SCHICKSAL

Missbrauchsopfer weiß: Nähen ist Therapie

Juliane Dahm aus Prenzlau ist krank, weil ihr als kleinem Kind schlimme Dinge angetan wurden. Um die Seele zu heilen, sind ihre Hände im Dauereinsatz.
Auch schicke Outfits für Minis schneidert die junge Frau.
Auch schicke Outfits für Minis schneidert die junge Frau. privat
Juliane Dahm experimentiert gern mit bunten Stoffen. Diese lustigen Sachen entstanden für die Küche.
Juliane Dahm experimentiert gern mit bunten Stoffen. Diese lustigen Sachen entstanden für die Küche. privat
Einer der beliebten Leseknochen.
Einer der beliebten Leseknochen. Claudia Marsal
Juliane Dahm bezieht nur eine kleine Rente.
Juliane Dahm bezieht nur eine kleine Rente. privat
Die hübschen Schürzen sind ein beliebtes Geschenk.
Die hübschen Schürzen sind ein beliebtes Geschenk. privat
Vor Weihnachten steht die Nähmaschine nicht still.
Vor Weihnachten steht die Nähmaschine nicht still. privat
Jedes Unikat bekommt einen Aufnäher mit ihrem Namen.
Jedes Unikat bekommt einen Aufnäher mit ihrem Namen. privat
Auch im Töpfern ist sie geübt.
Auch im Töpfern ist sie geübt. privat
Prenzlau.

Juliane Dahm ist in frühester Kindheit missbraucht worden. Bis heute leidet die gelernte Heilerziehungspflegerin unter den Folgen. 2016 fing nach der Psyche auch ihr Körper an zu streiken. „Ich konnte nicht mehr laufen, bekam Entzündungen in Gelenken, Muskeln und Sehnen“, blickt die 37-Jährige zurück. Seitdem muss sie mit der Diagnose Rheuma und chronisches Schmerzsyndrom leben. Sie bezieht mittlerweile Erwerbsminderungsrente und hat lange nach einer Ablenkung gesucht, damit ihr zu Hause die Decke nicht auf den Kopf fällt. Ihre Hände brauchten etwas zu tun.

„Bei der Ergotherapie habe ich dann mit dem Nähen angefangen. Ich wollte das unbedingt lernen“, erzählt die Uckermärkerin. Wenig später habe ihr eine Bekannte dann eine ausrangierte Nähmaschine geschenkt. „Im Gegenzug habe ich ihr eine Gewichtsdecke genäht.“ Letztes Weihnachten gönnte sich die gebürtige Prenzlauerin aber ein neues Modell. Sie merkte nämlich, wie gut ihr die Handarbeit tut. Damit konnte sie nicht nur die Nähskills verbessern, wie sie sagt; sondern auch auf andere Gedanken kommen.

Großer Traum

„Anregungen hole ich mir fast ausschließlich bei „YouTube“, dort gibt es prima Anleitungen. Auch aus Nähbüchern mit Schnittmustervorlagen habe ich schon einiges nachgemacht. Mein Traum wäre eine Overlock-Nähmaschine. Aber die guten Modelle kosten etwas mehr. Da muss ich noch sparen, sofern das möglich ist mit meiner Mini-Erwerbsminderungsrente. Aber damit könnte ich dann sogar Kleidung nähen.“

Die Materialen zum Nähen könne man heutzutage fast überall kaufen, sagt sie mit Blick auf Nachahmer: „Stoffe sind günstig zu bekommen. Und Zubehör gibt es sogar in Kramläden wie Tedi & Co., wobei ich da doch eher auf Qualität achten und etwas mehr Geld ausgeben würde. Sonst kauft man nämlich zwei Mal.“ Die Auswahl sei riesig, man müsse halt schauen, was man wirklich benötige, sich leisten könne und immer schön Preise vergleichen, rät Juliane Dahm anderen. Auch mit Thema Töpfern beschäftigt sich die kranke Frau jetzt wieder. „Ich war in der Schule schon mal in einer Töpfer AG. Da habe ich die ersten Techniken kennengelernt. Und es war auch meine Eintrittskarte für den Leistungskurs ab der 11. Klasse. Erst während meiner Arbeit als Heilerzieherin kam ich damit wieder in Berührung. Und eine liebe Bekannte aus Prenzlau töpfert leidenschaftlich gern, da haben wir schon öfter im Sommer in ihrem Garten gesessen und waren gemeinsam kreativ.“

Ärzte und Therapeuten beschenkt

Neben dem Therapieeffekt näht, töpfert und bastelt die 37-Jährige auch, um zu verschenken. Die Beschenkten sind Freunde und Familienangehörige. „Aber auch meine Ärztin und ihre Arzthelferin werden jedes Jahr zu Weihnachten beschenkt, ebenfalls meine Therapeutin. Mein Physiotherapie-Team, wo ich seit zwei Jahren dauerhaft in Behandlung bin, bekommt ebenfalls eine Kleinigkeit, einfach als Wertschätzung für die tolle Arbeit. Denn das, was ich nähe, töpfere, bastle kommt definitiv immer von Herzen.“

Ihr Fazit: „Handarbeit lenkt mich ab, ich bin kreativ, und vor allem habe ich meistens direkt ein Ergebnis und damit auch ein Erfolgserlebnis.“ Das tue dann der Seele gut.

 

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