ODYSSEE EINES DEPRESSIVEN

"Ohne den Doktor gäbe es mich nicht mehr"

Seit mehr als 20 Jahren ist Mario Schröder depressiv. Sein Leben ist seit jeher von Misstrauen gegenüber anderen geprägt. Doch langsam geht es aufwärts.
Claudia Marsal Claudia Marsal
Mario Schröder schaut wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft.
Mario Schröder schaut wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft. Claudia Marsal
Prenzlau.

Jeder vierte Mann leidet – statistisch gesehen – einmal in seinem Leben unter einer psychischen Störung, viele sogar dauerhaft. Dass Mario Schröder dazu gehören könnte, hätte er selbst nie für möglich gehalten. Bis zum 21. Lebensjahr lief bei ihm auch alles nach Plan, wie der gelernte Agrotechniker rückblickend sagt.

Er absolvierte die Ausbildung in der uckermärkischen Landwirtschaft und zog später nach Niedersachsen, wo er eine gutbezahlte Stelle als Lackierer antrat. Doch an diesem Punkt nahm sein Leben eine unverhoffte Wendung. „Es begann damit, dass ich in der Fabrik plötzlich umzukippen begann, immer und immer wieder”, erinnert sich der Haßlebener zurück. Das passierte ständig, ohne dass die Ärzte eine organische Ursache dafür fanden.

Zunächst tippten die Mediziner noch auf Herzprobleme, aber die Pumpe war in Ordnung. Je öfter er diese Aussetzer hatte, desto größer wurde seine Angst – auch davor, zum Simulanten abgestempelt zu werden. Über Umwege kam Mario Schöder dann nach Berlin, wo Experten endlich erkannten, dass die Psyche der Auslöser ist.

Seele spielt eine Rolle

„An diesem Punkt ging es mir schon so schlecht, dass ich mich freiwillig für zwölf Wochen einweisen ließ”, erzählt Mario Schröder leise. Jetzt, wo klar war, dass die Seele eine Rolle spielte, gestand er sich ein, dass er vermutlich den tödlichen Unfall seines Schwagers nicht verarbeitet hatte. „Dieser war 1985 mit dem Motorrad verunglückt, beim Sterben lag er in meinem Arm...”

Noch schwerer wog vermutlich der Tod seiner Mutter. „Wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Dass sie nicht mehr da war, konnte ich lange nicht akzeptieren.” Quasi zur Trauerbewältigung bewarb sich der zweifache Vater in dieser Situation bei einem Bestattungsunternehmen. „Dort lernte ich, mit dem Tod umzugehen. Danach ging es ein bisschen besser.” Los wurde er sein Leiden aber nicht.

Im Gegenteil. 2010 erwischte ihn die Depression dann mit voller Wucht. „Ich hatte Flashbacks, sah Bilder, die ich nicht mehr aus meinem Kopf bekam. Es war die Hölle. Ich ging allen Menschen aus dem Weg und wollte nur noch meine Ruhe haben, nicht mehr da sein...” Wieder folgten Klinikaufenthalte. Und diesmal gingen die Therapeuten mit ihm bis an den Anfang zurück. „In meiner Kindheit müssen schlimme Dinge passiert sein”, mehr möchte der auffallend zurückhaltende Mann zu dem Thema nicht sagen.

Arzt unendlich dankbar

Zu einer Traumatherapie hat er sich bis heute nicht durchringen können. Aber ihm ist klar, dass die Ursache für seine Seelenpein in frühester Kindheit zu suchen ist.

Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie Angermünde habe er jetzt endlich den Arzt gefunden, dem er sein weiteres Leben verdankt, sagt der 49-Jährige dankbar: „Seit ich bei Dr. Hein in Prenzlau in Behandlung bin, geht es aufwärts.” Nicht geradlinig, sondern schon mit vielen Höhen und Tiefen. Etwas anderes hätte bei seinem Krankheitsbild auch verwundert.

Aber das Wissen, dass da jemand ist, dem er sich vorbehaltlos öffnen kann, das gebe ihm seitdem Sicherheit, versucht der EU-Rentner zu beschreiben. Dazu müsse man wissen, dass sein Verhältnis zu anderen Menschen seit jeher von Vorsicht und äußerstem Misstrauen geprägt gewesen sei, setzt der Vater einer 24-jährigen Tochter und eines kleinen Jungen erklärend hinzu.

Vor allem zu anderen Männern habe er bis heute ein gespaltenes Verhältnis. Dass der Doktor trotzdem zu ihm durchdringen konnte, hält Mario Schröder selbst für ein kleines Wunder. Er wolle deshalb die besinnliche Osterzeit nutzen, diesem Menschen einmal Dank zu sagen.

Dank an Lebensgefährtin

„Ich weiß nicht, woher dieser Arzt seine Kraft nimmt, denn das Wartezimmer ist immer voll. Aber ich wünsche ihm, dass er sie niemals verliert und nie vergisst, auch mal an sich selbst zu denken.” Denn eins, so Schröder, habe er während der unzähligen Therapien gelernt: Achtsam mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele umgehen. Daran dass ihm das immer besser gelinge, habe auch noch eine zweite Person eine Aktie, ergänzt er abschließend.

„Meine neue Lebensgefährtin und Mutter meines Jungen nimmt mich so, wie ich bin. Sie akzeptiert, dass ich viel mehr Rückzug als andere Menschen brauche. Dass ich mich manchmal ins Auto setzen und ziellos ein paar Tage durch die Gegend fahren muss. Und dass ich nicht über Gefühle sprechen kann. Sie liebt mich trotzdem und dafür bin ich ihr über alles dankbar.” Anderen Betroffenen wünscht Mario Schröder, dass sie auch auf so einfühlsame Partner bauen können und dass sie den einen Therapeuten finden, der zu ihnen durchdringen kann.

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