BETRUG

Psychologin erklärt, warum der Enkeltrick noch funktioniert

Diplom-Psychologin Susann Lorenz weiß, warum Senioren hierzulande noch immer auf den Enkeltrick reinfallen. Ein Grund dürfte ihre DDR-Herkunft sein.
Susann Lorenz arbeitet seit sieben Jahren als Diplom-Psychologin im Ameos Klinikum in Ueckermünde.
Susann Lorenz arbeitet seit sieben Jahren als Diplom-Psychologin im Ameos Klinikum in Ueckermünde. Holger Schacht
Mit diesen Fotos fahndet die polnische Polizei nach Enkeltrick-Erfinder Arkadiusz „Hoss” Lakatosz, der 52 Jahre al
Mit diesen Fotos fahndet die polnische Polizei nach Enkeltrick-Erfinder Arkadiusz „Hoss” Lakatosz, der 52 Jahre alt sein soll. Polizei
Ueckermünde.

Die Anrufer wählen sofort die Du-Anrede, nennen ihren eigenen Namen nicht. „Rate mal, wer hier spricht?“, lautet die Eingangsfrage der Betrüger, so loten sie Verwandtschaftsbeziehungen aus. Ihre Opfer finden sie in Telefonbüchern, wählen die Nummern nach älteren Vornamen aus. Helga, Ingrid, Horst und Walter versprechen ihnen höhere Erfolgschancen als Mandy oder Kevin. Am Telefon geben sie sich dann als nahe Verwandte aus, bitten ihre Opfer in spe um einen Geldbetrag für ihre angebliche Notlage.

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Erfinder des Enkeltricks auf Flucht vor der Polizei

Arkadiusz „Hoss“ Lakatosz gilt als Erfinder des Enkeltricks, soll mit der miesen Masche als windiger Teppichhändler kurz nach der Wende in Hamburg angefangen haben. Viel, viel Geld verprasste der heutige Boss eines polnischen Roma-Clans bei rauschenden Festen. Dabei floss Champagner in rauen Mengen, vermutlich gezahlt mit Omas Erspartem. Heute ist Lakatosz auf der Flucht vor der polnischen Justiz. Auf ihn warten sieben Jahre Knast. Geblieben sind die Opfer und die anhaltenden Telefonanrufe.

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Denn trotz aller Warnungen funktioniert der Enkeltrick noch heute. Warum das so ist, erklärt Diplom-Psychologin Susann Lorenz vom Ameos Klinikum Ueckermünde so: „Es ist zwar nicht wissenschaftlich unterlegt, aber dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst dürfte bei den meisten Opfern der Familienzusammenhalt auseinander gebrochen sein. In ihrer Isolation und Einsamkeit und mit ihrer Sehnsucht nach Familie schalten sie alle Alarmsignale aus. Weil die Opfer im realen Leben keine oder sehr wenige Kontakte zur Außenwelt haben, sehnen sie sich danach, einen Menschen zu haben, dem sie wichtig sind. Sie sagen sich, wenn ich helfe, habe ich die Chance, dass der auch für mich da ist.“

Fallen ältere Ostdeutsche eher auf den Betrug rein?

Ermittler erleben die haarsträubendsten Fälle. „Eine Rentnerin glaubte nicht Mal ihrer eigenen Tochter, dass sie keine Enkel hat und beharrte darauf, dass es sie gibt“, nennt einer der Kripo-Leute ein Beispiel. Diplom-Psychologin Lorenz glaubt, dass ältere Ostdeutsche eher auf den Betrug reinfallen: „In der DDR gab es einen humanistischen Ansatz. Bestandteil der Erziehung war, anderen zu helfen.“

Stutzig werden sollten Leute, deren Bekannte nicht oder nur noch selten ans Telefon gehen, keine Türen mehr öffnen, oder sich weigern, bei der Bank persönlich Geld abzuheben. Solche Verhaltensmuster zeigen viele Enkeltrickopfer. Diplom-Psychologin Lorenz: „Es ist ihnen peinlich, reingefallen zu sein. Aber sie haben in aller Regel eine gute Fassade. Einsame haben Probleme, soziale Kontakte zu finden. Sie sind es gewohnt, Enttäuschungen zu erleben, sagen sich, sie würden immer nur ausgenutzt. Der Betrug ist dann die Bestätigung dafür.“

Keiner muss sich schämen

Äußerst wichtig sei, so die Diplom-Psychologin, dass „bei den Opfern das erlebte Trauma“ gelöst werden müsse. „Keiner muss sich schämen, Opfer geworden zu sein. Es ist eine Last, das macht was mit einem und kann jedem passieren. Deshalb sollten sich Opfer nicht zurückziehen, sondern den Mut haben, darüber zu reden und sich anderen anzuvertrauen. Angst kann krankmachen. Die Anzeige bei der Polizei ist nicht das Entscheidende. Gespräche mit Angehörigen, anderen Senioren oder auch anonym bei Beratungsstellen helfen“, sagt Lorenz.

Die Polizei rät zu diesen Verhaltenstipps am Telefon: „Seien sie misstrauisch, wenn sich Personen als Verwandte oder Bekannte ausgeben, die sie als solche nicht kennen. Legen Sie den Hörer auf, wenn der Anrufer von Ihnen Bargeld verlangt. Erfragen Sie beim Anrufer Dinge, die nur ein Verwandter oder Bekannter wissen kann. Lassen Sie sich nicht ausfragen. Vergewissern Sie sich, ob der Anrufer wirklich ein Verwandter ist. Rufen Sie ihn zurück, um die Echtheit des Anrufers abzuklären. Verwenden Sie dazu die Telefonnummer aus dem eigenen Verzeichnis.“

Enkeltrick-Betrüger sind sehr flexibel

Im vergangenen Jahr wurden in MV 1882 Trickstraftaten zum Nachteil älterer Menschen angezeigt. Damit stieg die Anzahl erneut an. 1443 Fälle waren es in 2018, 996 in 2017 und 468 in 2016. Matthias Rascher, Sprecher des Landeskriminalamtes: „Bedauerlicherweise ist 2019 zudem eine Verdreifachung der Schadenssumme im Vergleich zum Vorjahr festzustellen. So wurden im vergangenen Jahr Geld beziehungsweise Gegenstände im Wert von 1,47 Millionen Euro übergeben.

Sicherheitsexperte Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter warnt: „Enkeltrick-Betrüger sind sehr flexibel, machen sich im Moment die aktuelle Corona-Diskussion zu eigen und erfinden neue Geschichten. Das wissen wir aus Telefonüberwachungen.“

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Kommentare (3)

.....gab es bei den Westdeutschen keinen humanistischen Ansatz zum Thema Hilfsbereitschaft. :-):-)

Da hilft nur gute Medizin, Knast, Abschiebung, bei Rückkehr nach D in Dauerhaft - und damit es sich rechnet für den Staat gepflegte Vollpansion im Arbeitslager - das ist eine Sprache welche unsere Störenfriede verstehen, warum bewährtes nicht wieder einführen?

Den Trick gibt es schon seit Ewigkeiten, auch zu DDR-Zeiten. Das hat nichts mit Sozialisierung zu tun. Allerdings wohnten Familien oft beieinander, waren früh sesshaft - heute zieht es die Jungen dahin, wo es Arbeit und gefühlt mehr Lebensqualität gibt. Zurück bleiben vermehrt die Alten auf dem Lande, egal ob West oder Ost. Aber auch die "fallen nicht eher auf den Betrug" rein. Man sollte vorsichtiger formulieren: "in ländlich, strukturschwachen Regionen gehen Kriminelle eher auf Opfersuche, weil Zerrüttung und fehlender familiärer Zusammenhalt hier wahrscheinlicher ist".