Werner Giermann hat das Autofahren geliebt. Doch am Ende musste er sich eingestehen, dass es besser ist, wenn er den Platz hin
Werner Giermann hat das Autofahren geliebt. Doch am Ende musste er sich eingestehen, dass es besser ist, wenn er den Platz hinterm Steuer Jüngeren überlässt. Claudia Marsal
Der kleine Kia war sein letztes Auto.
Der kleine Kia war sein letztes Auto. Claudia Marsal
Trauriger Abschied

Ex-LPG-Chef gibt nach 69 Jahren Führerschein ab

Irgendwann ist Schluss, das war Werner Giermann klar. Aber der Weg bis dahin, dass der 92-Jährige den Autoschlüssel aus der Hand legte, war schmerzhaft.
Prenzlau

Werner Giermann ist sein Leben lang ein begeisterter Autofahrer gewesen. Seit er 1953 seinen ersten Führerschein – zunächst fürs Motorrad – erworben hatte, gab es für den Landwirt kein Halten mehr. Zwei Jahre lang rollte er auf seiner geliebten BMW durch die Lande. 1955 bescherten ihm die guten Beziehungen seines Vaters dann einen nagelneuen F9. Bis heute erinnert sich der 92-Jährige an dem Tag, als er mit dem Zug zum Werk in Eisenach fuhr, um das gute Stück in Empfang zu nehmen. Der langjährige Vorsitzende der LPG Dreesch weiß sogar noch, welche Farbe der Flitzer hatte. Dunkelgrau. 1955 trat besagter Pkw in sein Leben.

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Ein Jahr später ehelichte der Großbauernsohn seine Frau, mit der er bis heute einträchtig zusammenlebt und die bei den meisten Fahrten seine Begleiterin war. Freudestrahlend erzählt der Rentner aus Dreesch dem Uckermark Kurier von den gemeinsamen Touren, bis zur Wende nur im Gebiet der damaligen DDR. Später dann erkundete das Ehepaar auch den Westen Deutschlands. Vor allem zur Nordsee seien sie immer gern gefahren, berichtet der gebürtige Bertikower. Er schwärmt auch von Bonn, Bad Godesberg und Köln. Nur nach Bayern habe er es leider nicht mehr geschafft, bedauert der Pensionär; obwohl diese lange Strecke immer ein Traum von ihm war. Doch in den letzten Jahren sei sein Radius merklich kleiner geworden, bestätigt sein Sohn.

Langsamer Abschied

Der 65-Jährige lebt mit im Haus der Eltern und hat den langsamen Abschied von der Autofahrerei mitbekommen. Heute ist er es, der den betagten Vater und die 91-jährige Mutter zu ihren Terminen fährt. Werner Giermann hat seinen Führerschein nämlich abgegeben. „Alles hat mal ein Ende“, sagt der Pensionär – mit nur ein bisschen Bedauern in der Stimme. Ihm sei klar, dass man als alter Mann dem hektischen Verkehr nicht mehr gewachsen ist. Dabei sei er all die Jahre fast unfallfrei gewesen, betont der Dreescher stolz: „Nur zwei, drei Blechschäden, nichts Schlimmes.“ Aber selbst bei diesen Crashs habe er zu seiner Verantwortung gestanden und sich nicht aus dem Staub gemacht: „So etwas kann passieren. Ich war immer froh, dass nur eine kleine Beule im Blech zu sehen war.“

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Sein letzter „Unfall“ allerdings habe ihn Nerven gekostet, berichtet der Rentner empört: „Da bin ich nämlich übers Ohr gehauen worden.“ Werner Giermann ist felsenfest davon überzeugt, dass der Schaden am Auto des Unfallgegners nachträglich fingiert wurde. „Als ich nach dem Rempler nämlich ausgestiegen bin und mir das angesehen habe, war nichts zu sehen. Weder an meinem Kia noch am anderen Pkw.“ Dass der andere Halter dann der Versicherung eine immense Schadenssumme gemeldet habe, in deren Folge der Uckermärker hochgestuft wurde, ärgere ihn bis heute. So eine Welt, in der getrickst werde, verstehe er wirklich nicht mehr, sagt Werner Giermann und schaut wehmütig aus dem Küchenfenster auf seinen Kleinwagen raus. Was aus diesem wird, ist noch nicht entschieden. Nur eins steht fest: Der Besitzer selbst darf sich nicht mehr hinters Lenkrad setzen. „Das Fahren überlasse ich jetzt den Jüngeren. Aber glauben Sie mir, es ist ein harter Weg, sich das einzugestehen und dann die Konsequenzen zu ziehen.“

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