Getötete Sechsjährige
Hätte Leonies Tod verhindert werden können?

An der Wolgaster Chausseestraße steht ein Gedenkkreuz für die in Torgelow getötete Leonie.
An der Wolgaster Chausseestraße steht ein Gedenkkreuz für die in Torgelow getötete Leonie.
Tilo Wallrodt

Hätte der grausame Tod der kleinen Leonie aus Torgelow verhindert werden können? Eine Psychologin aus Stralsund sagt: Es fehlt an Geld und Personal beim Jugendamt.

Die sechsjährige Leonie ist am 12. Januar tot in der elterlichen Wohnung in Torgelow gefunden worden. Der Stiefvater David H. steht unter Mordverdacht, das Innenministerium prüft derzeit, wie es zu seiner Flucht aus dem Pasewalker Polizeirevier kommen konnte.

Dieser Fall zeigt, welches Ausmaß Gewalt gegen Kinder annehmen kann. Marlis Tautz sprach mit der Psychologin Jana Michael aus Stralsund, die sich mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen beschäftigt.

Im Fall von Leonie war die Familie ja schon bekannt beim Jugendamt, dennoch ist die Situation eskaliert. Warum verlaufen immer wieder Hinweise im Sande?

Wir dürfen die Dinge nicht schön reden: Es fehlt an Geld und Personal. Wie soll eine Erzieherin im Kindergarten oder Hort 25 Kinder und mehr im Blick behalten? Hat ein Kinderarzt genug Zeit für jeden bei 140 Patienten pro Sprechstunde?

Als Supervisorin weiß ich, wie groß Arbeitsbelastung und Fluktuation in den Jugendämtern sind. Die Mitarbeiter sind nicht unfähig oder unwillig, sie sind häufig überfordert. Wenn ein betroffenes Kind nicht wirklich große Auffälligkeiten zeigt, kann es schnell durchs Raster fallen.

Hier gibt es eine Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Artikel zum Todesfall Leonie.

Und dann wird wieder ein Kind betrauert wie jetzt Leonie aus Torgelow oder 2007 die kleine Lea-Sophie aus Schwerin, die unter den Augen ihrer Eltern verhungert ist. Doch mal angenommen, die Alarmkette funktioniert. Wie kann Hilfe aussehen?

Es gibt keine schnellen und einfachen Lösungen auf diesem Gebiet. Das gilt auch für Trauma- oder Psychotherapien. Klar ist, jede Hilfe muss konsequent die ganze Familie einbeziehen. Wenn überforderte Eltern Kinder vernachlässigen oder misshandeln, reicht es nicht, eine Person zu stabilisieren und zu hoffen, dass sich damit das ganze System stabilisiert.

Kinderschutz braucht eine interdisziplinäre Kooperation aller Beteiligten und – ich sage es noch einmal – mehr Geld und Personal in Kita, Schule, Jugendamt und Jugendhilfe. Wenigstens dazu sollten diese tragischen Todesfälle führen: für das Recht der Kinder auf Schutz und Sicherheit zu kämpfen.

Die Psychologin betonte im Interview außerdem, dass Gewalt und Vernachlässigung in allen Schichten vorkommen würden, sie seien allerdings bei bessergestellten Familien oft sehr viel schwerer aufzudecken.

Das komplette Interview finden Sie hier:
Wie kann Gewalt gegen Kinder verhindert werden? (Premium)