Eine Anschauungstafel für den DDR-Heimatkundeunterricht zeigte den Schülern der Unterstufe, wie in einer Ziegelei ge
Eine Anschauungstafel für den DDR-Heimatkundeunterricht zeigte den Schülern der Unterstufe, wie in einer Ziegelei gearbeitet wurde. Repro/H. Neuwald
Die leer stehenden Gebäude der Ducherower Ziegelei mit dem ehemaligen Ringofen sind dem Verfall preisgegeben.
Die leer stehenden Gebäude der Ducherower Ziegelei mit dem ehemaligen Ringofen sind dem Verfall preisgegeben. ZVG/H. Neuwald
Die Lore mit gebrannten Steinen steht vor einem Eingang zu einem Ringofen.
Die Lore mit gebrannten Steinen steht vor einem Eingang zu einem Ringofen. ZVG/H. Neuwald
Im Ueckermünder Haffmuseum wird an das Ziegeleigewerbe erinnert.
Im Ueckermünder Haffmuseum wird an das Ziegeleigewerbe erinnert. ZVG/H. Neuwald
Heimatgeschichte

Als Öfen vom Haff noch Backsteine nach Berlin lieferten

Aus der Uecker-Randow-Region kamen mehr als 400 Jahre lang heiß begehrte Backsteine auf dem Wasserweg nach Berlin, Stralsund oder auf die Insel Rügen
Ueckermünde

„Uns Land, veel Sand; öwer längst de Uecker liggt unnerhalf Ton, un de bringt uns Lohn; Denn de Ton ward verteegelt, in alle Welt versegelt. Soelen wie bestahn, darf keiner sich schugen, he nöt bugen!“ Dieser Spruch auf einem Notgeldschein der Stadt Ueckermünde von 1921 lässt erahnen, welche Bedeutung die Ziegelproduktion in der Region einst hatte. Viele Jahrhunderte lieferten die umfangreichen Tonvorkommen südlich der Haffküste den Rohstoff für ein Gewerbe, das die hiesige wirtschaftliche Entwicklung lange wesentlich beeinflusste.

Ziegel per Schiff übers Haff geliefert

Erste Hinweise auf eine Ziegelproduktion in dieser Region Vorpommerns stammen aus dem16. Jahrhundert. So berichtete der Stralsunder Bürgermeister 1562 von 3000 Ziegeln, deren Transport er per Schiff in Ueckermünde geordert habe. In jener Zeit existierten in der Ueckerstadt neben der städtischen Ziegelei zwei weitere, die sich im Besitz der pommerschen Herzöge befanden. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren diese Betriebe wahrscheinlich alle zerstört.

Erst 1701 gibt es wieder Hinweise auf eine Stadtziegelei. Bedingt durch die steigende Nachfrage entstanden im 19. Jahrhundert in vielen Orten der Uecker-Randow-Region Ziegeleien. So zählte man 1864 allein in Ueckermünde zwölf; auch im benachbarten Dorf Hoppenwalde produzierten vier Betriebe Backsteine. In jener Zeit erfolgte der Brand der Ziegelrohlinge in einfachen Feldöfen. Diese Einkammeröfen fassten bis zu 20.000 Rohlinge und wurden meist mit Kiefernstubben befeuert. Bei sechs bis acht Bränden im Jahr war die Anzahl der produzierten Steine recht gering, zumal sich der Brennvorgang nur schwer kontrollieren ließ und viele Steine der gewünschten Qualität nicht entsprachen.

Die Erfindung des Hoffmannschen Ringofens – patentiert 1859 – revolutionierte die Ziegelproduktion. Die neuen Öfen ermöglichten ein kontinuierliches Brennen von Steinen mit gleichbleibender Qualität. Gleichzeitig ergab sich eine vorher nie gekannte Steigerung der Produktion.

Bereits 1862 wurde in Neuendorf der erste hiesige Ringofen in Betrieb genommen. Schon bald arbeiteten die meisten der Ziegeleien mit dem neuen Verfahren. Dass diese Umstellung zur richtigen Zeit erfolgte, zeigte sich schnell. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Anfang der 1870er Jahre – der Zeit der Gründerjahre – begann in Deutschland ein Bauboom, der sich positiv auf die Entwicklung des Ziegelei-Gewerbes auswirkte.

Binnenschiffer waren Nutznießer

Die enorme Nachfrage führte zur Gründung vieler weiterer Betriebe. So existierten damals selbst in kleineren Dörfern oft mehrere Ziegeleien. Neben den 30 Ringöfen im Stadtgebiet von Ueckermünde seien hier Liepgarten und Vogelsang mit je drei, Hoppenwalde mit vier und Eggesin mit sieben Ziegeleibetrieben erwähnt. Von der Produktion profitierte auch die hiesige Binnenschifffahrt. Mit ihrer Hilfe gelangten viele Steine auf dem Wasserweg nach Berlin, Stralsund, Swinemünde oder auf die Insel Rügen.

Die Gründerjahre gelten als Hochzeit der hiesigen Ziegelindustrie. Zeitweilig waren über 1000 Arbeitskräfte in der Branche beschäftigt. Der wirtschaftliche Aufschwung zeigte sich auch in der allgemeinen Entwicklung der Region, unter anderem in der wachsenden Einwohnerzahl. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts sank der Absatz, viele Ziegeleibetriebe kämpften um ihre Existenz. Steigende Arbeitslosigkeit und der Konkurs einiger Produktionsstätten waren Ausdruck einer Entwicklung, auf die man reagieren musste.

So versuchte man mit der Gründung einer Verkaufsgenossenschaft neue Absatzmärkte zu erschließen. Es gelang, Steine nach Russland und Schweden zu verkaufen, allerdings war dies mit hohen Transportkosten verbunden und auf Dauer keine Lösung. Studiert man historische Quellen und Statistiken, erscheint die weitere Entwicklung der Ziegeleiindustrie wie eine Folge von Absatzkrisen, die nur zeitweilig unterbrochen wurden, wenn wirtschaftlicher Aufschwung zu größeren Bauvorhaben führte. Selbst der einst recht sicher erscheinende Berliner Markt ging verloren, nachdem die neuen Zehdenicker und andere märkische Werke riesige Mengen von Ziegeln für die Hauptstadt produzierten. Nur als 1929 mehrere Streiks die Produktion stilllegten, konnten hiesige Betriebe noch einmal 20 Millionen Ziegel nach Berlin liefern.

Produkte trotz fehlender Technik

Im Ersten Weltkrieg wurde in fast allen Ziegeleien die Produktion eingestellt. In den Jahren danach kämpften die meisten Betriebe mit schlechten Absatzbedingungen, einige kapitulierten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und deren versteckter Kriegsvorbereitung änderte sich die Situation. Doch die steigende Nachfrage endete schon bald mit Beginn des Zweiten Weltkrieges. Fehlende Arbeitskräfte und Mangel an Brennmaterial behinderten außerdem die Produktion. Bald wurde in den meisten Betrieben die Ziegelherstellung gedrosselt oder eingestellt.

Als der Krieg beendet war, schien auch die hiesige Ziegelproduktion am Ende. Brauchbare Maschinen und was als Technik noch funktionierte, wurde demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportiert. Ziegeleien, in denen wieder produziert werden sollte, überführte man in Volkseigentum und versuchte trotz fehlender Technik die Produktion zu starten.

Dass dies mit viel Kreativität und Organisationstalent gelang, erscheint heute wie ein Wunder. In der Folge gab es etliche Veränderungen, mit denen man versuchte, mit der oft überalterten Technik effektiver zu arbeiten. So wurden 1953 mehrere Betriebe zum VEB(K) Vereinigte Ueckermünder Ziegeleien zusammengeschlossen, fünf Jahre später produzierte man als Ziegelkombinat Ueckermünde. Die eigentliche Produktion erfolgte im Hauptbetrieb im Ortsteil Berndshof.

Mithilfe neuer Technik wurde der Saisonbetrieb zur Ganzjahresproduktion umgestaltet und erreichte 1965 eine Jahresproduktion von 19,8 Millionen Ziegel. Zum Ende der DDR arbeiteten im Ziegelwerk Berndshof – jetzt Betriebsteil des VEB Ziegelkombinat Bau- und Grobkeramik Halle – rund 200 Beschäftigte. Dann kam die politische Wende.

Ringöfen sind verschwunden

Nach mehrmaligem Eigentümerwechsel und trotz einiger Investitionen wurde am 31. Juli 1997 der letzte Stein produziert. Obwohl weiterhin Tonvorkommen eine Produktion ermöglicht hätten, endete die jahrhundertelange Geschichte der Ziegelproduktion in der Uecker-Randow-Region.

Heute erinnert kaum noch etwas an diesen Wirtschaftszweig. Die langen Reihen der Trockenschuppen, die großen Ringöfen mit ihren Schornsteinen, die Lorenbahnen zu den Tongruben – einst prägten sie das Bild vieler Orte. Mittlerweile sind sie fast restlos verschwunden. Selbst der Versuch auf einem Kreisverkehr in Ueckermünde an die Ziegeleien zu erinnern, erscheint missglückt und künstlerisch misslungen.

Mehr dazu: Bronze erinnert an Ueckermünder Ziegelei-Tradition

Von Hartwig K. Neuwald

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