur Klärung an den Uckermark Kurier. Doch auch die Redaktion blieb zunächst ratlos. In Auftrag gegeben hatte die Plakate unserer Recherche zufolge nämlich weder das Amt Brüssow, das für die Objekte zuständig wäre, noch die Gemeinde. Bürgermeister Daniel Pohl bestätigte auf Anfrage, sich ebenfalls gewundert zu haben. Er hielt es für möglich, dass die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft, die die Strecke bedient, etwas wissen könnte. Doch auch dort musste man passen.

Zwei Verkäuferinnen

Des Rätsels Lösung ein bisschen näher brachte uns dann der Blick auf eins der Bilder, das zwei Verkäuferinnen vor einer Fleischerei namens Gäpler zeigt. Bei diesem Suchbegriff fand sich im Internet besagtes Foto wieder – mit dem Verweis auf eine Aktion namens „Raum für Gedanken“, für die eine Künstlerin namens Kathrin Ollroge verantwortlich ist. Sie war zuvor mit einem „mobilen Wohnzimmer“ durch brandenburgische Ortschaften gereist, in denen Flüchtlinge leben oder zukünftig leben werden. Hier konnten die Menschen ihre Gedanken über Flucht, Asyl und Nachbarschaft auf der Schreibmaschine oder im Gespräch formulieren. Visuell wurden die entstandenen Gedankenblätter durch fotografische Porträts und Ortsaufnahmen ergänzt. Doch genau der Hinweis auf diese Querverbindung fehlte in anfangs genannten Bushaltestellen.

+++ Diese Haltestelle ist wirklich gemütlich +++

Um ein Statement gebeten, ließ uns die Initiatorin folgende Stellungnahme zukommen: "'Schöner unsere Städte und Gemeinden' – Wer kann sich noch an diesen Slogan erinnern? Zur Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität wurden DDR-Bürger damals dazu angehalten, in ihrer Freizeit und an Wochenenden unentgeltliche Arbeitsleistungen vor allem zur Verschönerung des Wohnumfeldes zu erbringen. Nach nunmehr fast dreijährigen Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie begannen die Potsdamerin Kathrin Ollroge und ihr Team, an verlassenen Bushaltestellen künstlerische Aktionen durchzuführen, um damit Impulse auslösen, diesen Ort als gemeinschaftlichen Treffpunkt für Austausch und Begegnung wahrzunehmen. Sie hingen Fotoserien und Arbeiten aus ihrem Repertoire auf, putzten und fegten Wartehäuschen, schälten mit Passanten Kartoffeln und sprachen mit ihnen über Rezepte und Alltagsthemen.

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Manchmal anonym, als Überraschungseffekt im Alltag, um Monate später an die Orte zurückzukehren, um die dort lebenden Bewohner zu befragen, ob und wie diese 'Bekunstung' der Bushaltestellen wahrgenommen wurde. Manchmal in Zusammenarbeit mit Gemeinden und Heimatverbänden, die sie einladen und bei den Aktionen unterstützen.”

Einladung zum Kartoffelschälen

Die Künstlerin fragt die Uckermärker: „Kann auch Ihre Bushaltestelle ein solcher 'dritter' Ort werden? Für Nachbarschaft, Freundschaft, Kaffeetrinken, das Zeigen lokaler Handwerkskunst etc.? Könnte man sich auch zum Subbotnik treffen, um die Haltestelle sauber zu halten? War die Aktion Auslöser für Gespräche, rätselte man gemeinsam um die plötzlich aufgetauchten künstlerischen Interventionen? Entwickeln sich daraus eigene Ideen, zum Beispiel, die Wartehäuschen für das Zeigen lokaler Kunst oder zum Präsentieren der Ortsgeschichte zu nutzen? All diese Gedanken möchte Ollroge bei späterer Rückkehr aufnehmen und damit Anregungen schaffen, über das eigene, sich verändernde Lebensumfeld und die Lebenswelt zu reflektieren. Machen Sie mit, und schreiben Sie uns Ihre Gedanken und Ideen, oder laden Sie Ollroge und ihr Team ein für ein gemeinsames Warten Ihrer Wartehäuschen!” Sie verriet, dass sie demnächst wieder zum Kartoffelschälen in die Uckermark zurückkommt und sich freuen würde, wenn sie in den Bushaltestellen angesprochen wird. Also, Augen offen halten!

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