Am Tag 2 seines Hexenschusses konnte es Roland Götz nur noch in dieser Stellung aushalten. In einer Prenzlauer Arztpraxis
Am Tag 2 seines Hexenschusses konnte es Roland Götz nur noch in dieser Stellung aushalten. In einer Prenzlauer Arztpraxis wurden ihm dann endlich Schmerzmittel verabreicht, die die Beschwerden erträglich werden ließen. privat
Traurige Erkenntnis

Nach Hexenschuss von allen im Stich gelassen

Arbeitslosigkeit und besondere Lebensumstände haben Roland Götz gezeichnet. Trotzdem hilft er, wo er kann. Doch als er selbst in Not geriet, war niemand da.
Schmölln

Hinter Roland Götz liegen schmerzerfüllte Tage. Los ging das Dilemma am vergangenen Donnerstag. Nachmittags bekam der 58-Jährige plötzlich einen fürchterlichen Hexenschuss. Der langjährige Traktorist konnte sich von einer Minute auf die andere nicht mehr normal bewegen: „Ich hätte heulen können, so weh tat das.“ Stehen, sitzen, liegen – alles bereitete dem Schmöllner allergrößte Pein. In seiner Not rief der viele Jahre im Gerüstbau tätige Uckermärker seine Freunde an.

Aber irgendwie hatte niemand Zeit, mit ihm zum Arzt zu fahren, bilanzierte er tags darauf traurig im Gespräch mit dem Uckermark Kurier. Und einen Notdienst bemühen, das wollte der arbeitslose Mann nicht: „Da gab es vermutlich schlimmere Fälle als mich. Außerdem hoffte ich ja, dass es nachts wieder besser wird mit meinem Rücken.“ Doch das ganze Gegenteil trat ein.

Schreckliche Nacht

Seine Schmerzen potenzierten sich. Somit durchlitt Roland Götz eine schreckliche Nacht, nur um es morgens wieder mit Telefonaten im Bekanntenkreis zu versuchen. Fündig wurde der ehemalige LPG-Mitarbeiter allerdings weiterhin nicht. „Keiner hatte Zeit, um mit mir schnell mal zum Arzt zu fahren. Alle haben Nein gesagt. Das hätte ich nicht gedacht.“ Er selbst hat leider nur ein Moped, und auf das Zweirad kam er wegen seines mörderischen Hexenschusses beim besten Willen nicht mehr rauf. Zu Fuß zur Bushaltestelle zu laufen, das hätte Roland Götz ebenfalls nicht mehr bewältigen können an diesem Tag.

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Erst bei seinem Kumpel Marcel wurde der Kranke erhört. Dieser ließ alles stehen und liegen, um dem Nachbarn zu helfen. „Für uns war das selbstverständlich, schließlich ist der Roland eine Seele von Mensch. Er hat mehr Empathie als die meisten anderen, auch wenn viele wegen seiner Arbeitslosigkeit und seiner Lebensumstände auf ihn herunterschauen. Aber er ist ein ganz wertvoller Mensch, der nie Nein sagen würde, wenn man ihn um etwas bittet“, erklärte die Ehefrau des Helfers. Gemeinsam mit ihrem Mann absolvierte der Schmöllner am Freitag dann einen wahren Arztmarathon. Der Patient konnte es mittlerweile nur noch in gebückter Haltung auf den Knien aushalten, so stark waren die Schmerzen. Schon das Einsteigen ins Auto war ein Kraftakt sondergleichen. Beim ersten Arzt, den er zu Rate ziehen wollte, sei ihm leider nicht geholfen worden, bedauert sein Kumpel Marcel. Dort verwies man auf ein übervolles Wartezimmer und den nahenden Feierabend vorm Wochenende.

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Also ging die Fahrt nach Prenzlau weiter, wo Roland Götz zunächst in einer Praxis ein Schmerzmittel verabreicht bekam und dann weiter an die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses verwiesen wurde. Dort hieß es dann abermals warten. Aber ein paar Stunden später traten die beiden dann endlich den Heimweg nach Schmölln an. Die Familie des Helfers ging mit dem Martyrium an die Öffentlichkeit, „weil es uns traurig macht, dass Roland so lange leiden musste. Er ist immer zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. Die Rückenverletzung beispielsweise hat er sich beim Möbeltragen für einen Bekannten zugezogen. Aber wenn er selbst dann mal in Not ist, hat keiner für ihn Zeit. Das ist wirklich traurig.“ Es sei schade, dass sich die Gesellschaft so entwickelt habe, setzten die beiden hinzu: „Jeder denkt nur noch an sich und sein eigenes Fortkommen. Die Schwachen werden einfach aussortiert. Sie sind der Bodensatz der Gesellschaft.“ Mit dem Artikel wollen die Helfer wachrütteln und anderen vor Augen halten, wie schäbig so ein Verhalten doch ist.

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