Ein echter Glücksgriff: FSV-Einheit-Trainer Thorsten Bergin (links) mit seinem interessanten Neuzugang Abdelkarim Koussi.
Ein echter Glücksgriff: FSV-Einheit-Trainer Thorsten Bergin (links) mit seinem interessanten Neuzugang Abdelkarim Koussi. Der 30-Jährige ist als Sporttherapeut am Ameos-Klinikum in Ueckermünde tätig. Eckard Berndt
Der groß gewachsene Innenverteidiger hat reichlich Erfahrung. Im Bahrain wurde Koussi als bester Abwehrmann ausgezeichne
Der groß gewachsene Innenverteidiger hat reichlich Erfahrung. Im Bahrain wurde Koussi als bester Abwehrmann ausgezeichnet. Eckard Berndt
Sein erstes Pflichtspiel bestritt Koussi (4. von links) im August beim Auswärtssieg in Güstrow.
Sein erstes Pflichtspiel bestritt Koussi (4. von links) im August beim Auswärtssieg in Güstrow. Eckard Berndt
Nach seinen beiden Premierentreffern im Pokalspiel auf der Insel Rügen wurde Karim Koussi (Mitte) von seinen neuen Mitspi
Nach seinen beiden Premierentreffern im Pokalspiel auf der Insel Rügen wurde Karim Koussi (Mitte) von seinen neuen Mitspielern gefeiert. Eckard Berndt
FSV Einheit Ueckermünde

Ehemaliger Erstliga-Profi aus Tunesien spielt nun für Ueckermünde

Abdelkarim Koussi hatte seinen ersten Profivertrag mit 17 Jahren. Er war als Fußballer in Tunesien und in Schweden aktiv, kickte in Bahrain und im Libanon – und auch auf Youtube.
Ueckermünde

Als am 11. Dezember ein Flieger vom Flughafen in Hannover abhob und Kurs über das Mittelmeer in Richtung Nordafrika nahm, war auch ein junger Mann an Bord, der schon nach kürzester Zeit die Herzen vieler Fußballfans im Osten Mecklenburg-Vorpommerns erobern konnte. Das Ziel des Fliegers war die tunesische Hauptstadt Tunis, die alte Heimat jenes Passagiers, der inzwischen in der Haffstadt Ueckermünde glücklich geworden ist und von dort am liebsten gar nicht mehr fort will.

Abdelkarim Koussi – 30 Jahre alt, 1,97 Meter groß, knapp 95 Kilo schwer, Fußballspieler, Publikumsliebling – will seinen wohlverdienten Jahresurlaub im Heimatland verbringen. „Bis zum 2. Januar bleibe ich dort“, erzählt der Hüne wenige Tage vor seinem Abflug. „Nach so langer Zeit von zu Hause entfernt freue ich mich riesig auf ein Wiedersehen mit meiner Familie.“ In Tunis warten Eltern, Freunde und Bekannte auf Abdelkarim Koussi, der von seinen Liebsten einfach Karim genannt wird. Seitdem sie ihn vor vielen Jahren ziehen ließen, bekommen sie ihren Karim nur noch sehr selten zu Gesicht.

Erster Profivertrag schon mit 17

Der Grund, warum Abdelkarim Koussi einst eine weite Reise antrat, ist der Fußball. Als Neunjähriger startete der Tunesier in seiner Heimat bei Stade Tunisien, einem Profiverein aus dem Vorort Le Bardo der Hauptstadt Tunis, durch. Das Talent des groß gewachsenen Verteidigers blieb damals nicht lange unentdeckt. Schon mit 17 Jahren, so erzählt Koussi im Nordkurier-Gespräch, wurde er mit seinem ersten Profivertrag ausgestattet.

„Von meinen Eltern wurde meine Leidenschaft zum Fußball immer unterstützt“, sagt der Innenverteidiger, der nach seiner Schulausbildung in Tunesien, die mit jener in Deutschland vergleichbar ist, ein Studium der Sportwissenschaften an der Universität in Tunis aufnahm. Der Vater ist Bauingenieur, die Mutter Hausfrau. Die beiden sind stolz auf die beeindruckende und zugleich ungewöhnliche Fußballer-Karriere, die ihr Sohn hinlegen sollte.

Bester Verteidiger in der Elite-Klasse des Bahrain

Bis zu seinem 24. Lebensjahr hielt Koussi seinem Stammverein in Tunis die Treue, ehe sich für den späteren „Weltenbummler“ eine regelrechte Odyssee entwickelte. Scouts aus dem Bahrain waren auf den talentierten Jung-Kicker aus Tunesien aufmerksam geworden, lockten ihn zum Busaiteen Club, der damals wie heute in der Bahraini Premiere League – der Eliteklasse des Landes – ansässig ist. Eineinhalb Jahre spielte Koussi für den Club, wurde 2017 sogar als bester Verteidiger der Liga ausgezeichnet.

Auf der Video-Plattform YouTube existiert ein über sechs Minuten langer Zusammenschnitt seiner besten Szenen – doch so richtig glücklich wurde der Tunesier im Königreich am Persischen Golf irgendwie nicht.

Video bei Youtube (6:13 Min)

Der Gedanke an die Zukunft trieb den Tunesier seinerzeit besonders um. Sollte er das Risiko eingehen, und alles auf die Profifußball-Karte setzen? Oder doch den sicheren Weg wählen? Für Koussi folgten Gastspiele bei den Erstligisten US Ben Guerdane und US Siliana in der tunesischen Heimat – „kurze Stippvisiten“, wie er heute sagt. Später suchte der Verteidiger sein Glück im Libanon und in Schweden, bis vor zwei Jahren die ersten Kontakte mit deutschen Fußballvereinen zu Stande kamen.

Ende des Profi-Traums, Start ins Studium

Der SV Iraklis Hellas Hannover konnte sich im Sommer 2018 freuen, einen echten Top-Transfer zu vermelden, als sich der damals 27-jährige Tunesier mit Erstliga-Erfahrung für den niedersächsischen Landesligisten entschied, um in Hannover sein Studium der Sportwissenschaften zu absolvieren. Mit dem professionellen Fußball hatte Koussi abgeschlossen. „Ich wollte meinen Lebensstandard absichern“, sagt er heute. In Hannover absolvierte Koussi parallel zum aktiven Fußball einen Kurs für die deutsche Sprache, den er damals mit besten Ergebnissen abschloss. Seinen Bachelor-Abschluss hat er inzwischen ebenfalls in der Tasche. Der Grundstein für eine berufliche Zukunft war gelegt.

Heute ist Abdelkarim Koussi als Sporttherapeut am Ameos-Klinikum in der Haffstadt Ueckermünde tätig. „Für mich war Ueckermünde ein Glücksfall“, sagt der 30-Jährige. „Die Arbeit mit Menschen hat mir schon immer Spaß gemacht. Mit den Kollegen habe ich eine gute Zusammenarbeit“, freut er sich.

Einheit hat Glück: „Wir erhielten einen Anruf...“

Nach einem kurzen Abstecher zum Oberligisten Brandenburger SC Süd fand er auch seine sportliche Heimat in der Haffstadt. Im vergangenen Sommer kam der Kontakt mit der Vereinsspitze des FSV Einheit Ueckermünde zu Stande. „Wir erhielten einen Anruf, dass sich einer mit ordentlich Erfahrung auf Vereinssuche befinden soll – von tunesischer erster Liga war die Rede, beruflich am Klinikum aktiv“, sagte Einheit Trainer Thorsten Bergin dem Nordkurier im August. Also luden Trainer und Vorstand den interessanten Kicker zum Probetraining ein und waren sofort angetan.

Sein erstes Pflichtspiel bestritt Koussi Ende August. Beim 1:0-Auswärtssieg gegen den Güstrower SC machte er eine gute Figur in der Defensive und auch im Angriff hat der Tunesier Qualitäten. Seine beiden Premierentreffer legte Abdelkarim Koussi Anfang Oktober im Pokalspiel beim VfL Bergen nach. Von seinen neuen Mitspielern hält der ehemalige Erstliga-Profi viel: „Einheit hat eine gute Mannschaft mit vielen guten Spielern“, meint er. „Zu Beginn konnten wir gute Ergebnisse erreichen. Leider waren wir in den letzten Spielen wegen Verletzungen nicht mehr so stark.“

Befristete Arbeitserlaubnis in Deutschland

Seit November befindet sich der FSV Einheit, der lange Zeit zum Spitzentrio der höchsten Spielklasse Mecklenburg-Vorpommern gehörte, vorzeitig in der Winterpause, belegt aktuell den 6. Rang in der Verbandsliga-Tabelle. „Klar vermisse ich den Fußball“, sagt Abdelkarim Koussi, auf die lange Winterpause angesprochen. Langweilig wird dem sympathischen Sportsmann, der eine Wohnung in der Nähe des Ueckermünder Tierparks und damit ganz in der Nähe des Waldstadions bezieht, in der fußballfreien Zeit aber nicht, wie er sagt.

„In meiner Freizeit koche ich gerne. Viel Reis, Salate mit Hühnchen und auch Rindfleisch. Aber kein Schweinefleisch!“, lacht er. Auch an den Spieltagen hält sich Karim Koussi natürlich an die Traditionen, wie nach einem Pokal-Spiel beim Liga-Rivalen Malchower SV zu beobachten war. Während Koussis Mannschaftskollegen nach der Partie standesgemäß eine Bratwurst verdrückten, ließ sich der Tunesier einen selbst gemachten Salat mit ordentlich Käse schmecken.

Auf das Kulinarische freut sich der 30-Jährige ganz besonders, wenn er die Jahreswende im Kreise seiner Liebsten in Tunesien verbringt. Im neuen Jahr will Abdelkarim Koussi mit dem FSV Einheit einen neuen Angriff auf die Spitzenplätze der Verbandsliga wagen. „Ich denke, wenn wir wieder spielen können, werden wir als Mannschaft wieder stärker auftreten“, blickt er optimistisch in die Zukunft. Auch beruflich freut er sich auf das neue Jahr. Seine befristete Arbeitserlaubnis in Deutschland läuft 2024 aus. „Ich hoffe, ich kann hier bleiben“, sagt Abdelkarim Koussi. „Ich fühle mich sehr wohl in Ueckermünde.“

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