Die Zettel hingen am Zaun.
Die Zettel hingen am Zaun. privat
Diese Fotos sind auf der Rückseite zu sehen.
Diese Fotos sind auf der Rückseite zu sehen. privat
Makabre Flyer

Hinter „Döner-Gutschein” verbirgt sich Schockbotschaft

Wie perfide ist das denn? Unbekannte haben in Prenzlau Flyer für eine vermeintlich kostenlose Mahlzeit verteilt. Doch dahinter steckte etwas anderes.
Prenzlau

Beate Hensel geht gern mit ihren Enkeln an der Uckerpromenade spazieren. Aber diesmal war die Carmzowerin froh, am Wochenende nicht mit den beiden sechs und sieben Jahre alten Kindern in die Kreisstadt gefahren zu sein. Denn was ihre Tochter auf dem Spielplatz am See entdeckt hat, ließ sie frösteln. Marie Hensel waren am Sonntagabend große Flyer aufgefallen, die am Zaun steckten. Darauf stand in fetten Lettern „Döner-Gutschein”. Den ersten Zettel ließ die junge Frau noch unbeachtet. Aber als sie wenig später einen zweiten sah, griff sie zu.

+++ Ärzte kritisieren Gesetzeslage zur Beschneidung von Jungen +++

Doch was sie auf dem Papier zu lesen und zu sehen bekam, hatte nichts mit einer kostenlosen Mahlzeit zu tun, sondern war mehr als schockierend. Auf der zweiten Seite waren mehrere Fotos abgebildet, die in Nahaufnahme die Vorhautbeschneidung von kleinen Jungs zeigen. Sogar ein unverpixeltes, kindliches Genital war dort abgebildet. „Sie hat mich ganz aufgeregt angerufen und von ihrer Entdeckung berichtet”, erzählt die 57-Jährige dem Uckermark Kurier: „Ich habe ihr dann geraten, die Polizei zu informieren.”

Flyer beschlagnahmt

Doch ehe sie das Ganze anzeigen konnten, sei einige Zeit vergangen, beklagt die Uckermärkerin: „Es dauerte ewig, bis in der Wache jemand ans Telefon ging.” Als sie den Sachverhalt dann vorgebracht hatte, ging es aber ganz schnell. „Die Beamten sind unverzüglich zur Wohnung von Marie gefahren und haben die Zettel mitgenommen. Vier Stück hatte meine Tochter da schon von der Promenade weggesammelt. Aber es ist vermutlich davon auszugehen, dass noch weitere Flugblätter davon herumliegen.”

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Die Hensels können sich nicht erklären, was oder wer hinter dieser Flyer-Aktion steckt. Einen Absender oder Autor gibt es nicht. Im Begleittext ist nur die Rede davon, dass man die Fotos immer anschauen sollte, wenn der Hunger kommt. „Das spart tausend Kalorien.” Auf der Rückseite wird gefragt: „Lieben Sie blutigen Horror? Dann buchen Sie jetzt Ihre Zusatzpakete, um live dabei zu sein, wenn Kinder... zerschnitten werden... Es übertrifft alles, was sie bisher im Kino gesehen haben.” Bei der Polizei wird der Sachverhalt aktuell geprüft. Die Ermittlungen dazu laufen. Am Abend teilte Polizeioberkommissar Till-Justus Hille mit, dass das Staatsschutzdezernat bereits in ähnlicher Sache wegen des Verdachts der Volksverhetzung gem. §130 StGB ermittele: "Wie es weitergeht, liegt aktuell in den Händen der zuständigen Staatsanwaltschaft." Wer weitere Flyer finde, sollte sich melden.

Per Gesetz erlaubt

Laut einem im Dezember 2012 vom Bundestag beschlossenen Gesetz sind religiöse Beschneidungen an Jungen in Deutschland zulässig. Die Abgeordneten billigten damals nach monatelanger kontroverser Debatte eine Regelung, die den Eingriff erlaubt, wenn er nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt. In den ersten sechs Lebensmonaten dürfen allerdings Säuglinge auch von religiösen Beschneidern, die keine Ärzte sind, beschnitten werden. Auch viele Jahre, nachdem der Bundestag die nicht therapeutische Vorhaut­entfernung an Jungen legalisiert hat, stößt die Entscheidung der Parlamentarier laut Ärzteblatt auf heftige Kritik bei Pädiatern, Kinderchirurgen, Psychotherapeuten und Menschenrechtlern. „Medizinisch nicht indizierte Beschneidungen verändern den Körper irreversibel und stehen bei nicht einwilligungsfähigen Jungen nicht im Einklang mit Gesundheitsschutz und Kindeswohl“, sagte Christoph Kupferschmid für die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) der Zeitung.

Montagabend teilte Polizeioberkommissar Till-Justus Hille mit, dass das Staatsschutzdezernat bereits in ähnlicher Sache wegen des Verdachts der Volksverhetzung gem. §130 StGB ermittele: "Wie es weitergeht, liegt aktuell in den Händen der zuständigen Staatsanwaltschaft." Wer weitere Flyer finde, sollte sich auf der Polizeiwache melden.

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