Das aktuelle Kriegsgeschehen beschäftigt viele Kinder häufig mehr, als man denkt. Es ist wichtig, die Sorgen der Kin
Das aktuelle Kriegsgeschehen beschäftigt viele Kinder häufig mehr, als man denkt. Es ist wichtig, die Sorgen der Kinder ernst zu nehmen und sie mit ihren Ängsten nicht alleine zu lassen. NK-Montage mit Bildern von Westend61/Mimafoto und Illustrati
Dr. med. Manfred Blütgen ist Chefarzt der Kinder und Jugendpsychiatrie im Ameos Klinikum Ueckermünde.
Dr. med. Manfred Blütgen ist Chefarzt der Kinder und Jugendpsychiatrie im Ameos Klinikum Ueckermünde. Ameos Klinikum Ueckermünde
Interview

Wie spricht man mit Kindern über den Krieg?

Krieg ist ein heikles Thema und oft verbunden mit verstörenden Bildern und Informationen – gerade für Kinder. Was sollten Eltern beachten? Chefarzt Manfred Blütgen gibt Tipps.
Ueckermünde

Ab welchem Alter sollte man mit seinen Kindern über das Thema Krieg sprechen?

Das lässt sich nicht an einem konkreten Alter festmachen. Krieg ist ohnehin ein Begriff, der sich teilweise auch Erwachsenen nur schwer erschließt. Viele von uns gehören zu Generationen, die den Krieg persönlich nicht kennen. Es gibt zwar diesen Begriff, aber wir verbinden damit nichts aus einem persönlichen Erleben heraus. Doch plötzlich werden wir zwangsläufig mit diesem Thema konfrontiert, weil der Krieg quasi vor der eigenen Haustür stattfindet und auch viele Flüchtlinge bei uns Schutz suchen. Im Gespräch mit Kindern über den Krieg ist es wichtig, bei der Wahrheit zu bleiben, aber keine Ängste zu schüren. Und natürlich ist dabei auch die Reife des Kindes zu beachten.

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Sollten Eltern warten, bis ihre Kinder von sich aus das Thema ansprechen? Oder sollte man gezielt das Gespräch suchen?

Wenn Eltern ihre Kinder kennen und ihnen gut zuhören, werden sie selbst den richtigen Zeitpunkt für ein solches Gespräch erkennen. Denn sobald Kinder anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, werden sie viele Fragen haben. Und dann sollten Eltern sich auch die Zeit nehmen, um sich diesen zu stellen. Was man auf keinen Fall machen sollte, ist die Kinder dazu zu drängen und zu sagen: So, jetzt setzen wir uns mal hin und reden über Krieg.

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Das heißt, Eltern oder auch Großeltern sollten da eine abwartende Haltung einnehmen?

Es geht darum, sensibel hinzuschauen, wie der Bedarf der Kinder ist. Und dieser Zeitpunkt wird vielleicht schneller kommen, als es manchen Eltern lieb sein dürfte, bedingt auch dadurch, dass wir mittlerweile viele Flüchtlinge in der Region haben und somit auch Flüchtlingskinder neu in die Klassen kommen oder in den Kitas betreut werden. Da kommen zwangsläufig Fragen auf. Das ist ein guter Aufhänger für einen Gesprächseinstieg. Eltern sollten aber nicht zu proaktiv Informationen geben, die man vielleicht schon als Erwachsener schwer verarbeiten kann, oder nur irgendwelche Wikipedia-Links teilen.

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Manche Eltern wollen ihre Kinder so lange wie möglich von diesem Thema fernhalten. Ist es da sinnvoll, Nachfragen mit der Begründung „Du bist dafür noch zu klein!“ abzublocken?

Nein, Eltern sollten diese Nachfragen auf jeden Fall ernst nehmen, so wie alle anderen Fragen auch, die Kinder stellen. Ein Kind fragt immer nur so weit, wie es selbst auch versteht. Die Antworten müssen deshalb verständlich bleiben. Man sollte Worte benutzen, die das Kind verstehen kann und es nicht mit Informationen überladen. Eltern müssen diese immer vom Reife- und Entwicklungsstand ihres Kindes abhängig machen. Es gibt Achtjährige, die schon ziemlich weit sind und mit denen man auch detaillierter über das Thema sprechen kann. Und es gibt andere Achtjährige, die das noch nicht so verarbeiten können. Das sollte man individuell entscheiden.

Fakt ist, je jünger das Kind, desto weniger kann es die volle Tragweite eines Krieges begreifen. Einem Zehnjährigen ist viel eher klar, dass da auch Menschen sterben. In diesem Alter gehen Kinder mit dem Thema Tod und Endlichkeit ganz anders um als ein Vierjähriger.

Manchmal ist man vielleicht auch ein wenig „genervt“ von seinen Kindern, weil sie immer wieder die gleichen Fragen stellen. Aber Kinder fragen, um Sicherheit zu bekommen. Da sollten Eltern also nicht die Geduld verlieren, sondern es ruhig immer wieder erklären.

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Aber was tun Eltern, wenn Kinder nicht beginnen, Fragen zu stellen?

Manche Kinder wollen einfach nicht reden. Aber sie malen zum Beispiel gern und stellen dabei auch ein Stück weit etwas nach oder verarbeiten damit etwas, was sie aufgeschnappt haben. Wenn Kinder etwas über den Krieg malen wollen, dann sollen sie das tun. Wenn sie mit ihrem Spielzeug Krieg nachstellen wollen, dann sollten sie auch das dürfen. Das ist ein kindlicher Verarbeitungsmechanismus. Es gibt Kinder, die möchten nicht über die eigenen Ängste reden oder viel darüber nachdenken. Wenn sie lieber Klettern oder Spielen und nicht darüber sprechen wollen, dann ist das völlig in Ordnung.

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Einigen Eltern fällt es vielleicht schwer, mit ihren Kindern über Krieg zu reden. Können kindgerechte Bücher oder Videos hilfreich sein?

Auf jeden Fall. Gerade im Vorschulbereich kennt man „Die Sendung mit der Maus“. Da gibt es tolle Videos, in denen Johannes Büchs viele kindgerechte Informationen über den Krieg in der Ukraine und die Hintergründe vermittelt. Da lernt man selbst als Erwachsener teils noch etwas dazu.

Wichtig ist es, sich die Bücher oder Videos gemeinschaftlich mit den Kindern anzugucken. Man sollte allerdings mit einem Vorschulkind nicht unbedingt aktuelle Nachrichtensendungen anschauen. Das überfordert die Kinder, gerade auch die Bilder, einige recht pietätlos, die dort teilweise gezeigt werden. Da sollten sich Eltern eher an kindgerechte Nachrichten wie beispielsweise ZDF-„Logo“ halten. Aber auch diese sollte das Kind nicht alleine angucken. Eltern müssen wissen, was ihre Kinder sehen, denn nur dann können sie Bezug darauf nehmen und Fragen beantworten.

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Sind Sie der Ansicht, dass der Krieg in der Ukraine mehr in der Schule thematisiert werden sollte? Oder liegt das in der privaten Verantwortung der Eltern?

Primär liegt die Informationsvermittlung bei den Eltern, denn sie sind die Erziehungsberechtigten und die unmittelbaren Ansprechpersonen für die Kinder. Eltern sollten nicht alles der Schule überlassen. Und die Schulen reagieren ohnehin auf die Geschehnisse, schon dadurch, dass nun auch Flüchtlingskinder in die Klassen kommen. Trotzdem sollten die Eltern diese Wissensvermittlung nicht an die Lehrer oder Erzieher delegieren. Da sind sie selbst gefragt.

Was sehr wichtig ist: Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir den Kindern nicht pauschal das Bild des bösen Russen vermitteln. Trotz des Angriffs auf die Ukraine ist nicht jeder Russe ein Aggressor.

Dr. med. Manfred Blütgen ist seit 2007 Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ameos-Klinikum Ueckermünde.

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