TOTGEBURT

Ihr kleiner Sohn liegt jetzt auf der Sternenwiese

Sie hatten viele Pläne, doch dann kam Luca bereits in der 19. Woche zur Welt. Tot. Ein Schock für die Eltern, die ihn nicht im Stich lassen wollten.
Schwerer Abschied: Nancy Nowack und Dietrich Salwasser sind trotzdem froh, dass sie Sohn Luca in ihrer Nähe haben.
Schwerer Abschied: Nancy Nowack und Dietrich Salwasser sind trotzdem froh, dass sie Sohn Luca in ihrer Nähe haben. privat
Prenzlau.

Die Geburt des ersten Kindes – wie hatte sich Nadja Nowack auf diesen Moment gefreut. Vom ersten Augenblick der Schwangerschaft an fieberte die 30-Jährige der Ankunft des neuen Erdenbürgers entgegen. Endlich zu dritt – auch ihr Partner konnte es nach dreieinhalb Jahren Beziehung kaum erwarten, erneut Vater zu werden. Doch in der 19. Woche endete jäh der Traum vom Familienglück.

Da musste Schweißer Dietrich Salwasser (27) seine Freundin ins Krankenhaus bringen, weil es ihr schlecht ging. Die Altenpflegerin erzählt, dass sie schon bei der Ankunft in der Klinik geahnt habe, dass etwas Schlimmes passiert sei. Die sorgenvollen Blicke der Ärzte aufs Ultraschallgerät wird die junge Frau nie mehr vergessen. „Wie im Nebel habe ich vernommen, dass es keine Herzaktivitäten mehr gibt. Die Töne meines Kleinen waren einfach verstummt.“

Schlag in den Magen

Die Uckermärkerin erzählt, dass das für sie wie ein Schlag in den Magen gewesen sei: „Mir wurde urplötzlich schlecht, ich konnte nicht mehr klar denken.“ Regelrecht fassungslos sei sie dann aber gewesen, als die Ärzte ihr eröffneten, dass sie das tote Kind auf normalem Weg zur Welt bringen soll. „Das war so absurd und unwirklich“, erzählt Nadja Nowack unter Tränen: „Ich wollte, dass dieser Albtraum sofort ein Ende hat. Aber dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung.“ Die jungen Eltern bezogen stattdessen ein Zimmer und warteten darauf, dass sich die Wehen steigerten.

Die Fruchtblase war zu diesem Zeitpunkt schon geplatzt. „Aber mein Körper wehrte sich, den Kleinen gehen zu lassen“, setzt die junge Frau leise hinzu: „Am Morgen nach der Einlieferung waren die Wehen plötzlich vorbei. Ich betete inständig, dass mir der Bauch aufgeschnitten und das Kind entnommen wird“, beschreibt Nadja Nowack die verzweifelten Gedanken in dieser Situation. Aber es sollte dann nochmal Stunden dauern, bis sich die Ärzte zur OP entschlossen und sie dank Narkosemittel wegdämmern durfte.

„Nach dem Aufwachen wurde ich gefragt, ob ich das Baby nochmal sehen will. Doch in meiner ersten Not sagte ich Nein. Auch mein Partner wollte diesen Wunsch von mir respektieren.“ Stunden später traf das Paar dann eine andere Entscheidung. „Als man uns sagte, dass Luca, so sollte unser Sohn heißen, zu einem Sammelgrab nach Greifswald gebracht werden soll, fingen wir wieder an, klar zu denken.“ Zunächst bat Nadja Nowack eine Mitarbeiterin darum, Hand- und Fußabdrücke des Kleinen zu machen. „Schwester Katrin ermutigte uns auch, unseren Jungen nochmal zu uns zu holen. Sie sagte, dass sie ihn bereits gesehen habe und dass das ein fertiges Kind gewesen sei, nur eben miniklein und nicht lebensfähig.“

Schon Fingernägel

Diese Schilderung fanden sie wenig später bestätigt. Dietrich Salwasser erzählt, dass der Kniprs schon richtige Fingernägel und sogar leichte Augenbrauen gehabt habe. Mit ihrem toten Sohn im Zimmer entschieden die zwei, ihn nicht als „Präparat Nowack“ entsorgen zu lassen, sondern nach einer Möglichkeit zu suchen, ihn in der Nähe bestatten zu lassen. „Wir brachten es nicht mehr übers Herz, ihn wegzugeben. Das wäre so gewesen, als ob wir ihn im Stich lassen.“

Durch Steffen Kellner, einen Bekannten der Familie, erfuhren die beiden von der Möglichkeit, das nur 250 Gramm schwere tote Kind auf dem Friedhof Schwedt beerdigen zu lassen.

Auf dem Friedhof

„Dort gibt es seit 2019 eine Sternenwiese, die den Kindern unter 500 Gramm vorbehalten ist“, erzählt die junge Frau. An diesem Platz traf sich Tage später dann die Familie, um von Luca Abschied zu nehmen. „Dank des Bestattungsunternehmens Kellner haben wir eine wunderschöne Zeremonie erleben dürfen. Luca war das erste Baby, das dort seine letzte Ruhestätte fand.“ Unterstützung gab es auch vom Verein Sternenzauber und Frühchenwunder. Auf der Wiese steht ein Baum, an welchem die jungen Eltern eine Schiefertafel mit seinem Namen anbringen dürfen. Kleine Autos und Stofftiere schmücken die Stelle, an der sein Minisarg in die Erde gelassen worden ist. Nadja Nowack ist froh, sich für diesen Schritt entschieden zu haben. „So können wir jederzeit bei ihm sein, wenn es uns schlecht geht.“ Sie selbst fürchtet den Tag, an dem sie wieder arbeiten muss. „Dann werden mich meine Klienten bestimmt fragen, warum ich schon wieder da bin und wo mein Kind geblieben ist...“ Aber es macht ihr das Ganze vielleicht leichter, dass die Antwort darauf, kein „Ich weiß nicht“, sondern „Auf dem Friedhof“ ist.

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