DEBATTE UM POLITIKERSPRUCH

Geht es den Uckermärkern seit der Wende besser?

Es gibt nicht das eine „Ossi-Schicksal“. Deshalb verwundert es auch nicht, dass eine Politikeraussage zur Lage im Osten Ärger beschert.
Claudia Marsal Claudia Marsal
Die einen stießen ihren Trabi nach der Wende sofort ab, die anderen trauern ihm bis heute nach.
Die einen stießen ihren Trabi nach der Wende sofort ab, die anderen trauern ihm bis heute nach. arbor pulchra
Prenzlau.

Die Empörung ist groß: Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung hat behauptet, dass es keinem Ostdeutschen heute schlechter geht als 1990. Für diese Aussage kassiert Christian Hirte (CDU) vor allem von Bürgern der ehemaligen DDR viel Schelte. Der Uckermark Kurier wollte von seinen Lesern wissen, wie sie das sehen.

Persönliche Einstellung ist wichtig

Ulli S. (Name bekannt) schrieb der Redaktion: „Ich bin zur Wende 14 Jahre alt gewesen, und ich muss sagen, ob man sich als Gewinner oder Verlierer sieht, hängt immer von der persönlichen Einstellung ab.“ Sie handelte diese Feststellung am Beispiel ihrer Schwiegereltern und ihres Vaters ab. Diese waren zur Wende zwischen 40 und 45  Jahre alt. „Mein Schwiegervater hat sich mit einem Metallbau-Handwerk selbstständig gemacht und weiterhin freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Meine Schwiegermutter nahm eine Stelle im öffentlichen Dienst an. Beide haben mit 60 beziehungsweise 63 Jahren aufgehört zu arbeiten, erhalten eine stattliche Rente und leben in einem sanierten Neubaublock in Berlin. Sie könnten jedes Jahr viermal verreisen, tun dies aber nicht. Auch sonst haben sie sich ein finanzielles Polster geschaffen. Aber was sind sie? Unzufrieden.“

Sonst nur Meckerei

Sie schimpften ständig, wie schlecht alles sei. Bei einzelnen Themen gehe sie, so Ulli  S., ja mit. Zum Beispiel beim Thema Bildung. „Es kann und darf nicht sein, dass dies in Länderhand ist. Das ist Aufgabe eines Landes, denn es ist nicht lustig für Eltern, von einem Bundesland in ein anderes zu ziehen. Aber auch sonst sind beide nur am Meckern. Jetzt zu meinem Papa: Er hat 47 Arbeitsjahre bei der Deutschen Bahn gearbeitet im Schichtdienst. Er hat leider nie in die freiwillige Zusatzrente in der DDR eingezahlt und durch ein betrügerisches Altersteilzeitmodell der Bahn 18 Prozent Abschläge auf seine Rente. Er hat eine sehr kleine Rente im Vergleich zu meinen Schwiegereltern und muss mit jedem Cent rechnen. Er wohnt in einem Neubau, der unsaniert auf einem Dorf steht. Die Miete ist gering, und er bewirtschaftet einen kleinen Garten. Er fährt einmal im Jahr für drei Tage in den Urlaub und zu uns, um seinen Enkel zu sehen, denn die Bahnfahrten sind ja kostenlos. Er ist jedoch mit allem zufrieden und sagt, es war richtig, dass die Wende kam. Heute können die Menschen ihren Weg machen, ohne dass auf das ‚richtige‘ Parteibuch geachtet wird. Er ist einfach glücklich und dankbar. Vielleicht haben das einige verlernt. Das Leben ist auch immer Einstellungssache.“

Glücklich und zufrieden

Ähnlich argumentiert Bärbel Jahn aus Prenzlau. Sie stellt ernüchtert fest: „Deutschland ist das Meckerland Nr. 1, und zwar auf hohem Niveau.“

Ariane Nitze ist überzeugt: „Leben ist das, was man daraus macht. Ich habe vor wenigen Tagen jemandem geschrieben, dass ich glücklich und zufrieden bin. Die Antwort war: Schön, das hört man selten. Das ist schon traurig. Ich denke, für alles gibt es ein Für und Wider, wichtig ist immer der Optimismus! Es ist nicht immer alles leicht, aber man hat es durchaus in der Hand, sein Leben glücklich zu machen, wenn man den Mut hat, etwas zu ändern!“

Langzeitarbeitslose mit hartem Schicksal

Die Prenzlauerin Regina Libert hält dagegen: „Viele Betroffene hangelten sich nur noch von ABM zu ABM oder landeten in Harz IV, weil die Arbeitslage für Arbeitnehmer ab 40 Jahren wirklich schwierig war. Und ein finanzielles Polster konnten sie sich zu DDR-Zeiten kaum anschaffen. Das Gehalt reichte meist nur bis Monatsende. Ob es uns heute besser geht? Na ja, ich bekomme eine kleine Rente, deshalb will ich nicht meckern. Wir sind es gewöhnt, uns einzuschränken. Es ist Einstellungssache, wie gesagt, und man kann sich auch anders betätigen, es muss nicht alles vom Geld abhängig sein.“

Was sagen Sie, liebe Leser, zu dieser Vor-/Nachwende-Diskussion? Wie haben Sie die Zeit nach der Wiedervereinigung erlebt? Schreiben Sie uns oder rufen Sie an in der Redaktion unter Telefon 03984 864712.

 

 

 

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