MORDFALL LEONIE

Kreis Vorpommern-Greifswald macht Druck beim Land MV

Leonie ist seit mehr als 14 Monaten tot, ein erstes Mordurteil gesprochen, die Revision steht an. Der Landkreis will einen solchen Fall künftig verhindern und fordert klarere Gesetze.
Ein T-Shirt mit einer deutlichen Botschaft: Leonies leiblicher Vater bei der Urteilsverkündung am 9. Januar.
Ein T-Shirt mit einer deutlichen Botschaft: Leonies leiblicher Vater bei der Urteilsverkündung am 9. Januar. Bernd Wüstneck
Die interne Aufarbeitung des Todesfalls der kleinen Leonie war für Michael Sack (CDU) eine große Herausforderung.
Die interne Aufarbeitung des Todesfalls der kleinen Leonie war für Michael Sack (CDU) eine große Herausforderung. Stefan Sauer
Greifswald.

Kaum im Amt, stand Michael Sack schon vor einer seiner größten Herausforderungen. Das vom Landrat des Kreises Vorpommern-Greifswald mit verantwortete Gesundheits- und Jugendamt spielte sowohl am Todesabend des Mädchens im Januar 2019 als auch in den Monaten zuvor, als die sechsjährige Leonie regelmäßig von ihrem mittlerweile wegen Mordes verurteilten Stiefvaters missbraucht worden war, eine unrühmliche Rolle.

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Landkreis drängt auf Gesetzesänderung

Leonie war durchs Raster der gesetzlich vorgeschriebenen kindlichen Früherkennungsuntersuchungen gefallen und in die behördliche – am Ende tödliche – Anonymität versunken. Mitarbeiter des kreislichen Gesundheitsamtes hatten sich von der leiblichen Mutter und dem Stiefvater mit fadenscheinigen Ausreden abspeisen lassen, Kinderärztin und Kindergarten-Leitung waren sichtbaren Verletzungen nicht nachgegangen beziehungsweise hatten die monatelange Abwesenheit von Leonie und ihrem kleinen Bruder Noah-Joel einfach nicht stringent hinterfragt.

Um eine solche Fehler- und Versäumniskette künftig auszuschließen, drängt der Landkreis Vorpommern-Greifswald auf eine Gesetzesänderung – und möchte dazu auch das Land Mecklenburg-Vorpommern in die Pflicht nehmen. Michael Sack erläutert die komplexe Gesetzeslage: „Aktuell soll vom Gesundheitsamt eine Meldung an das zuständige Jugendamt ausweislich der gültigen Gesetzesbegründung dann erfolgen, wenn die Sorgeberechtigten auf die Angebote des Gesundheitsamtes nicht reagieren oder im Rahmen der Kontaktaufnahme Anhaltspunkte für eine Kindesmisshandlung gewinnen. Dies greift aus Sicht des Landkreises – insbesondere in Bezug auf die Erkenntnisse aus dem Fall Leonie – zu kurz.“

Awo verstößt gegen das Vier-Augen-Prinzip

Deshalb, so der Landrat, vertrete der Kreis Vorpommern-Greifswald die Auffassung, dass eine Meldung an das Jugendamt bereits dann erfolgen muss, wenn Informationen über einen versäumten Termin für eine Kinderuntersuchung bekannt seien.

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Da dem Jugendamt in den Fällen bereits laufender Hilfeleistungen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz Informationen zu hilfsbedürftigen Kindern und Jugendlichen vorliegen, könne nach Einschätzung von Sack bereits diese Informationsweiterleitung zu einer umfassenderen Informationslage im Jugendamt führen. „Und dies kann und muss im Einzelfall zu einer frühzeitigeren Intervention zum Schutz der Kinder und Jugendlichen führen“, macht der Landrat deutlich – und ergänzt: „Da diese Informationsweiterleitung jedoch einer gesetzlichen Grundlage bedarf, die so jedoch derzeit nicht besteht, fordert der Landkreis eine Ergänzung beziehungsweise Klarstellung des Gesetzes.“

Landkreis hat neue Regelungen eingeführt

Doch nicht nur der Gesetzgeber soll nachbessern, auch der Landkreis möchte künftige potenzielle Fehler vermeiden. „Wir haben bereits unmittelbar nach dem Tod Leonies eine interne Revision durchgeführt. Zusätzlich haben wir uns von einem externen Gutachter durchleuchten lassen“, sagt Sack und präsentiert die Ergebnisse: „Wir haben uns von der Arbeiterwohlfahrt getrennt. Sie hatte in unserem Auftrag an jenem Todeswochenende die Jugendhilfe übernommen und gegen zwei grundsätzliche Vertragsinhalte verstoßen. Das Vier-Augen-Prinzip am Tatort wurde nicht eingehalten und die in der Wohnung weilenden Kinder wurden nicht persönlich in Augenschein genommen.“ Dagegen sei es von der Awo-Mitarbeiterin als ausreichend angesehen worden, festzustellen, dass im Kühlschrank genügend Lebensmittel vorhanden gewesen seien.

Michael Sack weiter: „Das darf sich nie wiederholen. Deshalb ist jetzt immer ein Vertreter des von uns beauftragten Jugendhilfe-Trägers und ein Mitarbeiter des Landkreises vor Ort.“ Und noch etwas hat sich geändert: „Unsere Mitarbeiter kommunizieren bei solch externen Einsätzen jetzt stets über die Leitstelle des Landkreises. Dort werden alle Gespräche aufgezeichnet. Das heißt, alles wird dokumentiert“, erläutert der Landrat. Und noch eine Neuheit hat der Landkreis eingeführt: „Wir haben einen Vertrag mit dem Rechtsmedizinischen Institut der Uni Greifswald abgeschlossen. Ab sofort können unsere Mitarbeiter jederzeit die Rechtsmediziner kontaktieren und alarmieren, falls es Verdachtsfälle von Missbrauch gibt.“

Gleichzeitig behält der Landkreis Vorpommern-Greifswald sowohl den leiblichen Vater als auch die leibliche Mutter Leonies im Blick. Der Vater lebt mit dem heute dreijährigen Noah-Joel in Wolgast, die Mutter steht seit dem Tod des Mädchens in einer Einrichtung unter 24-stündiger Dauerbeobachtung. Die Mutter lebt dort zusammen mit dem einjährigen Jonathan. Dieser Junge stammt aus der Beziehung mit dem verurteilten Stiefvater Leonies, David H.

Alkohol und Drogen auch bei Leonies Vater

„Die Mutter Janine Z. soll grundsätzlich nicht alleine mit dem Kind sein. Wir müssen schauen, dass sie ihr Leben möglichst wieder selbstständig gestalten kann und die dazu notwendige Alltagsbewältigungskompetenz erhält“, beschreibt Michael Sack den aktuellen Stand. Nicht zu vergessen: Gegen die Mutter wird seit über einem Jahr von der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Im März – so die Vorhersage der Staatsanwaltschaft – soll die Entscheidung getroffen werden, ob Anklage erhoben wird.

Unter der Beobachtung des Jugendamtes des Landkreises Vorpommern-Greifswald steht auch Oliver E., der leibliche Vater Leonies. Auch er bekomme Hilfen vom Jugendamt und einem sozialen Träger, um sein von zeitweiligen Alkohol- und Drogenexzessen geprägtes Leben in den Griff zu bekommen. Auch hier gehe es darum, ein geregeltes Leben zu gewährleisten. Dazu sei eine enge Betreuung notwendig.

„Am Ende müssen wir uns immer die Frage stellen, ob es weiterhin möglich ist, die Kinder bei Vater oder Mutter zu halten. Die Wegnahme des Kindes ist immer die Ultima Ratio“, bemerkt Sack nachdenklich. Auf die Frage, ob sich ein Fall Leonie wiederholen könne, schweigt Michael Sack einige Sekunden. Dann sagt er leise: „Ich hoffe nicht.“

 

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