NORDKURIER-TALK REDEZEIT

„Putin ist sicher keine Lichtgestalt“

Zwischen Deutschland und Russland knirscht es. Wie der Russlandkenner Robby Scholz das sieht, erklärt er im Interview und am 4. Juni Medienturm in Prenzlau.
Benedikt Dittrich Benedikt Dittrich
Robby Scholz ist ein Russland-Kenner. Am 4. Juni bestreitet er die „Redezeit“ im Prenzlauer Medienturm.
Robby Scholz ist ein Russland-Kenner. Am 4. Juni bestreitet er die „Redezeit“ im Prenzlauer Medienturm. Robby Scholz
Prenzlau.

Herr Scholz, wie gut oder schlecht ist momentan das deutsch-russische Verhältnis?

Es gibt eigentlich mehrere Verhältnisse. Da ist zum einen das Verhältnis der Deutschen zum russischen Volk. Das ist in Ostdeutschland eher gut, im Westen ziemlich gleichgültig. Das politische Verhältnis ist allerdings weiterhin sehr angespannt und eher schwierig.

Warum schwierig?

Wir Europäer leiden im Grunde darunter, dass wir unsere Demokratie als Allheilmittel sehen und überall hin kopieren wollen, ohne dass wir die Sitten und Bräuche, Geschichte und Kultur vor Ort genügend betrachten. Die russische Gesellschaft ist zum Beispiel eher polarisiert, glaubt an starke Führungspersonen und ist daher nicht so sehr an Konsens und Kompromiss orientiert. Außerdem existiert hier und da zuweilen noch das alte Lagerdenken wie zu Zeiten des kalten Krieges. Das ist dann mit gegenseitigen Vorurteilen sowie mitunter vorschnellen Schuldzuweisungen verbunden. Dazu kommen die wirtschaftlichen Sanktionen. Die schaden zwar der deutschen Exportwirtschaft mehr als der russischen, aber es betrifft viele Menschen auf beiden Seiten. Das finde ich nicht in Ordnung.

Lässt sich dieses Spannungsverhältnis wieder auflösen?

Die politischen Konflikte sollten nicht mehr auf dem Rücken der Wirtschaft oder der Bevölkerung ausgetragen werden. Als normaler Bürger können wir auf der politischen Ebene nur zuschauen und müssen den Politikern das Vertrauen schenken. Es gibt allerdings Versuche, auf anderen Ebenen wieder ins Gespräch zu kommen. Das deutsch-russische Forum mit Matthias Platzeck zum Beispiel oder der Verein für Deutsch-Russische Partnerschaft, den Erwin Sellering unlängst initiiert hat. Da geht es darum, sich über den Austausch von Kunst und Kultur, Jugend und Sport wieder anzunähern – inzwischen gibt es dort zum Beispiel auch Mitglieder aus Russland. Das kann eine Möglichkeit sein.

Und das ändert etwas an dem politischen Konflikt?

Es symbolisiert zumindest den Anspruch, etwas zu verändern. Wenn wir wieder miteinander ins Gespräch kommen, zeigt das auch: Wir wollen etwas tun.

Wie ist denn ihre persönliche Sicht auf Russland?

Durch meine Studium im damaligen Leningrad habe seit über 30 Jahren Freunde und Bekannte in Russland. Aber als ich dann nach 1990 beruflich nach Russland gekommen bin, wurde ich als Deutscher oft auch zu anderen Themen angesprochen. Dem habe ich mich nicht verschlossen und mich zunehmend auch Fragen der russischen Landeskunde zugewandt. Ich denke daher, dass die Russen als Volk keinen Krieg mehr wollen. Aber irgendwie glaubt man ihnen das nicht überall auf der Welt.

Liegt das nicht auch an dem Verhalten von Wladimir Putin und den Konflikten, in die Russland involviert ist?

So wird es wahrgenommen. Putin ist sicherlich keine Lichtgestalt der Demokratie, seine Innenpolitik wird inzwischen auch vermehrt von der eigenen Bevölkerung kritisch gesehen. Aber er hat das oligarchische und marode System, in dem er regiert und von dem er abhängig ist, nicht begründet. Außerdem bedeutet „Nie wieder Krieg“ nicht, dass man vor allen anderen einknickt. Putin hat in seiner aktuellen Rede zur Lage der Nation 75 Minuten über die Innenpolitik gesprochen, nur rund 15 Minuten über die Außenpolitik – das ist schon eine klare Tendenz, finde ich. Eine der Hauptaussagen war dabei: Die Souveränität und die staatliche Sicherheit Russlands müssen als Grundlage für die Entwicklung von Volkswirtschaft und spürbarer Verbesserung der Lebensverhältnisse aller Bürger dienen.

Sie waren nicht immer Berater für Unternehmen in Russland. Was verbindet sie mit Prenzlau?

Von 1986 bis 1990 war ich Berufsoffizier in der damals hier stationierten Vermessungseinheit 2. Im Zuge der Umstrukturierung der NVA habe ich mich gefragt, was ich jetzt beruflich weiter machen könnte. Gemeinsam mit Michael Gröning Tristan Hasert und Frank Konopka kamen wir auf die Idee, in Prenzlau die GeoTec Vermessungs-GmbH (heute BLOM Deutschland GmbH) zu gründen. Wir hatten Erfolg, denn der Bedarf an Ingenieurleistungen war hoch. Wir hatten später in der Unternehmensgruppe über Prenzlau hinaus etwa 100 Mitarbeiter und verfügten über ein hohes Leistungsvermögen, sodass wir uns zunehmend auch auf den internationalen Markt wagten. Mit Peter Löwe, der heute bei der Enertrag AG tätig ist, hatten wir da einen bewährten „Frontmann“. Und durch unser Studium in der Sowjetunion waren und sind mir Land und Leute sowie die Sprache bekannt.

In Prenzlau habe ich 20  Jahre meines Lebens verbracht. Ich habe hier viel gelernt, Mitstreiter und Freunde gefunden und in den Jahren eine aufblühende Stadt inmitten einer schönen Landschaft erlebt. Dafür bin ich dankbar.

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