SCHLECHTER RUF

„Unser Wohngebiet ist doch kein Ghetto“

Zu Unrecht in Verruf gebracht sieht Helga Krüger den Prenzlauer Georg-Dreke-Ring. Die 78-Jährige lebt schon lange dort und fühlt sich dort sehr wohl.
Viele Hausfassaden sind am Georg-Dreke-Ring hübsch gestaltet worden.
Viele Hausfassaden sind am Georg-Dreke-Ring hübsch gestaltet worden. Claudia Marsal
Prenzlau.

Wenn es ein Wort gibt, das Helga Krüger derzeit richtig auf die Palme bringt, dann ist es der Begriff Ghetto. In Verbindung mit ihrem Wohngebiet, dem Prenzlauer Georg-Dreke-Ring, sei diese Titulierung schlichtweg eine Beleidigung, sagt die 78-Jährige empört. An den Uckermark Kurier gewandt hat sich die Rentnerin nach der Berichterstattung über eine kinderreiche Familie, die den dort zugewiesenen Wohnraum für unzumutbar hielt und abgelehnt hatte. „Ganz ehrlich? Das ist eine Frechheit“, erklärt die pensionierte Industriekauffrau. Denn damit beleidige man ihrer Meinung nach nicht nur die Vermieter, die sich hier um ein schönes Umfeld bemühten, sondern auch alle Menschen, die hier leben.

„Mein Mann und ich haben hier vier Kinder groß gezogen“, führt Helga Krüger weiter aus: „Und es ist uns am Georg-Dreke-Ring immer gut ergangen. Kitas, Spielplätze, Apotheken, Schulen, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten – alles findet man in unserem Kiez. Ich weiß wirklich nicht, wie jemand auf die Idee kommen kann, sich zu fein dafür zu halten und das abzulehnen. Erst recht nicht, wenn der Staat Miete und Nebenkosten bezahlt.“

Immer gearbeitet

Diesen Luxus habe sie nämlich nie gehabt, setzt die Seniorin hinzu: „Trotz unserer Kinder sind mein Mann und ich immer voll arbeiten gegangen, um für alles selbst aufzukommen. Viele Jahre sogar im Schichtdienst, ich bei der Bahn, er in der Bäckerei. Wenn man will, dann bekommt man das auch mit Nachwuchs hin.“

Anfang der 1980er Jahre hatte das Ehepaar Krüger mit seinen Sprösslingen die Fünf-Raum-Wohnung im damals neu errichteten Wohngebiet zugewiesen bekommen. Nach vielen Jahren mit Ofenheizung in der Brüssower Allee sei der Umzug in die fernbeheizte „Platte“ ein Riesengeschenk für die Familie gewesen, resümiert unsere Leserin. „In unserem Aufgang lebten damals lauter Familien mit reichlich Nachwuchs“, erinnert sie sich zurück – es gab fünf Vier-Zimmer- und fünf Fünf-Zimmer-Wohnungen. Gestört habe sie dieser Trubel allerdings nie, im Gegenteil, bekräftigt Helga Krüger. Selbst heute, wo gegenüber oft die Knirpse vom „Kinderland“ laut draußen toben, empfindet sie Kinder nicht als Last, sondern als ein Geschenk.

120 Ost-Mark Miete

Sicher sei die Miete, die sie damals bezahlt hätten, nicht mehr mit den heutigen Maßstäben vergleichbar, räumt Helga Krüger ein: „Wir mussten wohl so um die 120 Ost-Mark aufbringen. Aber das war für DDR-Verhältnisse auch schon eine Stange Geld.“ Wie viel so ein Domizil heute kostet, wisse sie nicht, setzt die Rentnerin hinzu: „Wir sind nämlich in eine kleinere Drei-Raum-Wohnung gezogen, als die Kinder aus dem Haus waren.“ Das Wohngebiet verließen die Krügers aber nicht. „Wir wollten nicht weg vom Georg-Dreke-Ring, weil man hier immer noch alles vor der Haustür hat und die Wohnungen gut in Schuss sind.“

In Verruf geraten

Sicher gebe es solche und solche Hausaufgänge, ist der alten Dame bewusst. Aber es liege auch ein bisschen an jedem selbst, wie er mit seinem Umfeld klar komme, ist die Uckermärkerin überzeugt: „Wenn es bei uns im Haus mal Probleme gab, haben wir die angesprochen und auch gelöst bekommen. Das meiste kann man doch gütlich regeln.“

Ihr jedenfalls liegt sehr am Herzen, etwas für die Ehrenrettung des ihrer Meinung nach zu Unrecht in Verruf geratenen Kiezes zu tun. „Je mehr die Plattenbausiedlung schlecht geredet wird, desto größer ist die Abneigung dagegen. Das dürfen wir doch nicht zulassen. Schon gar nicht von Menschen, deren Lebensunterhalt von der Allgemeinheit bestritten wird.“

Jobcenter sollte hart bleiben

Sie fände es nur folgerichtig, wenn das Jobcenter im anfangs erwähnten Fall nicht nachgebe, sondern darauf bestehe, dass die Hartz IV-Familie den zugewiesenen Wohnraum beziehe. „Vielleicht merken sie dann ja auch, dass es hier besser ist als erwartet.“

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