Überlebenstrainer Bastian Barucker stellte bei Thomas Dietz (rechts) in Malchow sein Buch „Auf Spurensuche nach Nat
Überlebenstrainer Bastian Barucker stellte bei Thomas Dietz (rechts) in Malchow sein Buch „Auf Spurensuche nach Natürlichkeit“ vor. Den Wildniscoach treibt aktuell große Sorge um die Gesellschaft um, sagte der 39-Jährige in der vollbesetzten Kirche. Claudia Marsal
Überlebenstrainer rät

„Wir sollten zuerst die Minderheiten hören”

Bastian Barucker hat beim Ausstieg aus der Zivilisation viel über die Demokratie indigener Völker gelernt. Der 39-Jährige wünschte sich das auch hier.
Prenzlau

Bastian Barucker war kein unglückliches Kind. Wenn sich der 39-Jährige zurückerinnert, dann fallen ihm viele schöne Momente ein: „Ich war gut in der Schule, hatte jede Menge Hobbys, habe immer Sport getrieben und einen schönen Freundeskreis gehabt.“ Viel Energie habe er allerdings schon damals in das Wetteifern nach Bestleistungen gesteckt, setzt er nachdenklich hinzu: „Ich wollte mir so vermutlich Anerkennung verschaffen.“ Das konnte nicht gut gehen, ist ihm heute bewusst. Schon früh spürte er trotz der ständigen Beschäftigung mit irgend etwas nämlich Einsamkeit und eine Leere, die er sich nicht erklären konnte. Er tat alles, um dieses Loch in seinem Innern zu füllen. Bastian Barucker ging schon als Teenie auf ausgedehnte Reisen, startete eine Karriere als Hip Hop-DJ, unterrichtete hochbegabte Schüler – doch es nützte nichts. Tief drinnen war etwas nicht im Lot, da schlummerte neben all der Abenteuerlust und Entdeckerfreude noch etwas anderes in ihm.

Zu den Besten gehören

Als der Schriftsteller in dieser Woche bei seiner Lesung in Malchow seine Geschichte zu Gehör brachte, seufzten die Zuhörer an vielen Stellen laut vernehmbar auf. Keine Frage, er hatte mit seinen Erzählungen ein Thema berührt, das den wenigsten fremd war. Mit dem Bedürfnis, immer vorne mitspielen und zu den Besten gehören zu wollen, um wert geschätzt zu werden, stand er nicht allein, das wurde in der großen Runde schnell klar. Deshalb hingen die Besucher vom ersten Moment an wie gebannt an den Lippen des charismatischen Autors, als dieser sein Buch „Auf Spurensuche nach Natürlichkeit“ vorstellte.

+++ Auf Spurensuche nach Natürlichkeit +++

Vor allem, als dieser erzählte, wie er diesem Problem auf den Grund ging. Er näherte sich Stück für Stück seinem anderen Bewusstsein an. Zunächst absolvierte Bastian Barucker eine dreijährige Lehre zum Überlebenstrainer. Er wollte so primitiv wie möglich seinen Alltag gestalten und später anderen dabei helfen, durch erdnahes Leben zu sich zu finden. Damit wuchs sein Wunsch, die erlernten Wildnisfertigkeiten für längere Zeit in der Praxis zu erproben.

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Er kehrte der Zivilisation für ein Jahr den Rücken und ging an einen entlegenen Ort in Amerika. Beim Leben in einem kleinen Clan wurde dem Aussteiger dort schnell klar, „dass unsere Vorstellung von der vollkommenen Kontrolle über die Welt gar nicht funktioniert und dass eine gute Kommunikation die Basis fürs Zusammenleben ist. Es bedarf nämlich der Unterstützung des gesamten Clans, wenn man in der rauen Wildnis überleben will.“ Er lernte, sich klar und sofort zu artikulieren. Ganz anders als früher, wo er Wut, Ärger, Trauer und sogar Freude oft heruntergeschluckt hatte. Das ging in der neuen Umgebung nicht. Hier musste er seine Gefühle unmittelbar und laut herauslassen.“

Bauchschmerzen ernst nehmen

Bastian Barucker lernte in dieser Zeit auch viel über Demokratie; beispielsweise wie wichtig es ist, die für eine Tätigkeit Geeignetsten zu ermitteln und dann auch führen zu lassen, parallel dazu aber unbedingt auf die Minderheiten zu hören, wenn diese mit einer Entscheidung Bauchschmerzen haben.

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„Darauf basiert beispielsweise das Demokratieverständnis von Indigenen in Kanada. Sie hören bei wichtigen Fragen zuerst die Minority an, also die Leute, die Bedenken vorbringen. Denn das sind in der Regel die, die die besseren Antennen haben und ahnen, wenn etwas nicht gut ist.“ Übertragen in die heutige Zeit würde er sich das für Deutschland wünschen, sagte der Redner dem Publikum. Leider sei das Gegenteil der Fall. Wer bei der aktuellen Politik auch nur einen Hauch Zweifel äußere, werde nieder- und mundtot gemacht. Diese Entwicklung sehe er, so Barucker, mit großer Sorge. Obwohl er überzeugt ist, dass der Mensch tief drinnen friedfertig und nächstenliebend sei, sehe er aktuell keine Lösung für diese Problematik, räumte er am Ende ein.

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