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Eggesin ist ihre letzte Hoffnung

Familienbande: Milana Bekmusaeva mit ihren Kindern Dschabrail, Amina, Saifula, Rayana und Schaarani (v.l.).
Familienbande: Milana Bekmusaeva mit ihren Kindern Dschabrail, Amina, Saifula, Rayana und Schaarani (v.l.).
Martin Schlak

Sie fliehen aus Krisengebieten und suchen Schutz in unserer Region. Doch nicht überall werden Flüchtlinge freundlich empfangen. In Eggesin ist das anders, wie Milana Bekmusaeva erzählt. Die Tschetschenin hat uns die Türen zu ihrer Wohnung geöffnet.

In das Land, auf das sie nun ihre ganze Hoffnung setzt, kam sie mit einer einzigen Tasche. T-Shirts und Hosen für die Kinder zum Wechseln hatte sie mitgenommen, viel mehr nicht. Milana Bekmusaeva erinnert sich nicht gern an die lange Reise aus Tschetschenien. Sie ist froh angekommen zu sein, in Eggesin. Dort öffnet sie die Tür. Baby Saifula schlummert auf ihrem Arm.

Vor sieben Wochen zog Bekmusaeva mit ihrem Mann und fünf Kindern in eine Wohnung in Eggesin ein, es sind nun ihre paar Quadratmeter Hoffnung. Die Tschetschenin bietet einen Tee an – auch wenn sie alles zurücklassen musste, die Gastfreundschaft nahm sie mit. Dolmetscherin Viktoria Damske vom Blauen Kreuz übersetzt, denn die junge Mutter spricht bloß ein paar Wörter Deutsch.

„Ich fühle mich in Eggesin sehr wohl“, sagt sie aufRussisch, „es ist so ruhig hier.“ Die Familie richtete es sich gemütlich ein. Das Blaue Kreuz, das die Asylbewerber begleitet, hatte gebrauchte Möbel aufgetrieben, Utensilien zum Kochen, Spielzeug-Spenden für den Nachwuchs.

Im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm. Rayana und Schaarani, die beiden ältesten Kinder, schauen zu. Viel verstehen sie noch nicht. In der ersten Klasse lernen sie gerade die ersten Wörter Deutsch. „Bei den Hausaufgaben helfe ich ihnen“, sagt Damske. Sie freut sich, wie problemlos die Grundschule die Flüchtlingskinder integriert.

Es gibt aber auch die andere Seite: NPD-Demos gegen Asylbewerber im Sommer, und dann wurde vor einigen Wochen zweimal kurz hintereinander die Haustür-Scheibe im Wohnhaus der Flüchtlinge eingeworfen – fremdenfeindlicher Hintergrund nicht ausgeschlossen. Doch dieseVorfälle trüben das Gefühl von Bekmusaeva nicht, in Eggesin freundlich aufgenommen zu werden. „Schauen Sie, die Blumen hier auf dem Tisch, die hat uns kürzlich jemand geschenkt“, sagt sie.

Sie kann und will nicht mehr sagen

Warum sie sich auf den beschwerlichen Weg von Tschetschenien gemacht hat, darüber sprach sie im Detail mit den Behörden. Die junge Mutter erzählt von Drohungen innerhalb der Familie: Ein entfernter Angehöriger der Familie habe sie mit dem Tod bedroht, die Kinder seien in Gefahr gewesen. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, ringt sie immer noch mit den Tränen. Sie kann und will nicht mehr sagen.

Gewalt in der Familie - und ein korrupter Staat, der zuschaut: Es sind Erlebnisse, wie tschetschenische Flüchtlinge sie immer wieder erzählen. Fast 14 000 beantragten in den ersten zehn Monaten dieses Jahres in Deutschland Asyl. Die Kaukasus-Region sei zu einem Willkür-Regime geworden, sagen Kenner. Unter Präsident Ramsan Kadyrow werde erpresst, gefoltert und gemordet – und niemand werde zur Rechenschaft gezogen.

Für die deutschen Behörden ist es keine leichte Aufgabe zu prüfen, wer tatsächlich unter Verfolgung leidet und dauerhaft Asyl bekommt. Wie es für sie und ihre Familie weitergeht – Milana Bekmusaeva weiß es noch nicht. Sie sagt zum Abschied: „Ich habe Angst zurückzumüssen.“