A11-UNFALL

Familie der Schwerverletzten nimmt Geisterfahrer in Schutz

Zwei Tage nach dem schweren Crash auf der A11 herrscht weiter Rätselraten. Warum der 82-jährige VW-Fahrer gewendet hat, kann sich niemand erklären.
Gegen diesen weißen Transporter war der Geisterfahrer dem jetzigen Erkenntnisstand der Polizei zufolge nach der Kollissi
Gegen diesen weißen Transporter war der Geisterfahrer dem jetzigen Erkenntnisstand der Polizei zufolge nach der Kollission mit dem Familienauto geknallt. Die darin befindliche 49-jährige Kurierfahrerin beschwört aber, dass es anders war und sagt, dass sie dem Falschfahrer die ganze Kraft genommen habe und es dadurch noch vergleichsweise glimpflich ausging. Claudia Marsal
Gramzow.

Was ist wirklich passiert bei dem verheerenden Autobahnunfall vom Montag (6. Juli) an der Autobahnauffahrt Gramzow? Den Verursacher, einen 82-jährigen Rentner aus Prenzlau, kann niemand mehr befragen. Er bezahlte seinen Fahrfehler mit dem Leben. Auch die 80-jährige Beifahrerin erinnert sich nicht mehr genau. Ihre Angehörigen sagten dem Uckermark Kurier, dass die alte Dame mit schweren Verletzungen in einem Spezialkrankenhaus liege und vermutlich Monate vergehen werden, bis sie wieder laufen kann.

In Netzwerken beschimpft

Ihre Familie gehört allerdings nicht zu denen, die den Senior in den sozialen Netzwerken aktuell beschimpfen, weil er als Geisterfahrer in der falschen Richtung unterwegs war.

„Im Gegenteil. Wir haben den neuen Lebensgefährten meiner Oma als sehr zuverlässigen, umsichtigen Menschen kennenlernen dürfen“, resümierte die Enkelin: „Er hätte meine Omi und andere nie mutwillig in Gefahr gebracht. Bei ihren gemeinsamen Touren durch die Uckermark hatten wir immer ein gutes Gefühl. Er war ein sehr besonnener und sicherer Fahrer.“ Die junge Frau erinnert sich aber, dass ihr am Unglückstag schon früh morgens unwohl war: „Ganz diffuse Bauchschmerzen, die ich nicht zuordnen konnte. Als ich dann gegen Mittag einen verpassten Anruf aus einem Krankenhaus auf meinem Handy hatte, wusste ich dann, warum es mir so schlecht ging. Ich stehe meiner Oma nämlich sehr nahe.“

Deshalb danke sie auch inständig dafür, dass die Rentnerin den Crash überlebt hat. Wie die Seniorin damit klar kommen wird, dass sie den lieben Mann, den sie erst seit einem Jahr kannte, nun auf so tragische Weise schon wieder verloren hat, kann niemand sagen. Sohn und Enkelin hoffen, dass sie sich von dem Schock irgendwann erholt: „Doch es wird sicher schwer. Sie waren ein Herz und eine Seele, haben ganz viel unternommen. An diesem Tag wollten sie wohl nach Angermünde zum Friedhof, wo seine Frau begraben liegt. Und später noch zum Einkauf nach Polen. Ihm soll es gut gegangen sein.“ Nichts deutete offenbar daraufhin, dass er wenig später so einen fatalen Fehler machen würde, der neben seiner Begleiterin auch noch fünf weitere Menschen in die Klinik befördern würde, darunter die Insassen (2, 6, 39, 40 Jahre alt) eines Ford aus Pirna, in die der VW des alten Herren nach einem Wendemanöver auf der Autobahn Polizeiangaben zufolge zuerst geknallt war.

49-Jährige widerspricht

Es gibt allerdings jemanden, der dieser Darstellung energisch widerspricht. Dabei handelt es sich um die Fahrerin des dritten unfallbeteiligten Wagens. Die 49-jährige Frau versichert, dass der Geisterfahrer zuerst ihren Citroën gerammt habe. „Ich habe die ganze Energie aus dem Crash genommen. Ohne dem hätte das andere Auto noch viel schlimmer ausgesehen“, ist die Königs Wusterhausenerin überzeugt. Laut ihrer Darstellung sei sie in Höhe Gramzow von einem schwarzen Transporter überholt worden. „Sekunden später hat mich dann der VW des Falschfahrers auf der rechten Spur frontal erwischt.“ Dass sie dabei nahezu unverletzt blieb, kann sich die langjährige Kurierfahrerin selbst nicht erklären. „Nicht mal eine Schramme hatte ich. Zu Hause habe ich zu meinem Mann gesagt, dass wir jetzt auf unsere Katzen besonders gut aufpassen müssen, weil ich in diesem Moment ihrer beiden ‚sieben Leben‘ aufgebracht habe“, erzählte die Betroffene im Interview. Sie selbst sei nur zur Unfallaufnahme mit ins Krankenhaus Prenzlau gefahren, weil sie einen Bericht für den Arbeitgeber brauchte. „Denn eigentlich war ich für meine Firma ja als Urlaubsvertretung unterwegs nach Greifswald“, ließ das Unfallopfer weiter wissen.

Tags darauf habe sie allerdings schon wieder in einem anderen Transporter gesessen und habe die Unglücksstelle passiert: „Ich verdiene mit dem Fahren meinen Lebensunterhalt. Da kann ich nicht einfach zu Hause bleiben und meinen Betrieb im Stich lassen.“

Hoffen auf Wahrheit

Sie wünsche sich, dass die Ermittlungen die ganze Wahrheit zu Tage bringen. Aus der Polizeidirektion Frankfurt/Oder hieße es auf nochmalige Nachfrage: „In dem uns heute vorliegenden Unfalltext wird die von uns per Pressemitteilung herausgegebene Version bestätigt (dass nicht der Citroën der 49-Jährigen, sondern der Ford das erste Auto war, das der Geisterfahrer erwischte, d. Red.). Die Ermittlungen zu diesem Unfall sind aber noch nicht abgeschlossen. Die Unfallbeteiligten werden alle noch von der Kriminalpolizei demnächst angehört.“

Laut Polizei müssen bei solchen Unfallmeldungen immer berücksichtigt werden, dass es sich in der Regel um die ersten Erkenntnisse handele, die ihnen dazu vorlägen. „Lieber würden wir Unfallmeldungen erst am nächsten Tag vermelden, doch viele Medienschaffende fragen schon nach circa 30 Minuten nach, und bei schweren Unfällen auf der Autobahn ziehen sich die Fragen über den ganzen Tag. Unfallbeteiligte haben natürlich einen ganz anderen Bezug zum betreffenden Unfall, was ganz verständlich ist. Wir und die Journalisten geben doch letztendlich weiter, warum es auf der Autobahn zum Stau kam. Es passierte ein Unfall mit mehreren verletzten Personen und in diesem Fall mit einem tödlich Verunglückten. Das ist der Kern der Meldung in diesem Fall.“

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Kommentare (3)

da kann der Opi noch so lieb gewesen sein, er war alt. Und wenn wir alt werden, dann werden wir tüdelig. Leider auch starrsinnig und das ist eine tödliche Kombination. Wer kennt das nicht, den Senior, der mit 70 - 80 km/h über die Strasse schleicht und dann auch noch erbost reagiert, wenn man überholt. Der einzige Grund, warum Führerscheineignungsprüfungen nicht längst Gesetz sind ist doch, dass die Politiker schlicht Angst vor den vielen alten Wählern haben. Denn das wäre ausnahmsweise etwas, wo sich alle einig sein müssten. Fahranfänger bekommen eine Probezeit und Fahrsenioren müssen zum Test. Man könnte es ab eines bestimmten Alters verpflichtend machen. Es würde ja alle betreffen, also kann sich auch niemand diskriminiert fühlen. Aber so wichtig ist die Sicherheit im Straßenverkehr dann doch nicht.

Das Problem Geisterfahrer auf der Autobahn hängt immer mit nicht eindeutiger Beschilderung und Markierung auf der Fahrbahn zusammen. Nicht nur Ältere Kraftfahrer, sondern quer durch alle Altersgruppen haben damit Probleme. So lange das nicht sauber geklärt ist, wird es auch weiterhin Geisterfahrer auf der Autobahn geben. Es wäre auch schön wenn der Nordkurier mal schreiben würde, wie man sich als Geisterfahrer richtig auf der Autobahn verhalten soll!

Ich verstehe trotzdem nicht wo das Problem wäre einen Eignungstest einzuführen, der im Alter engmaschiger wird - Augen, Ohren, Reaktion - klar bleibt die Unfähigkeit Situationen und Geschwindigkeiten ein und abzuschätzen auf Platz eins - auch mehr Praxis hat ein junger Fahrer nicht über Nacht - aber zu anderen Routine Untersuchungen trabt man doch auch hin - so what?

Ich verstehe trotzdem nicht wo das Problem wäre einen Eignungstest einzuführen, der im Alter engmaschiger wird - Augen, Ohren, Reaktion - klar bleibt die Unfähigkeit Situationen und Geschwindigkeiten ein und abzuschätzen auf Platz eins - auch mehr Praxis hat ein junger Fahrer nicht über Nacht - aber zu anderen Routine Untersuchungen trabt man doch auch hin - so what?