HILFERUF

Jeder Neunte sitzt schon mit seinen Kindern zu Hause

Obwohl seine Mitarbeiter in der „nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr” tätig sind, wird der Anspruch auf Notbetreuung verwehrt, beklagt Jonny Lipski von Securitas.
Jonny Lipski, Chef der Schwedter Außenstelle der Securitas GmbH
Jonny Lipski, Chef der Schwedter Außenstelle der Securitas GmbH Claudia Marsal
Alle Kollegen haben aus der Kreisverwaltung eine Ablehnung bekommen.
Alle Kollegen haben aus der Kreisverwaltung eine Ablehnung bekommen. Claudia Marsal
Prenzlau.

Schon unter normalen Umständen ist Personalplanung in Betrieben eine große Herausforderung: Krankheit, Urlaub, Überstunden – ganz vollzählig ist Belegschaft nie, aber die Arbeit muss trotzdem geschafft werden. Die Coronakrise hat das Thema allerdings enorm zugespitzt, weiß Jonny Lipski. Als Betriebsstättenleiter der Securitas GmbH hat der 34-Jährige am Standort Schwedt 81 Mitarbeiter im Sicherheitsdienst unter sich. Darunter sind auch viele junge Eltern, was der Firma derzeit auf die Füße fällt.

Durch den Lockdown sehen sich einige der Mütter und Väter nun zum zweiten Mal gezwungen, mit ihrem Nachwuchs zu Hause zu bleiben. „Aktuell trifft es nur die mit den kleineren Schulkindern”, erklärt der Mittenwalder – wobei das auch schon neun Kollegen seien, also jeder Neunte fehle.

„Ich gucke deshalb jeden Morgen besorgt auf die Inzidenzzahlen für unseren Landkreis. Sollte die Marke 300 überschritten werden, machen nämlich auch die Kitas für den Normalbetrieb zu. Dann bräuchten zusätzlich alle Eltern mit den ganz kleinen Sprösslingen eine Notbetreuung. Doch genau die steht meinen Angestellten offenbar nicht zu.”

Alle Anträge abgelehnt

Empört hat der junge Chef zur Kenntnis genommen, dass der Landkreis Uckermark bei allen antragstellenden Mitarbeitern der Securitas GmbH Absagen erteilt hat. Auch ihn selbst würde das im Falle der Kita-Schließungen hart treffen. Zwei der vier Kinder machen bereits Homeschooling, wobei seine Frau zum Glück auf Homeofffice umsteigen konnte und auch er immer öfter von zu Hause aus arbeitet.

„Aber wenn außerdem die beiden Jüngsten, der Kleine ist erst ein Jahr alt, nicht mehr in die Betreuung gegeben werden können, weiß ich nicht, wie das künftig funktionieren soll.” Der Uckermärker appelliert deshalb im Interesse aller an das Jugendamt, die Systemrelevanz seines Unternehmens noch einmal neu zu bewerten. „Die Mitarbeiter, die das bei uns betrifft, sind allesamt in großen Industriebetrieben tätig. Sie arbeiten dort im Schichtdienst zur sogenannten nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr, müssen also kritische Infrastruktur bewachen. Wieso ist so etwas nicht systemrelevant?”

Justiz und Gesundheitswesen wichtig

Im Schreiben des Landkreises findet sich die Position der „sonstigen nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr” zwar, aber für die Seciuritas-Beschäftigten scheine sie offenbar trotzdem nicht zu gelten. Als anspruchsberechtigt werden von der Behörde folgende Branchen benannt: Gesundheitswesen, Pharmazie, Internate, Erzieher und Lehrkräfte, Rechtspflege, Justizvollzug, Maßregelvollzug, Daseinsvorsorge für Energie, Abfall, Wasser, Personennahverkehr, Informationstechnologie, Telekommunikation, Leistungsverwaltung, Land- und Ernährungswirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel, Versorgungswirtschaft, Medien (einschließlich Zeitungszustellung), Veterinärmedizin, für kritische Infrastruktur tätige Reinigungsfirmen, für die Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs wichtiges Personal und freiwillige Feuerwehren und Hilfsorganisationen sowie zur Aufrechterhaltung der Staats- und Regierungsfunktionen in der Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltung nötige Mitarbeiter, Polizei, Rettungsdienst, Katastrophenschutz, Feuerwehr, Bundeswehr.

Die Antwort vom Landkreis dazu lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

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Kommentare (1)

Mal ein relativ wertfreier Artikel von Claudia Marsal. Danke dafür.

Aber die Überschrift heizt im üblichen Skandal-Jargon die Stimmung an und zielt auf eine ungute soziale Stimmung. Das ist bedenklich.

Angst und Unmut zu verbreiten nutzt den politischen Rändern und dem Extremismus.

Journalismus mit Verantwortung legt daher Wert darauf, eine konstruktive Perspektive auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu entwickeln.

Ein Hilferuf: Jeder neunte sitzt schon mit seinen Kindern zu Hause - impliziert, dass es bald noch schlimmer wird, wenn man JETZT nicht sofort aktiv wird. Eine agitatorische Rethorik.

Schon haben die ohnehin überlasteten Jugendämter noch mehr aufgebrachte Eltern auf dem AB. Und was bringt das?

Menschen in Not brauchen konstruktive und lösungsorientiert arbeitende Ämter. Damit das gelingt könnte der Journalismus einen Beitrag leisten und erklären, was gegenwärtig alles unternommen wird, um die Lage zu händeln und vielleicht auch, wie man sich hier um Unterstützung und Klärung bemühen kann. Das hätte einen informativen Mehrwert.

Die Liste der Berufe zu veröffentlichen, die als systemrelevat eingeschätzt werden, ist ja schon mal ein Anfang. Dann hat man eine Grundlage, die Situation besser einschätzen zu können.

Meine Meinung: Journalismus sollte informieren und nicht aufhetzen! Da letzteres für unseren sozialen Frieden, für jeden einzelnen, der durch Aufhetze in eine wenig konstruktive Haltung gerät und für unsere Demokratie gefährlich ist.

Ich bitte um Verantwortung im Journalismus.