Jacqueline Wehner weiß, dass das Personal in Krankenhäusern viel Stress hat. In die besondere Situation von Sterben
Jacqueline Wehner weiß, dass das Personal in Krankenhäusern viel Stress hat. In die besondere Situation von Sterbenden sollten sich die Mitarbeiter allerdings trotzdem einfühlen können, wünscht sich die 51-Jährige. Sebastian Widmann
Unwürdiges Sterben

Der plötzliche Tod der Schwester

Jacqueline Wehner aus Potzlow hätte ihrer geliebten Diana gern alles Leid erspart: „Vor allem die Erfahrungen, die sie vorm Ende in der Klinik machte.”
Potzlow

Für die Wehners aus Potzlow war der Advent stets die schönste Zeit des Jahres. Selbst als die drei Kinder mit 21, 23 und 25 Jahren längst flügge waren, wurde das familiäre Miteinander ausgiebig zelebriert. 2022 ist das anders. Dreifach-Mutter Jacqueline Wehner mag momentan überhaupt nicht an Weihnachten denken. Am liebsten würde sie alles Festliche abblasen und pausenlos weinen, verriet unsere Leserin dem Uckermark Kurier: „Doch ich reiße mich tagsüber zusammen. Die Verzweiflung kommt erst nachts. Dann kreisen die Gedanken, und man fragt sich immer wieder: ‚Warum?‘“.

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Der Grund für das emotionale Tief der 51-Jährigen, die in der 20-Mann-Fensterbaufirma der Familie die Buchhaltung macht, ist der Tod ihrer Schwester Diana. Die 53-Jährige hatte im Januar eine Krebsdiagnose bekommen. Schon damals machten die Ärzte der Patientin zwar nur wenig Hoffnung, weil neben der Lunge später auch die Leber befallen war. „Aber in so einer Situation klammert man sich natürlich an jeden Strohhalm“, erinnert sich die Hinterbliebene zurück.

Nur noch im Bett

Ihr Hoffnungsschimmer sei ein neues Medikament gewesen, das die Charité verordnet habe, sagt die Potzlowerin: „Irgendwie dachten wir alle, dass sie es damit schafft.“ Wie schlimm es um ihre, lange Zeit als Verkäuferin beschäftigte Schwester stand, fand die Uckermärkerin erst heraus, als diese im Juni bei ihr war.

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Jacqueline Wehner hatte ihre Schwester zu Besuch zu sich nach Hause geholt. „Wir haben uns total gefreut auf diese gemeinsame Zeit; wollten viel miteinander reden, spazieren gehen, einfach den Sommer auf dem Land genießen“, blickt sie zurück: „Doch es sollte anders kommen.“ Kurz nach der Ankunft ging es der Krebskranken schlecht. „Diana hat nur noch gelegen, extrem gehustet und kaum Luft bekommen“, erzählt Jacqueline Wehner mit belegter Stimme: „Zurück hätte sie es in diesem Zustand nicht mehr geschafft. Außerdem war in der Charité zu dieser Zeit kein Bett frei, so dass die dortigen Ärzte empfahlen, sie hier in der Region behandeln zu lassen.“ Ihre Schwester habe zwar partout nicht in eine Klinik gewollt, weiß die Angehörige: „Aber ihre Lunge war schon voller Wasser und musste dringend punktiert werden. An den Tropf sollte sie auch.“

Mehr Empathie gewünscht

Bis heute bedauert Jacqueline Wehner, dass sie ihre geliebte „Große“, die eigentlich die mittlere von drei Schwestern war, nicht bei sich zu Hause behalten konnte. „Ich habe mir in dieser Situation so sehr gewünscht, vom Fach zu sein und die Pflege daheim übernehmen zu können. Doch das ging nicht“, resümiert die Büroangestellte. Die letzten Lebenswochen seien dann leider nicht so gewesen, wie sie sich das für einen würdevollen Abschied gewünscht hätte, sagt die dreifache Mutter traurig.

Auf die Ärzte will die Unternehmerin nichts kommen lassen, auch nicht alle Mitarbeiter über einen Kamm scheren. „Nur bei einigen hätte ich mir mehr Empathie und Einfühlungsvermögen gewünscht“, setzt sie betroffen hinzu. Jacqueline Wehner ist natürlich bewusst, dass die Arbeitsbelastung auf solchen Stationen groß und das Personal überlastet ist, man also nicht permanent Zeit für eine Sterbende habe.

Engel in Weiß

„Aber was wir dort erlebt haben, hat mir vor Augen geführt, dass nicht jeder für so einen Job gemacht ist. Wenn ich dann in der Zeitung lese, dass sich zufriedene Patienten bei ihren Engeln in Weiß bedanken, freue ich mich für diese. Gleichzeitig aber tut es mir weh, dass meine Schwester auch andere Erfahrungen machen musste. Das hat auch meinen Eltern sehr weh getan, die mit Mitte 80 ihr Kind begraben mussten.“ Näher ins Detail will sie öffentlich gar nicht gehen: „Ich habe meinen Unmut bei der Klinik zum Ausdruck gebracht, und dort wurde mir zugesichert, dass man das auswertet.“

Sie hofft darüber hinaus, dass sich der eine oder andere beim Lesen angesprochen fühlt: „Man darf doch nie vergessen, dass jeder in so eine hilflose Lage geraten kann.“ Für Diana freue sie nur, dass letztlich noch der Rücktransport in die Charité klappte, wo sie im Juli umsorgt und schmerzfrei einschlief. Auch wenn sie alles dafür gegeben hätte, ihre Schwester zu retten.

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