Gisbert Amm will sich jetzt wieder mehr dem eigenen Schreiben widmen.
Gisbert Amm will sich jetzt wieder mehr dem eigenen Schreiben widmen. Bernhardt Rengert
Das „Lyrikhaus” in Joachimsthal ist als einst Deutschlands einzige Lyrik-Buchhandlung jetzt Geschichte.
Das „Lyrikhaus” in Joachimsthal ist als einst Deutschlands einzige Lyrik-Buchhandlung jetzt Geschichte. Bernhardt Rengert
Lyrikhaus

Mit Lyrik lässt sich nur schwer Geld verdienen

Das Lyrikhaus in Joachimsthal war Dichtertreff und Lesecafé, vor allem aber eine Zeit auch Deutschlands einzige reine Lyrikbuchhandlung. Nun ist es zu.
Joachimsthal

Es war ein ambitioniertes Projekt, mit viel Liebe und voller Enthusiasmus gestartet und sechs Jahre am Leben gehalten. Kein Donnergrollen, kein Aufschrei, aber mit der 45. Autorenlesung in seinen Räumen am Lehmofen schloss das Lyrikhaus Joachimsthal in der Glockenstraße 23 am 16. Oktober diesen Jahres nun seine Pforten.

Bekannte Gäste

Thomas Böhme, Kerstin Hensel, Uwe Kolbe und selbst der „Das Gedicht“-Herausgeber und Lyriker Anton G. Leitner aus Bayern waren hier zu Gast. Viele Bekannte und auch weniger bekannte Lyriker gaben den Besuchern einen Einblick in ihr dichterisches Werk, auch der Betreiber selbst. Vor allem aber war das Haus in all den Jahren Deutschlands einzige reine Lyrik-Buchhandlung! Selbst rare, nur im Eigenverlag und oft in winzigen Auflagenhöhen erschienene Bändchen konnte man hier in den Regalen und auf den Auslagetischen bei Gisbert Amm finden.

Anfangs hielt er an drei Tagen in der Woche, immer freitags, sonnabends und sonntags die Türen offen. Das war auf Dauer neben seinem 30-Stunden-Job als IT-Spezialist nicht zu stemmen, darum hatte er zuletzt nur stets am Freitag und Sonnabend jeweils von 13 bis 19 Uhr geöffnet. Wer mochte, bekam zum Stöbern und Lesen auch frisch gebrühten Kaffee und zu den Lesungen sogar Kuchen von ihm kredenzt. Die guten, oft anregenden Gespräche dazu gab es umsonst. Überrannt wurde er trotzdem nicht, aber das Lyrikhaus hatte seine Freunde.

Neue Pläne

Fragt sich ob im gern postulierten „Land der Dichter und Denker“ Lyrik nicht mehr up to date ist. Amm – mit Lyrik vertraut, mit lebenden Autoren und Lyrikfans gut vernetzt und selbst noch voller Ideen und Pläne – sieht das anders. Er verweist auf große Dichter, die schon Stadien füllten, nennt den Chilenen Pablo Neruda oder den Russen Jewgeni Jewtuschenko. „Jeder Lyriker aber kennt auch die anderes Seite“, meint er vielsagend, zieht flugs einen abgegriffen Paperback-Band hinter sich aus dem Regal und zitiert daraus: „Autorenabend“. Ein ziemlich sarkastisches Gedicht der polnischen Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska, in dem es schon in der ersten Strophe recht ernüchternd heißt: „Zwölf Zuhörer sind im Saal / Zeit anzufangen. / Die Hälfte ist da, weil es regnet, / der Rest sind Verwandte!“ Voll bittersüßer Ironie vergleicht sie ihre Anhängerschar mit der eines Boxwettkampfes, bei dem Frauen „gern in Ohnmacht“ fielen und bleibt dennoch voller Hoffnung. Das spiegelt irgendwie schon ein wenig auch Gisbert Amms Situation und die seines Lyrikhaus-Projektes in Joachimsthal, wohin es ihn einst der Liebe und der herrlichen Landschaft wegen gezogen hatte. Gern erinnert er sich an den Anfang in der Glockenstraße, besonders an die Worte des Lyrikerkollegen und Freundes Richard Pietraß, der ihn nach fast 20 Jahren der Abstinenz auch wieder zum selber schreiben animierte.

Literaturreihe

Geschrieben hatte Amm schon als Schüler. Einfühlsame Lehrer wussten den 1965 geborenen und im thüringischen Gießübel Aufgewachsenen in seinen ersten dichterischen Versuchen zu bestärken. Texte von ihm fanden sich schon in den Sonderheften, die von der DDR-Lyrikreihe Poesiealbum den Teilnehmern des Schweriner Poetenseminars gewidmet waren. Vor der Wende war das schon so gut wie ein Billett auf ein eigenes Autoren-Heft in der legendären Reihe, aber das gibt es bis heute nicht von ihm. Noch nicht müsste man sagen, denn – fortgesetzt von einem kleinen Verlag in Wilhelmshost – gibt es die Lyrikreihe seit einigen Jahren wieder und es sind auch schon etliche Hefte im alten, gewohnten Outfit erschienen. Amm sah und sieht sich gern als Sprachspieler. Ein erster, zaghafter Eintauchversuch in den westlichen Literaturbetrieb aber ließ ihn nach der Wende entsetzt zurückschrecken. Sein Schreibfluss versiegte. Zum Glück nicht auf Dauer, denn inzwischen gibt es manch Neues von ihm. Dafür will und hofft er nun auch wieder mehr Zeit zu haben – „wenn sich eine Tür schließt“, zitiert er ein geflügeltes Wort, „öffnen sich zwei neue.“ So wird hinter der verschlossenen Tür des Lyrikhauses doch auch weiter etwas mit Lyrik passieren – sie wird hier entstehen!

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