Fischer Helmut Zahn und Kanuführerin Frauke Bennet stehen wütend am Oderufer bei Schwedt.
Fischer Helmut Zahn und Kanuführerin Frauke Bennet stehen wütend am Oderufer bei Schwedt. Eva-Martina Weyer
Am polnischen Oderufer hat die Polnische Feuerwehr ein Basislager eingerichtet.
Am polnischen Oderufer hat die Polnische Feuerwehr ein Basislager eingerichtet. Eva-Martina Weyer
Vom Boot aus inspizieren Einsatzkräfte die Oder. Die „große Giftwelle“ scheint Richtung Norden weiterge
Vom Boot aus inspizieren Einsatzkräfte die Oder. Die „große Giftwelle“ scheint Richtung Norden weitergeflossen zu sein. Eva-Martina Weyer
Immer mehr tote Fische treiben innerhalb der Sperre.
Immer mehr tote Fische treiben innerhalb der Sperre. Eva-Martina Weyer
Umweltkatastrophe

Giftwelle in der Oder ist durch – das Elend bleibt

Berufsfischer Helmut Zahn fürchtet nach dem Giftskandal an der Oder um seine berufliche Existenz. Aber auch andere lokale Akteure leiden.
Schwedt

Die große Giftwelle in der Oder ist durch, aber das Elend bleibt. Dieser Meinung ist Fischer Helmut Zahn aus Schwedt. Sein ganzes Berufsleben hat er prächtige Zander, Barsche und Hechte aus der Oder und dem Poldergebiet bei Schwedt geholt. Aber so ein Fischsterben wie jetzt hat er noch nicht erlebt. Es ist für die Umwelt und insbesondere für den Nationalpark Unteres Odertal dramatisch. Das Fischsterben geht aber auch an seine eigene Existenz.

Doch nicht nur den Fischer plagen Ängste. Auch Gastwirte, Inhaber von Ferienwohnungen und Pensionen sowie weitere Tourismusanbieter haben in absehbarer Zeit kein Einkommen mehr. Wer will hier noch Urlaub machen? „Ich bin unheimlich wütend“, sagt die zertifizierte Kanuführerin Frauke Bennet von Flusslandreisen. „Gerade hatte sich die Oder bei Kanufahrern in Deutschland einen guten Namen gemacht. Jetzt haben wir hier einen Totalausfall bei den Lebewesen im Fluss. Das hat sogar in die Nahrungskette der Tiere eingegriffen. In Kienitz im Oderbruch wurden tote Biber, Fischotter und Wasservögel angeschwemmt.“

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Frauke Bennet vermisst die Rückendeckung von der Politik. „Unser SPD-Bundestagsabgeordneter Stefan Zierke, der sich den Tourismus auf die Fahnen geschrieben hat, ist in Urlaub gefahren, als das Fischsterben losging. Er hat doch aber hier zu sein bei den Tourismusbetrieben und den Helfern am Wasser.“

Maik Stendera ist Natur- und Landschaftsführer, der sonst Touristen die Schönheiten der Tier- und Pflanzenwelt erklärt. Jetzt könnte er den Besuchern nur sagen: „In der Oder ist das ganze Ökosystem außer Gefecht gesetzt. Wir haben nicht nur tote Fische, sondern auch Kleinstlebewesen, Algen und Schnecken, die zugrunde gegangen sind. Solange wir nicht wissen, was passiert ist, sollte keiner mit dem Wasser in Berührung kommen.“

Wenn die große Welle toter Fische inzwischen auch abgeebbt ist – noch immer schwimmen Kadaver im Fluss, treiben an Land und bleiben in der Uferböschung liegen. Es stinkt zum Himmel. Weil er das Elend nicht mit ansehen kann, hat Fischer Zahn sich selbst eine Sperre aus Kork beschafft und am Brückenpfeiler befestigt. So sammelt er die toten Fische ein: Plötze, Barsche, Zander, sogar ein großer Wels ist dabei. Auf seinem Leib liegen tote Schnecken. „Als ich am Sonnabend an die Oder gekommen bin, hatte ich fast einen Nervenzusammenbruch“, räumt er ein. „Ich habe tote Fische gesehen, aber auch solche, die gerade im Sterben waren. Meine Frau musste mich vom Ufer wegziehen.“

+++ Fischsterben in der Oder „schlichtweg eine Katastrophe” +++

Frauke Bennet sagt: „Ich spreche nicht nur für mich. Für die Fischer und Angler und die kleinen touristischen Unternehmen ist dieses Fischsterben der Hammer. Wir sind mitten in der Saison und verdienen das Geld, das uns über den Winter helfen soll. Für meine Firma ist das existenzbedrohend. Wie und wann es weitergeht, das weiß kein Mensch.“

Sie spricht von einem großen Imageschaden für das gesamte Untere Odertal, und Helmut Zahn ergänzt: „Alle, die sich von der Oder ernähren, sind stolze Menschen. Sie wollen von ihrer Hände Arbeit leben und nicht zum Sozialfall werden.“

Auf der Grenzbrücke, die über die Oder führt, sind in diesen Tagen mehr Menschen unterwegs als sonst. Besorgt schauen sie auf den Fluss, auf dem die silbrigen Leiber dahintreiben. Nur die wenigsten würden sich als Schaulustige einstufen lassen. Steffen Krönert ist Schwedter Einwohner und seit dem Fischsterben fast täglich an der Oder. „Ich bin Naturliebhaber an Land und auf dem Wasser, fahre selber Kanu. Die Oder ist jetzt auf Jahre verseucht. Dieses schlechte Krisenmanagement ist ein Trauerspiel. Das Melden und darauf reagieren hätte schon viel früher passieren müssen und auch die Ölsperren auf deutscher Seite.“

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Krönert beklagt, dass die polnische Feuerwehr in Krajnik Dolny auf der anderen Oderseite viel schneller aktiv geworden sei als die deutsche Seite. „Die haben sofort eine Ölsperre ausgebracht und waren bis vor Kurzem noch mit Ponton, Schubschiff und Bagger im Einsatz, um die toten Fische rauszuholen. Bei uns passiert das per Hand.“

Frank Schmidt aus dem kleinen Dorf Pinnow bei Schwedt ist mit seiner Frau und den vier Kindern an die Oder gefahren. „Meine Familie angelt gerne. Es ist traurig, was wir hier sehen müssen. Wir wollen es unseren Kindern unbedingt zeigen, was passiert, wenn man Gift ins Wasser leitet“, sagt er.

 

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