Einheit-Präsident Peter Ruhnau (links) und Greif-Vereinschef Dietrich Lehmann würden den Verein nach erfolgreicher V
Einheit-Präsident Peter Ruhnau (links) und Greif-Vereinschef Dietrich Lehmann würden den Verein nach erfolgreicher Verschmelzung gemeinsam leiten wollen. Dennis Bacher
Im Interview

Fusion der Vereine sorgt für Furore

Im Mai stimmen die Mitglieder über die Verschmelzung des Torgelower FC Greif und des FSV Einheit Ueckermünde ab. Da kommen viele Fragen auf.
Ueckermünde

Herr Ruhnau, der FSV Einheit Ueckermünde belegt momentan den dritten Platz in der Verbandsliga und steht damit so gut da wie lange nicht mehr. Man könnte meinen, so darf es gerne weitergehen. Warum streben Sie gerade jetzt eine Fusion mit dem Torgelower FC Greif an?

Peter Ruhnau: So wie bislang werden wir auf Dauer leider nicht weitermachen können. Bereits zur neuen Saison steht bei uns eine größere Anzahl an Abgängen fest. Wir haben weder eine zweite Mannschaft, noch können wir Leute aus dem Nachwuchs hochziehen. Wir müssten uns also entweder den polnischen Markt ansehen oder bei Vereinen aus der Umgebung wildern. Doch dieses Wettbieten ist für uns nicht der richtige Weg.

Wie sieht der richtige Weg aus?

Ruhnau: Wir wollen den Fußball auf seine Ursprünge zurückführen und auf Dauer mit einheimischen Leuten die Verbindung zum Publikum wiederherstellen. Es geht darum, aus der Not eine Tugend zu machen, um den Fußball in der Region weiter am Leben zu erhalten.

Herr Lehmann, was versprechen Sie sich davon, die Kräfte mit dem FSV Einheit Ueckermünde zu bündeln?

Dietrich Lehmann: Auch wir sehen in dem Zusammenschluss eine einmalige Chance, weiterhin attraktiven Fußball in der Region anzubieten und etwas Nachhaltiges aufzubauen. Sowohl die Corona-Krise als auch der Krieg brachten wirtschaftliche Verwerfungen mit sich. Hinzu kommt der demografische Wandel in unserer Region, der uns inzwischen so weit gebracht hat, dass sich beide Seiten gegenseitig bereits die Nachwuchsspieler abwerben, um die eigenen Altersklassen irgendwie voll zu bekommen. Das ist ein völlig abartiger Prozess, dem wir mit dem Zusammenschluss entgegenwirken möchten. Hinzu kommt ein irrwitziger Zug des DFB (Deutscher Fußballbund, d. Red.), der sich im Vorjahr – wider besseres Wissen – dazu entschied, seinen Stützpunkt für Nachwuchsfußballer von Torgelow nach Friedland umzusiedeln, und damit ein gewaltiges Loch in der Region hinterließ. Auch das hat uns dazu getrieben, etwas Eigenes zu versuchen. Das kostet aber Geld.

Sie sprechen von einem gemeinsamen Leistungszentrum für Nachwuchsspieler in Ueckermünde.

Ruhnau: Wir streben schon seit einigen Jahren eine vernünftige Basis für Jugendliche aus der Region an, die bislang den weiten Weg zur Sportschule nach Neubrandenburg gehen mussten. Aus finanzieller Sicht fehlten uns bislang aber die Mittel für ein solches Zentrum. Momentan können wir uns nicht gleichzeitig den Stützpunkt und eine Männermannschaft leisten. Daher bin ich froh, dass wir uns nun an einen Tisch gesetzt haben, und einen ganz klaren Weg für den regionalen Fußball vor Augen haben, der übrigens nicht ausschließt, dass sich auch andere Vereine daran beteiligen.

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Lehmann: Beide Vereine leiden darunter, dass die Finanzen für eigene Stützpunkte fehlen. Würden wir die Nachwuchsarbeit in einem Verein bündeln, gäbe es ein festgelegtes Budget dafür. Mit gut ausgebildeten Übungsleitern steht und fällt alles.

Von wem stammt die Fusions-Idee?

Ruhnau: Es ist nicht das erste Mal, dass wir über gemeinsame Tätigkeiten nachdenken. Konkret wurde der Gedanke nun vor allem wegen der Finanzen. Als ich Anfang April vom geplanten Rückzug der Torgelower aus der Oberliga erfuhr, erkundigte ich mich gleich bei Dietrich nach seiner Konzeption für die Zukunft. Er erzählte mir von seinem Plan, vor allem auf einheimische Leute bauen zu wollen, die in Torgelow einst eine Ausbildung genossen, dann aber den Verein verließen, teilweise auch zu uns kamen, weil ihnen die Oberliga eine Nummer zu groß war. Genau diese Leute sollen in Zukunft bei uns eine Chance erhalten.

Lehmann: Die Vorstände beider Vereine sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Region nicht alles hergibt, aber immerhin eine funktionierende Nachwuchsarbeit ermöglicht und wir zwei gemeinsame Herrenteams wunderbar besetzt bekommen, wenn wir die Kräfte bündeln. So muss Fußball meiner Meinung nach aufgebaut sein: Ein starker Nachwuchs, eine zweite Mannschaft, in der sich auch Spieler wiederfinden, für welche die Verbandsliga noch zu früh kommt, und eine stärkere erste Mannschaft. So waren wir bereits vor vielen Jahren aufgebaut. Aber da hatten wir in der Region auch noch doppelt so viele Menschen, weniger Fernsehprogramme und keine Computer. Von der Sache her kommen wir zu den Wurzeln zurück. Zu den logischen Wurzeln eines strukturierten Fußballvereins.

Die Fusion sorgt bei manchem für Unmut. Es wird befürchtet, der eine Verein könnte den anderen „verschlingen“. Sind das Sorgen, die Sie nachvollziehen können?

Ruhnau: Es geht hier nicht darum, dass der eine Verein den anderen vereinnahmt. Es geht auch nicht darum, wer hier der Stärkere ist. Hier geht es um vernünftige Nachwuchsarbeit und ein nachhaltiges Angebot für attraktiven Männerfußball. Die Leute müssen begreifen, dass bei dieser Sache der lokale Fußballsport gewinnt.

Die Fans machen sich auch Sorgen um die Identifikation.

Lehmann: Zwei Männermannschaften, die zum großen Teil aus einheimischen Spielern bestehen, sollten Identifikation genug bieten. Unterm Strich würden wir eine Riesenchance vertun, wenn wir aus Eitelkeit oder Befindlichkeiten Einzelner auf diesen Schritt verzichten. Gehen wir ihn jetzt nicht, dann auch in naher Zukunft nicht. Dann wird ein solcher Prozess mit Sicherheit die nächsten zehn Jahre nicht angefasst. Bleibt die Fusion aus, würden beide Vereine verlieren und zu verbitterten Wettbewerbern auf Landesebene mutieren.

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Ruhnau: Wenn die Fusion nicht klappt, werden wir im nächsten Jahr in Ueckermünde kein Männerteam mehr haben.

Lehmann: Die Lösung, die wir vorschlagen, kann Vorbild für Vereine anderer Regionen sein, die womöglich finanzielle Schwierigkeiten haben.

Ruhnau: Letztendlich könnten wir es den Sponsoren durch die Verschmelzung erleichtern, die sich dann nicht mehr für einen Verein entscheiden müssten. Im Prinzip ist das eine Win-Win-Situation für alle.

Die Gießerei-Arena in Torgelow bietet deutlich mehr Platz für Zuschauer. Wird es im Ueckermünder Waldstadion also künftig keinen Männerfußball mehr zu sehen geben?

Lehmann: Es werden nicht alle Spiele der Männer in Torgelow stattfinden, wir werden auch welche in Ueckermünde austragen. Ueckermünde hat einen wunderbaren Kunstrasenplatz. Den werden wir natürlich nutzen. Und das Stadion selbst ist auch wunderschön und ehrwürdig.

Im Moment bauen beide Vereine noch zu großen Teilen auf polnische Fußballer. Wird es für sie eine Zukunft im Verein geben?

Lehmann: Polnische Fußballer, die hier seit vielen Jahren wohnen, arbeiten, spielen und integriert sind, werden hier auch weiterhin eine Zukunft haben. Ohne sie wäre kein höherklassiger Fußball möglich – zumindest nicht, bevor die Nachwuchsarbeit greift. Auf diejenigen, die unseren Verein nur als Durchgangsstation betrachten, werden wir uns aber nicht mehr konzentrieren.

Wie sähe die sportliche Perspektive nach der Fusion aus? Wäre die Oberliga irgendwann wieder ein Thema?

Ruhnau: Ob wir immer in der Verbandsliga bleiben würden oder irgendwann den Schritt in die Oberliga wagen, brauchen wir jetzt nicht zu diskutieren und hängt davon ab, wie wir die Finanzen in den Griff bekommen.

Die Kader würden sich bei einer Verschmelzung vermischen. Führen Sie bereits Gespräche mit Spielern und Trainern?

Lehmann: Erste Gespräche laufen bereits. Auch der vorgesehene Trainer steht bereits im Austausch mit den sportlichen Leitern. Aber erst einmal sollte der Rahmen stehen.

Wird Thorsten Bergin die Verbandsliga-Mannschaft weiterhin trainieren?

Lehmann: In diesem Punkt sind wir uns einig. Außerdem soll Robert Jager (bislang Co-Trainer TFC Greif, d. Red.) ihn unterstützen.

Was passiert, wenn der Landesfußballverband die Sondergenehmigung für die Fusion nicht erteilt?

Lehmann: Dann gibt es einen Plan B.

Der da lautet?

Lehmann: Wir würden zur neuen Saison zwar offiziell als TFC Greif und Einheit Ueckermünde antreten, die Fusion aber bereits faktisch leben.

Ruhnau: Und bereits mit gemischten Mannschaften antreten.

Ueckermünde weiterhin in der Verbandsliga und Torgelow in der Landesklasse?

Lehmann: Richtig. Die Fusion würde erst ein Jahr später offiziell erfolgen. Dieser Plan B wäre für alle Beteiligten komplizierter. Aber ich will nicht vorgreifen und auch keinen Druck auf den Verband aufbauen. Wir befinden uns seit Längerem in intensiven Gesprächen mit dem Landesfußballverband und erwarten zeitnah eine Entscheidung.

Im Mai werden die Mitglieder beider Vereine über die Fusion abstimmen. Wie fällt die Resonanz auf die Pläne aus?

Lehmann: Ich habe das Gefühl, das überwiegend Zustimmung herrscht.

Ruhnau: Für unsere Mitglieder kam der Plan sicher überraschend, an den ersten Tagen erreichte mich ein großer Ansturm. Es waren auch negative Stimmen dabei. Eine Woche später hatte ich den Eindruck, dass sich die Bedenken vieler Leute bereits auflösten. Es wird erkannt, was hinter dem Plan steckt. Ich bin recht optimistisch. Es gibt ja auch keine echte Alternative.

Was passiert, wenn keine Mehrheit zustande kommt?

Lehmann: Dann geht es so weiter wie bisher. Das wäre meiner Meinung nach aber sehr antiquiert und kurz gedacht. Damit könnte ich mich nicht anfreunden. Ich identifiziere mich mit dem Weg der Fusion und stehe auch zu keinem anderen mehr zur Verfügung. Es ist eine einmalige Chance, die wir ergreifen müssen. Sollte der Plan scheitern, müssten sich andere kümmern.

Herr Ruhnau, wie stehen Sie dazu?

Ruhnau: Ich kann mich nur anschließen.

Werden Sie beide für den Vorsitz des Vereins kandidieren?

Ruhnau: Wir stehen beide bereit, die Leitung zu übernehmen.

Lehmann: Wir würden uns den Vorsitz teilen. Peter wäre für den Nachwuchs verantwortlich, und ich für die Herren.

 

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