Arbeitsmarkt

Hartz IV-Bezieherin packt aus

Praktika und Ein-Euro-Jobs gelten gemeinhin als gutes Sprungbrett für einen festen Job. Eine Prenzlauerin hat da leider andere Erfahrungen gemacht.
Silvia Prade versucht, den Mut nicht zu verlieren.
Silvia Prade versucht, den Mut nicht zu verlieren. Claudia Marsal
Prenzlau

„Anfangs habe ich noch geglaubt, was man uns vor Beginn der Praktika und Ein-Euro-Jobs versprochen hat. Dass man später eingestellt wird, wenn man sich nur richtig ins Zeug legt. Dass Firmen gern auf die Leute zurückgreifen, die bei ihnen schon unentgeltlich gearbeitet haben. Dass das quasi unser Sprungbrett zurück in die Arbeitswelt ist. Also haben wir nie auf die Uhr geschaut, immer mehr als die Festangestellten gemacht. Doch was hat es gebracht? Nichts.“

Silvia Prade lacht resigniert auf, als sie von ihren verzweifelten Versuchen, beruflich wieder Fuß zu fassen, erzählt. Nichts von dem sei für sie eingetreten, beschreibt die Prenzlauerin ihr Dilemma: „Es fand sich letztlich immer wieder jemand, der für die Betriebe noch billiger war beziehungsweise für den es eine neue staatliche Förderung gab.“ Und trotzdem habe sie jedes Mal aufs Neue Mut geschöpft, erzählt die gelernte Fleischerin: „Wir haben geschuftet wie verrückt, nur um nach Ablauf der Maßnahme dann wieder auf der Straße zu sitzen.“

Konsum-Konkurs

Ihr persönliches Drama begann 1991 mit dem Konkurs des Konsums. „Ich kam später dann zwar an der Fleischtheke eines Supermarktes unter. Das hat auch viel Spaß gemacht. Doch auch dort bekam man schnell spitz, dass man mit Praktikanten und Studenten billiger fährt.“ 1997 saß sie wieder auf der Straße. Der nächste Hoffnungsanker war die Anstellung als Verkaufsstellenleiterin einer neu eröffneten Fleischereifiliale in Prenzlau. „Der Job war toll. Leider lief dort nur das Frühstücks- und Mittagsgeschäft gut, der übrige Umsatz blieb unter den Erwartungen der Chefs. Deswegen kam es zur Schließung.” 2002 hieß es also wieder aufs Amt gehen und staatliche Leistungen beantragen.

Die Durststrecke endete erst 2006, als Silvias Prade ihren ersten Ein-Euro-Job bekam. Später bescherte eine ABM sogar nochmal ein relativ gut bezahltes Jahr. „Ich habe dafür alles gemacht. Bin Transporter gefahren und Pritschenwagen. Habe Paletten geschleppt und mir abermals ein Bein ausgerissen, um zu gefallen. Immer in der Hoffnung, dass sich daraus eine feste Stelle ergibt, dass man mich behält.“ Doch dabei blieb es. Das Ende der Fahnenstange waren dann die ehrenamtlichen Jobs.

Neue Fortbildung

„Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bringe mich gern für die Gesellschaft ein. Aber wenn einem dort versprochen wird, dass das irgendwann in einer Anstellung mündet und man trotzdem Jahr für Jahr nur vertröstet wird, ist das schon bitter.” Die zweifache Mutter sagte deshalb sofort Ja, als ihr vom Amt vorgeschlagen wurde, bei einem Fortbildungsinstitut einen Crashkurs als Betreuungsassistentin zu machen. Den Demenzbetreuer-Abschluss hatte sie da schon in der Tasche. „Wieder gab ich vier Monate lang mein Bestes, büffelte wie verrückt, nur um jetzt erneut vergeblich Bewerbungen zu schreiben. Davon dass überall Arbeitskräfte gesucht werden, merke ich jedenfalls nichts.”

Praxisnote 1

Dabei wäre die Betreuung von Alten und Dementen voll ihr Ding, wie die Kreisstädterin versichert. „Ich habe sieben Jahre lang meinen Papa gepflegt, bin mit ihm durch alle schweren Stadien gegangen. Ich halte das aus.” Auch was ihre Noten anbelangt, muss sie sich mit ihren 56 Jahren nicht verstecken. „In der Praxis, die ich in der tollen Einrichtung der AWO am Thomas-Münzer-Platz gemacht habe, gab es eine glatte 1, in der Theorie eine 2.” Trotzdem habe es seitdem immer geheißen, dass das leider kein richtiger Pflegeabschluss sei und man sie deshalb nicht einstellen könne. „Das ist doch totaler Mist. Warum bietet man dann solche Qualifikationen überhaupt an? Ich bin schon total deprimiert und habe Angst, wie es weitergehen soll. So wie es jetzt aussieht, bekomme ich künftig monatlich 13 Euro vom Amt, weil mein Mann ja so viel verdient...” Silvia Prade möchte nicht zu Hause sitzen, aber offenbar ist das ihr Schicksal, wie sie abschließend sagt.

Wer eine Stelle weiß, kann sich melden: Tel. 0176 43586876

 

 

 

 

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