Susanne Isabel Bockelmann lädt am 5. Mai um 18 Uhr zur Ausstellungseröffnung ins Dominikanerkloster Prenzlau ein. Es
Susanne Isabel Bockelmann lädt am 5. Mai um 18 Uhr zur Ausstellungseröffnung ins Dominikanerkloster Prenzlau ein. Es verspricht, ein spannender Abend zu werden. Claudia Marsal
Obdachlosigkeit

Sie gibt den Gescheiterten ein Gesicht

Susanne Isabel Bockelmann hat Jahre damit zugebracht, Mimik zu studieren. Die Zeichnungen der 64-Jährigen sind ab Donnerstag in Prenzlau zu sehen.
Prenzlau

Die Bilder, die Susanne Isabel Bockelmann am Mittwochnachmittag an die Wände der Foyergalerie hängt, haben 40 Jahre und mehr auf dem Buckel. Sie stammen aus der Zeit, als ein, der behüteten Enge einer Hamelner Vierraumwohnung entwachsenes Mädchen zum Kunst-Studieren nach Hamburg zog und dort völlig überwältigt in die (Un-)Tiefen der Großstadt eintauchte. Die sensible Niedersächsin entwickelte damals sofort ein Faible für die Menschen, die ihr fortan täglich über den Weg liefen. Sie begann ziemlich schnell, sie zu zeichnen. Zunächst auf den ellenlangen S-Bahn-Fahrten zur Hochschule, die weit entfernt lag. Ein Block steckte immer griffbereit in ihrer Collegetasche. Später wechselte sie dann zum Beobachten auf die Parkbänke im Hagenbeckschen Tierpark und in die Publikumsreihen bei Gericht. Fotografiert werden durfte dort ja nicht, aber skizziert ... Gesichter, Gesichter, Gesichter; Diebe, Vergewaltiger, ja sogar Mörder.

Für den Stern gearbeitet

In dieser Zeit bekam Susanne Isabel Bockelmann –Jahrgang 1958 – sogar Aufträge großer Magazine. Für den Stern beispielsweise begleitete die Mutter eines erwachsenen Sohnes den aufwühlenden Bachmeier-Prozess um die Frau, die im März 1981 in Lübeck vom Zuschauerraum aus den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter erschossen hatte. „Eine ganz furchtbare Sache“, mehr mag die Künstlerin selbst viele Jahrzehnte später dazu nicht sagen. Schrecklich sei auch das gewesen, was sie wenig später in der Szene mitbekam, in der sie für ihre Diplomarbeit recherchierte, räumt Susanne Isabel Bockelmann ein. Sie verbrachte dafür viel Zeit im Obdachlosen-Milieu. Als blutjunge, mit viel Talent gesegnete junge Frau gab sie diesen Entwurzelten nicht nur ein Gesicht, sondern verlieh ihnen später auch Gehör.

+++ Wie war damals die Wende im Norden? +++

„Selbstaussagen von Außenseitern“, das ist der Untertitel ihres „Obdachlos“-Buches, welches im Anschluss erschien und neben ihren Zeichnungen auch die Lebensberichte der Protagonisten enthielt. Geschichten von Verlust, Angst und Trostlosigkeit, die ihr noch beim Transkribieren der Tonbandmitschnitte körperlichen Schmerz bereiteten, wie sie einräumt. Kein Wunder, schließlich sprachen da ausnahmslos die, die es in dieser Gesellschaft nicht geschafft hatten, die abgerutscht waren und kein Selbstwertgefühl mehr kannten. „Weil ihnen nie jemand gesagt hatte, dass sie etwas wert sind – auch wenn sie trinken, den Job verlieren und kein dickes Auto fahren.“ Biografien wie die der perspektivlosen Hanseaten seien ihr auch in ihrer Wahl-Heimat Uckermark schon untergekommen, räumt die Freischaffende ein. Ob auf dem Prenzlauer Wochenmarkt, am See oder vor der Kasse des Supermarkt-Discounters – „ich erschrecke jedes Mal wieder, wenn ich sehe, wie viele verbitterte, unglückliche und vermutlich einsame Menschen es hier gibt.“

Wende-Opfer

In Prenzlau erklärt sich die Grafikerin dieses Phänomen vor allem mit der Wende, „die so viele aus der Bahn geworfen hat. Das könnte ein Grund für den Frust und den Groll sein, der in viele Gesichter tief eingemeißelt zu sein scheint. Diese Menschen haben zwar noch ein Dach überm Kopf und Familien, aber ihnen ging ihre Vergangenheit verloren. Sie bekamen den selben, leeren Blick wie die Gescheiterten, die ich damals in Hamburg porträtiert habe.“

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Susanne Isabel Bockelmann ist gespannt, ob das auch die Besucher ihrer Ausstellung so sehen, wenn sie am Donnerstag, dem 5. Mai, um 18 Uhr zur Eröffnung ins Dominikanerkloster kommen. „Ich würde mir wünschen, dass ich über diese Bilder mit ihnen ins Gespräch komme und von ihren Lebenserfahrungen höre, die vermutlich weniger trostlos sind, aber ebenso prägend für die späteren Jahre waren.“

Sie selbst habe beispielsweise zeitlebens unter dem Desinteresse ihres leiblichen Vaters gelitten und unter dem frühen Tod ihrer Mutter. Das hat sie aber vielleicht auch besonders empathisch gemacht, was ihren späten Entschluss zu einem Kunsttherapie-Studium, welches sie 2012 mit einem Master abschloss, und der Arbeit mit behinderten Menschen erklären könnte. Ihr Wissen auf diesem Gebiet würde sie gern in Workshops und Kursen weitergeben. Nicht als Festangestellte, sondern auf Honorarbasis. Denn selbst wenn sie äußerst bescheiden auf nur 36 Quadratmetern im Mühlmannstift wohnt, zahlt sich die Miete und was sonst noch so anfällt im Leben nicht allein. Finanziell gesehen gehört also auch Susanne Isabel Bockelmann ganz sicher nicht zu den Gewinnern. Aber sie hat ihr Lebenswerk, das aktuell ausgelagert in Räumen an der Uckerpromenade liegt.

www.susanne-bockelmann.de

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