KINDESMISSBRAUCH IN PRENZLAU

Der Albtraum begann, als sie vier war

Juliane Dahm wurde als Kind missbraucht. Die 37-Jährige verdrängte das Drama lange. Doch jetzt sind die Erinnerungen wieder wach.
Claudia Marsal Claudia Marsal
Gute Miene zum bösen Spiel – Juliane Dahm lächelt, denn sie ist eine Kämpferin. Aber ihre Kraft droht aktuell zur Neige zu gehen.
Gute Miene zum bösen Spiel – Juliane Dahm lächelt, denn sie ist eine Kämpferin. Aber ihre Kraft droht aktuell zur Neige zu gehen. Privat
Prenzlau.

Juliane Dahms Albtraum begann, als sie vier war. Da sprach sie eines Tages beim Spielen vorm Prenzlauer Kino ein unbekannter Mann an. Der Fremde lockte sie zunächst mit Süßigkeiten, erinnert sich die heute 37-Jährige zurück. Doch darauf fiel die Kleine nicht rein. Erst als er behauptete, dass bei ihm Babykätzchen leben, wurde das Mädchen schwach. Sie folgte ihm nach ganz oben in einen Hausflur in der Straße der Republik... Was dort im Sommer 1987 geschah, hat sich tief eingebrannt. „Ich weiß noch ganz genau, wie das ablief. Glauben Sie mir, das werde ich nie vergessen...”, sagt Juliane Dahm über 32 Jahre nach dem furchtbaren Geschehen, unter dessen Folgen sie bis heute leidet. Bis 2011 war es der gebürtigen Prenzlauerin irgendwie gelungen, den schweren Missbrauch zu verdrängen.

Viele Klinikaufenthalte

Erst ein Erlebnis auf Arbeit rief die schlimmen Erinnerungen wieder wach. Es gab ein auslösendes Moment, einen sogenannten Trigger, der alles wieder an die Oberfläche spülte, erzählt die Heilerziehungspflegerin: „Da kam alles hoch, und es wurde ganz schlimm.” Es folgten lange Klinikaufenthalte, nach denen sie sich irgendwie wieder aufrappelte. 2016 fing nach der Psyche dann aber auch der Körper an zu streiken. „Ich konnte nicht mehr laufen, bekam Entzündungen in Gelenken, Muskeln und Sehnen.” Wenig später die Diagnose: Rheuma und chronisches Schmerzsyndrom. Die Lebensqualität war ab diesem Moment gleich null, schätzt sie heute ein.

Erkrankung kommt in Schüben

Es gehe ihr von Jahr zu Jahr schlechter, trotz vieler Therapien. Die Erkrankung tritt in Schüben auf, in denen sie sich kaum bewegen kann. „Mittlerweile habe ich sogar einen Pflegegrad, und seit letzter Woche weiß ich, dass ich eine Erwerbsminderungsrente erhalten werde. Meinen heiß geliebten Job als Heilerzieherin musste ich vorerst aufgeben, weil es mir nicht möglich ist, meiner Arbeit voll gerecht zu werden. Ich bin erst 37 Jahre alt, habe immer gearbeitet und viele Kämpfe durchgemacht, aber jetzt kann ich einfach nicht mehr.”

Gerichtsakten sind weg

Mit ihrer Tragödie an die Öffentlichkeit gegangen ist Juliane Dahm, weil sie finanziell am Ende ist. Den Täter kann sie nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Er ist tot. Die Recherchen des Landesamtes hatten ergeben, dass der Mann ein Sexualstraftäter war, der vor der Wende in Prenzlau verurteilt wurde. „Leider sind die Gerichtsakten vermutlich im Zuge der Wiedervereinigung vernichtet worden. Gut für die Behörden, die Opferentschädigung zahlen müssten. Pech für mich. Mein Antrag beim Fonds sexueller Missbrauch musste abgelehnt werden, weil dort nur Opfer unterstützt werden, die innerhalb der Familie oder einer staatlichen Institution missbraucht wurden. Bei mir war es ein Fremdtäter.”

Antrag abgelehnt

2019 wurde nun aber auch ihr vier Jahre zuvor gestellter Antrag auf Opferentschädigung vom zuständigen Landesversorgungsamt abgelehnt, weil keine neuen Beweise ausfindig gemacht werden konnten, wie sie sagt. Dagegen reichte sie nun Klage ein, „weil ich zu meinem Recht kommen möchte.” Diese ganze Prozedur wird, so befürchtet Juliane Dahm, wieder einige Jahre in Anspruch nehmen. „Was Menschen, die einer Strafttat zum Opfer gefallen sind, während so einem Opferentschädigungsverfahren alles angetan wird, ist ganz schrecklich – Retraumatisierungen, Unterstellungen usw. Das alles hat mich noch mehr krank gemacht. Meine EM-Rente ist klein, aber ich habe noch einen Kredit für mein Auto zu zahlen, was sich jetzt ernsthaft schwierig gestaltet. Ich bin aber auf mein Auto dringend angewiesen, weil ich aufgrund meiner Erkrankungen keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Ich habe bislang alle meine Raten pünktlich gezahlt, aber mit meiner kleinen Rente werde ich das nicht weiter schaffen. Es sind noch 15 000 Euro offen, und ich bin wirklich verzweifelt.” Sie bittet deshalb öffentlich um Spenden auf der Plattform betterplace.me

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