BAUERNFRUST

Landwirt platzt der Kragen in Wolfshagen

Bauern würden mehr in neue Vorhaben investieren, wenn die behördlichen Hürden und Kosten nicht so hoch wären – davon ist Unternehmer Thomas Vahle überzeugt.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke wollte am Donnnerstag von Getreidehändler Thomas Liermann (Mitte) und Landwir
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke wollte am Donnnerstag von Getreidehändler Thomas Liermann (Mitte) und Landwirt Thomas Vahle aus Wolfshagen wissen, wo der Schuh drückt. Die beiden packten aus. Claudia Marsal
Wolfshagen ·

Thomas Vahle hält mit seiner Meinung nie hinterm Berg. Der Landwirt ist als Fan klarer Worte über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Der Bauer wird nicht müde, auf öffentlichen Veranstaltungen und in den Medien auf die schwierige Situation in seiner Branche aufmerksam zu machen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke dürfte also gewusst haben, worauf er sich einließ, als er einen Vor-Ort-Termin anbot, bei dem alle heißen Eisen diskutiert werden sollten. Thomas Vahle enttäuschte nicht. Gemeinsam mit Ehefrau Thekla, die wie er Gesellschafterin und Geschäftsführerin des Familienbetriebes ist, rechnete der Wolfshagener am Donnerstag vor allem mit dem Regulierungswahn in Deutschland ab, für den die beiden Unternehmer Politik und Verwaltung verantwortlich machen. Der 46-Jährige erklärte das an einem kleinen Beispiel, dem „mobilen Hühnerstall”, mit dem er das Portfolie seines Bio-Betriebes ergänzen wollte. 250 Hennen sollten dort perspektivisch an der frischen Luft vor sich hingackern und begehrte Bio-Eier legen. „Doch als wir uns mit den Genehmigungen dafür befasst haben, sind wir fast umgefallen”, erzählte die 36-Jährige dem Politiker. Letztlich würde ihnen das beinahe so teuer kommen, als wenn sie eine 20.000 Hühner-Anlage in Planung hätten, verdeutlichte die Landwirtin.

5000 Euro für Genehmigung

„Das ist doch Wahnsinn, die Verhältnismäßigkeit wird überhaupt nicht mehr gewahrt. Allein die Genehmigungskosten hätten sich auf über 5000 Euro belaufen. Da fasst man sich doch an den Kopf”, setzte ihr Mann empört hinzu: „Und wenn wir den mobilen Stall dann versetzen lassen, begänne das Ganze von vorn, weil dann nämlich ein anderes Flurstück ins Spiel kommt. Irrsinn!” Mittlerweile sei es so, dass bei allen Vorhaben ein riesiger Verwaltungsapparat in Gang gesetzt werde und dass die Kosten ins Unermessliche stiegen, „weil jedes Amt ein spezielles Gutachten vorgelegt haben will.” Außerdem habe man oft den Eindruck, dass in den Verwaltungen Anträge aus der Wirtschaft immer wieder in die Runde gegeben würden, also jeder nochmal weiter reiche, um ja nicht die Unterschrift geben zu müssen.

Stefan Zierke räumte ein, dass auch er sich dieses Eindrucks manchmal nicht erwehren könne: „Das liegt vermutlich daran, dass Entscheidungsträger Angst vor Konsequenzen haben. Sie können hundertmal richtig entschieden haben, beim ersten Fehler wird oft sofort die Forderung laut, dass Köpfe rollen müssen. Der Druck ist immens groß.” Deshalb fordere er mehr Entscheidungsfreiraum und letztlich auch Schutz, wenn es Gegenwind gebe, so Zierke.

Rückzieher gemacht

Vor sieben Jahren hätten die Vahles beinahe einen neuen 400er Kuhstall errichten lassen, erinnerte sich der Bauer zurück: „Es war fast alles in Papier und Tüten, der Kredit stand, die Baugenehmigung lag vor.” Und sie selbst waren schon um Zehntausende Euro ärmer. Letztlich sagten die beiden eine Woche vor Baubeginn das Vorhaben doch noch ab, „weil uns klar geworden war, dass es sich nicht rechnen wird, weil Lebensmittel in Deutschland nicht wertgeschätzt werden.” Schon jetzt komme in Prenzlau mehr polnische Milch an als von den hiesigen Bauern, führte Thomas Vahle weiter aus: „Kein Wunder, 50 Kilometer hinter der Grenze nimmt man es mit den Auflagen nicht so genau. Oder die Regierung erlässt Ausnahmeregelungen. Hinzu kommt das viel niedrigere Gehalt.” Hier habe man schon mit zehn Euro Mindestlohn Schwierigkeiten, überhaupt noch Melker zu finden, betonte seine Frau: „In Polen werden fünf Euro gezahlt, kein Wunder, dass die Produktion um ein Vielfaches billiger ist. Aber der deutsche Verbraucher ist einfach nicht bereit, mehr zu bezahlen.”

Biomarkt-Katastrophe

Das wollte Stefan Zierke dann allerdings doch nicht so stehen lassen. Er habe den Eindruck, dass ein Umdenken in der Gesellschaft eingesetzt habe. An diesem Punkt klinkte sich Thomas Liermann ein, der ebenfalls mit in der Runde saß. Als Getreidehändler registriere er mit Erschrecken, dass auf dem Biomarkt in den letzten Jahren eine Katastrophe passiert sei. Aus der einstigen Nische sei dank Förderung ein großer Markt geworden. „Viele haben auf Bio umgestellt, doch wir müssen ihnen jetzt sagen, dass zu viel Bio da ist und deshalb nur der konventionelle Preis gezahlt werden kann. An dieser Stelle sind dann wir die Dummen. Doch an uns liegt es ja nicht.” Stefan Zierke versprach, die Probleme mit in die Fraktion zu nehmen und zu prüfen, inwieweit man in Berlin darauf reagieren könne.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Wolfshagen

zur Homepage

Kommentare (2)

das Gejammer kann ich nicht mehr hören. Es ist ja richtig das Lebensmittel nicht wirklich Wert geschätzt werden. Da gebe ich ja Recht. Aber werden Landwirte nicht gefördert, subventioniert was das Zeug hergibt?! Ohne Subventionen würde kaum ein Betrieb wirtschaftlich sein.
Was machen andere Unternehmen die sich nicht Landwirt nennen? Wenn die neue Maschinen brauchen müssen sie auch zusehen wie sie es machen. Da gibt es eine nette Seite im Netz wo man sehen kann wieviel Fördermittel der hiesige Landwirt bekommt, da wird mir übel wenn man das liest!

Hat Recht was den steigenden bürokratischen Irrsinn angeht. Vor allem müsste es Wege geben, dem Verbraucher schnelle vor OrtWege zu geben, an die Waren zu kommen. Mal eben einen Liter Milch, ein paar Eier und Gulasch für den Sonntag - das ist legal mit so vielen Auflagen verbunden, dass einige schlicht die Milch in den Lkw tanken, der sie dann weit weg karrt. Ich finde es traurig das die nächste Milchtankstelle nicht im Verhältnis ist durch die Kilometer. Einiges nimmt man dann vor Ort mit wenn man eben zufällig die Möglichkeit hat. Aber es fehlen viel mehr Umschlagplätze, die dann auch genutzt werden. Es geht eben nicht nur um die Fördermittel sondern auch den bürokratischen Wahnsinn. Für alles dann Anträge und bezahlte Abnahmen und Kontrollen nur wenn dann das Ei keiner mehr für 50Cent kauft lässt der Bauer es lieber ganz.
Gerade für die urbanen Gebiete sehr schade. Ländlich gibt es ja eben doch noch schneller die Möglichkeit Eier, Entenbraten und co zu bekommen.