PALLIATIVMEDIZIN

Familienvater in der Uckermark darf zu Hause sterben

Nach 53 Jahren Ehe stand für Gisela Hinz aus Weselitz fest, dass sie ihren Heinz-Georg vorm Tod nicht allein lassen wird. Doch sie brauchte Hilfe.
So möchte die Familie den Verstorbenen in Erinnerung behalten.
So möchte die Familie den Verstorbenen in Erinnerung behalten. Claudia Marsal
Prenzlau.

Das ständige Gejammer über das deutsche Gesundheitswesen – Gisela Hinz kann es nicht mehr ertragen. Die 73-Jährige hat vor vier Wochen ihren Mann beerdigt und danach beschlossen, mit einem Appell an die Öffentlichkeit zu gehen, der ihr sehr am Herzen liegt. „Ich möchte denen danken, die sich tagtäglich um schwerkranke Menschen wie ihn kümmern“, sagt die Weselitzerin.

Zweimal habe ihr Heinz-Georg eine unheilvolle Diagnose bekommen. „2001 war es die Prostata, 2018 ein ‚Krebs ohne Namen‘, der blitzschnell gestreut hatte. Doch jedes Mal waren sofort Menschen für ihn da und haben ihr Möglichstes gegeben“, betont die Witwe. Obwohl er nur gesetzlich versichert war, hätten ihm alle medizinischen Behandlungsformen offen gestanden, setzt sie leise hinzu: „Wir haben uns nie als Menschen zweiter Klasse fühlen und um Medizin oder Hilfsmittel betteln müssen. Schon als ich ihn nach dem Krankenhausaufenthalt aus Greifswald nach Hause holte, war hier – angefangen vom Pflegebett über diverse Hilfsmittel – alles da.“

Friedlich eingeschlafen

Dass der langjährige Geschäftsführer einer Milchviehanlage im September nach langem Leidensweg friedlich zu Hause einschlafen konnte, „ist vor allem Doktor Niemetz und dem Palliativteam Uckermark zu verdanken gewesen”, stellt die Uckermärkerin heraus: „Was dieser Arzt und die Schwestern in den letzten Monaten bei uns daheim geleistet haben, ist unbeschreiblich.“ Gleich zu Beginn der Betreuung habe man ihnen versichert, dass sie sich zu jeder Tag- und Nachtzeit bei ihnen melden könnten, erinnert sich Gisela Hinz zurück. Das sei auch nötig gewesen, denn vor allem in der Anfangszeit habe es oft Probleme mit dem Venenzugang, dem so genannten Port, gegeben.

„Den riss sich mein Mann immer wieder aus Versehen raus. Zum Schluss war es mir schon richtig unangenehm, wenn ich deswegen anrufen musste. Aber das war unbegründet. Innerhalb kürzester Zeit kamen die Schwestern oder der Arzt jedes Mal vorbei und haben sich unserer angenommen“, sagt die pensionierte Lehrausbilderin voller Dankbarkeit. Sogar am Wochenende seien sie zur Stelle gewesen, als die Lage akut wurde.

„Dadurch hatte ich gar keine Angst davor, ihn bei mir zu behalten. Mir war bewusst, dass ich nie alleine bin.“ Ohne diese Sicherheit im Hintergrund wäre der Wunsch, ihn in der letzten Lebensphase zu Hause zu betreuen, vielleicht nicht in Erfüllung gegangen, sagt Gisela Hinz nachdenklich: „Man selbst ist ja nicht vom Fach und daher unsicher bei vielen Dingen.“ Doch ihren Mann kurz vorm Tod ins Krankenhaus oder in ein Hospiz zu geben, das hätte sie wohl nicht übers Herz gebracht, setzt die Witwe grübelnd hinzu. In den Wochen bis zu seinem Ableben wich sie nicht mehr von seiner Seite.

Bei ihm geschlafen

„Ich klappte mir jede Nacht die Couch neben seinem Pflegebett aus. Heinz-Georg sollte mich in der Nähe wissen, wenn er zwischendurch aufwacht“, beschreibt sie die letzte gemeinsame Zeit. Als sie mit ihren Kräften am Ende war, schlug der Sohn sein Nachtlager wieder im Haus der Eltern auf. Auch die Schwiegertochter und die Enkeltochter seien eine große Unterstützung gewesen, betont Gisela Hinz mit Tränen in den Augen. Dank eines Schmerztropfes habe ihr Mann zum Glück nicht leiden müssen, ist sie überzeugt.

Der Weselitzerin ist bewusst, dass ihr Heinz-Georg längst nicht der einzige Patient war, um den sich der Doktor und die Palliativ-Schwestern kümmern mussten.

Dem Arzt dankbar

„Das sollte man sich vielleicht mal vor Augen halten, wenn man mit einem Schnupfen im Wartezimmer sitzt und schimpft, dass man nicht gleich ran kommt. Vielleicht steht der eigene Arzt ja gerade einem Sterbenden bei oder muss einen Totenschein ausfüllen“, führt die 73-Jährige an. Ihr ist klar, dass auch auf „ihren“ Doktor manchmal andere Patienten warten mussten, weil er ihnen gerade mit aller gebotenen Ruhe und Rücksichtnahme die nächsten Schritte erklärte oder ein Schmerzmedikament verabreichte.

Sie habe jedenfalls Hochachtung vor allen, die in der Palliativmedizin wirken und würde sich wünschen, dass das entsprechend gewürdigt wird.

 

 

 

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