Marion Beitz, Gunnar van der Pütten, Birgit Pfeiffer und Harald Viestenz (von links) von der Selbsthilfegruppe Schlaganfa
Marion Beitz, Gunnar van der Pütten, Birgit Pfeiffer und Harald Viestenz (von links) von der Selbsthilfegruppe Schlaganfall Torgelow verspüren in der Corona-Pandemie vor allem eines: Einsamkeit. Dajana Richter
Menschen mit Behinderung

Corona lässt ihre kleine Welt noch mehr schrumpfen

Eine besondere Herausforderung ist die Pandemie für Menschen mit Beeinträchtigungen. Mitglieder einer Selbsthilfegruppe berichten.
Bellin

Die Corona-Pandemie verstärkt die Einsamkeit in der Gesellschaft. Vor allem Menschen mit einer Behinderung, deren soziale Kontakte schon vor der bedrohlichen Viruserkrankung begrenzt waren, leiden momentan sehr unter der Isolation. Davon betroffen sind auch die Mitglieder der Selbsthilfegruppe Schlaganfall Torgelow. „Unser Leben wurde in den vergangenen Monaten sehr erschwert, weil die regelmäßigen gemeinsamen Stunden nicht mehr stattfinden können. Die Gruppenarbeit wurde fast auf Null heruntergefahren“, berichtet Gunnar van der Pütten aus Leopoldshagen, der die Gruppe seit 2005 leitet.

„Das ist derzeit wirklich unser größtes Problem. Denn für viele ist die Selbsthilfegruppe der einzige Rahmen, in dem überhaupt soziale Kontakte gepflegt werden können“, ergänzt Harald Viestenz, der seit zehn Jahren rund um die Uhr seine Frau Simone in ihrem Haus in Bellin pflegt. „Wir haben uns zurückgezogen, weil wir uns zurückziehen mussten. Wenn es nach uns ginge, hätten wir weiterhin unser Vereinsleben gelebt.“ Im vergangenen Sommer und Frühherbst hätten sie zumindest ein paar kleine Treffen organisieren können, wie einen Strandspaziergang in Ueckermünde. Doch dann war auch das schon nicht mehr möglich.

Schlaganfälle können nicht nur Ältere treffen

Circa 20 Mitglieder zählt der Verein derzeit, davon vier Angehörige von Betroffenen. Die Männer und Frauen sind zwischen 40 und Ende 70. Das macht deutlich, dass ein Schlaganfall keine Frage des Alters ist. „Ich war 24, als ich meinen Schlaganfall hatte“, erzählt Gunnar van der Pütten, der mittlerweile 43 ist. Eigentlich kommen sie einmal im Monat im „Treff der Generationen“ in Torgelow zusammen, in der Sozialstation des DRK-Kreisverbandes Uecker-Randow, der auch Vereinsträger ist. „Doch dort gibt es viele andere Leute und auch der Pflegedienst hat da seinen Sitz. Und das macht es uns fast unmöglich, alle Vorgaben einzuhalten“, so van der Pütten. „Diese Grundnähe, die wir so an unserer Gruppe lieben, ist derzeit bei den Treffen mit großen Abständen einfach nicht gegeben. Deshalb verzichten wir darauf und ich rufe die Leute stattdessen regelmäßig an.“

Viele Menschen setzen seit Beginn der Corona-Krise auf virtuelle Treffen und versuchen, die fehlenden sozialen Kontakte zu Freunden und der Familie per Video-Chat zu kompensieren. Für die Selbsthilfegruppe ist das keine Alternative. „Das Problem ist, dass viele unserer Mitglieder schwere kognitive Einschränkungen haben und mit dem Rechner oder irgendwelchen Zoom-Konferenzen gar nicht klarkommen“, sagt Harald Viestenz. Einige hätten nicht mal Internet.

Eine Selbsthilfegruppe hilft sich zur Not auch selbst

Doch trotz aller aktuellen Probleme: Sie wissen, dass sie aufeinander zählen können. „Wir sind eine Selbsthilfegruppe, wir helfen uns auch selbst“, sagt Harald Viestenz. „Es haben sich innerhalb der Gruppe auch Freundschaften gebildet, wo man sich gegenseitig unterstützt.“ Und so war die Gruppe auch für viele in der Pandemie eine Art Rettungsanker, den man im Notfall um Hilfe bitten konnte.

Ein besonders enges Band besteht zwischen Familie Viestenz und Birgit Pfeiffer aus Ueckermünde sowie Marion Beitz aus Eggesin. Birgit Pfeiffer musste gleich zwei Mal kurz hintereinander einen Schlaganfall verkraften, 2013 und 2014. „In meinem Kopf gibt es eine Stenose, die sie nicht operieren können, weil sie zu dicht am Sprach- und Sehnerv liegt“, erklärt sie. So könnte der 58-Jährigen auch jederzeit ein weiterer Schlaganfall drohen.

Marion Beitz hatte 2007, mit 43 Jahren, einen Schlaganfall und lebt mittlerweile in einer Wohnung der Volkssolidarität, zu der bei Bedarf auch Pflegepersonal gehört. Und auch wenn sie dort nicht von Besuchsverboten betroffen war – ihr Leben wurde einsamer. So gibt es seit Corona zum Beispiel kein gemeinsames Essen im großen Gruppenraum mehr, stattdessen sitzt nun jeder für sich allein in seiner Wohnung und isst. Auch hier macht sich das Wegbrechen sozialer Kontakte bemerkbar.

Worüber alle Mitglieder sehr froh sind ist, dass in den vergangenen Monaten zumindest die medizinische und therapeutische Versorgung sichergestellt war. Pflegebedürftige erhielten weiterhin die Unterstützung von Angehörigen oder Pflegediensten. „Und unser Hausarzt hat zum Beispiel ermöglicht, dass wir Medikamente und Regelverordnungen für die Logopädie sowie Physio- und Ergotherapie per Post erhalten. Ein Anruf genügt. In Präsens gehen wir nur zur vierteljährlichen Therapie zum Neurologen ins Krankenhaus oder wenn akut etwas auftritt. Und die Therapeuten kamen die ganze Zeit über zu uns nach Hause“, berichtet Viestenz. Es gibt aber auch Gruppenmitglieder, die von sich aus Therapien zeitweise ausgesetzt haben.

Mit Maskenbefreiungen auch Angriffen ausgesetzt

Zu den Schlaganfall-Folgen können neben Gefühls- oder Sprachstörungen auch Lähmungserscheinungen gehören, die zum Beispiel eine verminderte Lungenleistung zur Folge haben. Gibt es in der Gruppe Betroffene, die vom Arzt eine Maskenbefreiung erhielten? „Damit haben wir sehr schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Harald Viestenz. „Meine Frau hatte eine solche Befreiung und wir wollten zusammen in ein Möbelhaus. Aber der Türsteher ließ uns nicht rein, mit der Begründung, die könnten wir auch aus dem Internet ausgedruckt haben. Dabei saß meine Frau sogar im Rollstuhl.“

Und so gibt es auch Gruppenmitglieder, die dieser Tage seltener das Haus verlassen, um die Konfrontation mit zurechtweisenden Mitmenschen zu vermeiden. „Da sind wir wieder beim Thema Vereinsamung“, so Gunnar van der Pütten. Er bedauert, dass denen nicht mehr geglaubt wird, die aus gesundheitlichen Gründen wirklich keine Maske tragen können – nur weil es auch Menschen gebe, die sich eine solche Befreiung besorgen würden, weil sie keine Lust hätten, eine Maske zu tragen.

www.shg-torgelow.de

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