Helmut Patzig wurde wenige Tage nach dem Verbrechen mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Kurz vor Beginn des ersten Prozesses wu
Helmut Patzig wurde wenige Tage nach dem Verbrechen mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Kurz vor Beginn des ersten Prozesses wurde er 1920 zum Kapitänleutnant a. D. befördert. Das linke Foto zeigt ihn an Bord eines Ausbildungsschiffes in Pilau während des Zweiten Weltkrieges. ZVG/Ulrich van der Heyden
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Das Hospitalschiff „Llandovery Castle” wurde 1918 südwestlich von Irland im Nordatlantik versenkt. Von den über 250 Menschen an Bord überlebten nur 24 den Angriff. Gemeinfrei
Kriegsverbrechen

Ein Kriegsverbrechen und seine Spur nach Ueckermünde

Beim Angriff auf ein Lazarettschiff im Ersten Weltkrieg starben mehr 230 Menschen. Das Kriegsverbrechen der Kaiserlichen Marine konnte nie ganz aufgeklärt werden. Bis heute.
Ueckermünde

Es ist ein Kriegsverbrechen, das Justiz, Politik und Medien über Jahrzehnte beschäftigte. Doch ein Mantel des Schweigens, den die Beteiligten ausgebreitet hatten, verhinderte für mehr als 100 Jahre die genaue Aufklärung dessen, was am Abend des 27. Juni im Nordatlantik, rund 120 Seemeilen südwestlich der irischen Küste, geschehen war. Mehr als 230 Menschen verloren ihr Leben, als ein deutsches U-Bootes ein britisches Hospitalschiff versenkte. Viele von ihnen konnten sich noch von Bord des sinkenden Schiffes retten, wurden aber anschließend von Offizieren des U-Bootes getötet.

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Augenzeuge aus Ueckermünde

Das Buch „Die Affäre Patzig“ wirft ein neues Licht auf die Ereignisse dieser Nacht und alles, was daraus folgte. Geschrieben hat es der in Ueckermünde geborene Historiker Dr. Ulrich van der Heyden, der sich dabei auch auf einen Zeitzeugen beruft. Er habe als junger Mann in Ueckermünde, so schildert van der Heyden, im Kontakt mit einem Augenzeugen gestanden, der in hohem Alter sein Gewissen doch noch erleichtern wollte und über seine Erlebnisse auf dem U-Boot U86 der Kaiserlichen Marine sprach. Viele Jahre nach dem Tod des Mannes hat Ulrich van der Heyden den Bericht zum Anlass eines neuen Buches genommen.

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Hospitalschiff auf der Rückreise

Medizinisches Personal und verwundete Soldaten zu transportieren, das war der Auftrag des Hospitalschiffes „Llandovery Castle“ im Ersten Weltkrieg. Mehr als 600 Verwundete hatte man im Juni nach Halifax gebracht. Besatzung und medizinisches Personal – insgesamt gut 250 Menschen – befanden sich auf der Rückreise nach Liverpool, als die deutschen Torpedos einschlugen. U-Boot-Kommandant Helmut Patzig befahl den Angriff ohne Vorwarnung. Er hatte, davon geht man heute aus, militärisches Material an Bord des Schiffes vermutet, dass als Hospitalschiff gekennzeichnet war. Als er den Fehler erkannte, dreht Patzig zunächst ab, beschloss dann aber die Schiffbrüchigen als Zeugen seiner Tat zu töten und eröffnete das Feuer aus der Bordkanone. Nur eines der Rettungsboote konnte entkommen. Die Logbücher von U86 wurden im Nachgang gefälscht, um das Kriegsverbrechen zu verschleiern.

Schwierige Suche nach der Wahrheit

Obgleich der Fakt an sich, die Torpedierung des aus Kanada kommenden britischen Lazarettschiffs „Llandovery Castle“ einige Monate vor Beendigung des ersten großen Krieges Ende Juni 1918 sowie die anschließende Tötung der sich in Seenot befindlichen Matrosen, Ärzte und Krankenschwestern, bekannt ist und auch in den 1920er Jahren in Leipzig gegen den Kommandanten des deutschen U-Bootes Helmut Patzig wegen des Tötens von 234 Zivilisten verhandelt worden ist, war eine vollständige Aufklärung des Verbrechens über Jahrzehnte nicht möglich. Im Gegenteil: Der Kommandant selbst verbüßte nie eine Strafe, das Urteil gegen ihn wurde später aufgehoben. Im Zweiten Weltkrieg diente er erneut in der Marine.

Historiker Ulrich von der Heyden schildert seinen Kontakt mit dem einstigen Matrosen aus Ueckermünde: „Die meisten Gespräche konzentrierten sich immer auf das Kriegsverbrechen seines Kommandanten Helmut Patzig. Er hatte bis kurz vor seinem Tode über sein mental nicht verarbeitetes Wissen darüber bis kurz vor seinem Tode im Jahre 1970 geschwiegen.“ Kommandant Patzig hatte seine Mannschaft nach dem Auftauchen wieder unter Deck befohlen. Nur er selbst, seine zwei Deckoffiziere und ein Bootsmannsmaat, der das Geschütz bedienen sollte, verblieben an Deck, um die sich in Seenot befindlichen Zivilisten zu töten. Es sollte keine Zeugen geben. Jener Matrose aber, beobachtete entgegen dem Befehl das Verbrechen, als Gefechtsrudergänger musste er das Boot auch noch steuern, um die flüchtenden Rettungsboote zu verfolgen und zu rammen.

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Ein Prozess mit politischen Dimensionen

Auch als in der Weimarer Republik die Staatsanwaltschaft am Reichsgericht in Leipzig laut Versailler Friedensvertrag die Hintergründe und den genauen Verlauf der Untat aufdecken wollte, stellte sich der Ueckermünder nicht als Tatzeuge zur Verfügung. Vermutlich aus Angst, denn die U-Bootmannschaft war eine verschworene Gemeinschaft, die von der Tat, wie in dem Buch nachzulesen, nichts mitbekommen haben wollte. Sie war von Patzig zum Schweigen vergattert worden.

Verurteilt wurden vor dem Reichsgericht in Leipzig nur die beiden Wachoffiziere, die jedoch nach kurzer Zeit von der rechtsterroristischen Organisation Consul befreit wurden. Patzig selbst hatte sich seiner Verantwortung entzogen und war, vermutlich zunächst in seiner Heimatstadt Danzig, untergetaucht. Die Presse der Alliierten warf der Regierung der Weimarer Republik vor, dass Kriegsverbrechen nicht ernsthaft aufklären zu wollen. Es wurde gefordert, dass zumindest die Untat von Patzig vor einem internationalen, nicht deutschen Gerichtshof verhandelt werden sollte. Die deutsche Regierung fürchtete, dass eine Überstellung Patzigs an ein alliiertes Gericht zu einem Aufstand, einer „rechten Revolution“ hätte führen können.

Das Buch schildert auch den Druck auf dem damals noch jungen Mann aus Ueckermünde. Der Rest der Mannschaft schwieg, ein Zeuge war bereits unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen und er habe Angst um seine Familie in der vorpommerschen Heimat gehabt. Auch dort hatten rechte Kräfte mit den sogenannten Fememorden unliebsame politische Gegner, ja selbst Zeugen von Straftaten, die nicht ans Tageslicht kommen sollten, aus dem Weg geschafft. Und dann ergab sich auch noch im Zweiten Weltkrieg eine weitere Verbindung zum Kommandanten Patzig.

Flucht nach Riga und Patzigs Rückkehr

Patzig und „sein“ Gefechtsrudergänger waren Ende 1919 aus dem Marinedienst verabschiedet. Während der Matrose nach Ueckermünde zurückkehrte, floh – wie erst jetzt belegt werden konnte – Patzig unter dem Namen Brümmer-Patzig nach Riga. Im September 1937 wurde er von der faschistischen Marine als Kapitänleutnant, inzwischen seit vier Jahren NSDAP-Mitglied, reaktiviert. Er wurde wieder in der U-Boot-Flotte eingesetzt, jedoch durfte er nicht auf Feindfahrt gehen. Zu groß waren das Risiko seiner Gefangennahme und die Möglichkeit des propagandistischen Ausschlachtens durch die Alliierten dann im Zweiten Weltkrieg.

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Sein ehemaliger Gefechtsrudergänger aus Ueckermünde meldete sich bei dem früheren Vorgesetzten erst wieder, als sein Sohn zur Wehrmacht eingezogen und am Schwarzen Meer stationiert worden war. Er bat Patzig, den Sohn in seine U-Boot-Ausbildungsflotte in Pillau zu übernehmen, denn dort war jener vor den Kämpfen mit der Roten Armee weitaus sicherer. Patzig nutzte Kontakte innerhalb der Marine, um Akten verschwinden zu lassen. Ein Gefallen, der den Zeugen vom Haff weiter schweigen ließ. Historiker von der Heyden schildert, dass Patzig seinen in den beiden großen Kriegen unterstellten Untergebenen bis zum Tode des Vaters in Dankbarkeit verbunden blieb und aus der Bundesrepublik, wo er nach dem Krieg unbehelligt zurückgezogen seinen Lebensabend verbrachte, zu jedem Weihnachtsfest ein Pfund Kaisers-Kaffee schickte.

In dem im Kieler Verlag Solivagus Praeteritum erschienen Buch unter dem Titel „Die Affäre Patzig. Ein Kriegsverbrechen für das Kaiserreich?“ werden durch den Verfasser durch die Auswertung bislang unbekannter Augenzeugenberichte Zusammenhänge dargelegt und Fakten ergänzt, die in der bisherigen Geschichtsschreibung unbekannt geblieben sind. Damit wird nicht nur ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Marine- und Kriegsgeschichte, sondern auch der vorpommerschen Regionalgeschichte erzählt. Der bekannte Marinehistoriker Dieter Hartwig verfasste eine Einleitung in diese spannende Thematik.

Infos zum Buch

Ulrich van der Heyden

„Die Affäre Patzig“
November 2021

Solivagus-Verlag

ISBN: 9783947064069

239 Seiten

19,90 Euro

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