DDR-GESCHICHTE

Schokolade, Sport und Neptuns Taufe: Erinnerungen an die Betriebsferienlager auf Usedom

DDR-Ferienlager waren für viele Schüler das Highlight des Sommers, auch wenn man morgens zum Appell und Frühsport antreten musste. Schlappe zwanzig Mark kostete der Abenteuer-Urlaub ohne Eltern. Da werden Erinnerungen wach.
Im Pionierferienlager German Titow in Karlshagen konnten Kinder von 1962 bis 1990 ihre Ferien verleben.
Im Pionierferienlager German Titow in Karlshagen konnten Kinder von 1962 bis 1990 ihre Ferien verleben. Fotos: German Titow in Karlshagen
Nicht jedermanns Sache – das Essen in den Ferienlagern kam meistens aus der Großküche. Aber alle wurden satt.
Nicht jedermanns Sache – das Essen in den Ferienlagern kam meistens aus der Großküche. Aber alle wurden satt. ZVG
Neptunfest am Strand.
Neptunfest am Strand. Ingrid Ertel
Neben sportlichen Aktivitäten wurde mit den Kindern und Jugendlichen auch gebastelt, gebaut, gewebt und genäht.
Neben sportlichen Aktivitäten wurde mit den Kindern und Jugendlichen auch gebastelt, gebaut, gewebt und genäht. ZVG
Usedom ·

Es ist dieser ganz bestimmte Geruch, den viele noch in der Nase haben, wenn sie von ihren Sommerferien im DDR-Ferienlager schwärmen: das Holz der Gemeinschaftsunterkünfte in der Sonne. Etwas Staub, gemischt mit einem Hauch von überreifem Obst, das in der Stube vergessen wurde. Und ja, auch eine Nuance von Kinderschweiß lag darin, weil der Ferienlagertag lang und die Katzenwäsche meist zu kurz war.

Solche Erinnerungen an den Sommer im Ferienlager vereinen heute noch Hunderttausende ostdeutsche Erwachsene. Denn wenn es in der DDR hieß „Endlich Ferien!“, war die Teilnahme an den ein- bis dreiwöchigen Betriebsferienlagern, die durch Betriebe, Kombinate, Institutionen oder Behörden unterhalten wurden, obligatorisch. Das Ferienprogramm war nicht an schulische Leistungen oder gesellschaftliche Aktivitäten geknüpft.

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Ferienlager an der Ostsee war so etwas wie ein Sechser im Lotto

Nahezu jedes Schulkind bis zum Alter von 14 Jahren, dessen Eltern es wünschten, hatte während der achtwöchigen Sommerferien die Möglichkeit zu einer derartigen organisierten Feriengestaltung gegen einen geringen Unkostenbeitrag von etwa zwölf bis 20 DDR-Mark. So gesehen waren Betriebsferienlager, die per Gesetz für die Kinder der Mitarbeiter zu betreiben waren, ein Novum in der Geschichte des Kindersozialtourismus in Deutschland. Die Teilnahme an einem Ferienlager an der Ostsee war zusätzlich so etwas wie ein Sechser im Lotto. Hieß es doch: Strand und Baden inklusive!

Im Fernsprechbuch von 1971 lassen sich rund 40 Ferieneinrichtungen auf der Insel Usedom finden. Auch das Betriebsferienlager Philipp Müller der VEB Farbenfabrik Wolfen in Ückeritz, an das Regine Kühle aus dem Landkreis Bitterfeld gerne zurückdenkt. Sie erinnert sich noch gut an den Sommer 1978, als der Sammeltransport der Bahn die damals Neunjährige zum ersten Mal in Ückeritz ausspuckte und der Gänsemarsch ins Ferienlager begann. „Wir kamen an einem für mich riesigen Platz an. Es gab einen großen Speisesaal mit Küche und Lager, den Fahnenappellplatz, die Sanitäranlage und Bungalows mit je fünf Doppelstockbetten, Spinden und einem großen Tisch.“

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Auszeichnung für den schönsten „Vorgarten”

Kaum waren die Koffer verstaut, stand schon das Verschönern der jeweiligen „Vorgärten“ der Bungalows auf dem Programm. „Wir sammelten Zweige, Zapfen, Muscheln dafür. Der schönste Vorgarten wurde ausgezeichnet.“ Mit Wonne erinnert sie sich noch heute an die Leckereien, die der Kiosk im Ferienlager bereithielt: „Von der Schlager Süßtafel Vollmilch-Nuss habe ich bestimmt jeden Tag eine Tafel verdrückt.“

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Neptunfeste und Olympiaden

Überhaupt, es gab so vieles zu erleben! Der Tag begann zeitig, meist um 7 Uhr. Eine Runde Frühsport, danach Zähneputzen und ab zum Frühstück. Beim Fahnenappell wurde das Tagesprogramm verkündet. Auch Geburtstagsglückwünsche wurden ausgerichtet oder Belobigungen ausgesprochen. Danach folgte ein abwechslungsreiches Programm aus Spiel und Spaß. Kreative Arbeitsgruppen, Stadtausflüge, Kinoabende. Auch sportliche Betätigung, die sehr hoch angesehen war, vom Kugelstoßen bis zum Schießen mit dem Luftgewehr. Da wurden ganze Olympiaden ausgerichtet und die Sieger mit Urkunden geehrt.

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Und natürlich immer wieder: der Strand und das Baden in der See. Klar, dass da ein Neptunfest zum festen Bestandteil eines jeden Ostseelagers wurde. Inklusive einer nicht besonders zimperlichen Taufe, die mit einem meist unfreiwilligen Bad und dem Trinken eines eher unappetitlichen Gebräus einherging. Mike Junke aus Sachsen-Anhalt kann sich daran noch sehr gut erinnern. Er besuchte das Ferienlager in Ückeritz ebenfalls 1978 und 79. „Ich war das Nesthäkchen in meiner Gruppe. Als ich erfuhr, dass ich getauft werden sollte, wollte ich abhauen. Am Strand habe ich die Flucht ergriffen, wurde aber schnell wieder eingefangen.“ Jede Menge Ostseewasser habe er geschluckt, aber noch heute bewahrt er seine Taufurkunde auf, die seinen Ferienlagername preisgibt: „Kleines Großmaul“. „Weil ich als einziger Junge unter vier Schwestern lernen musste, mich durchzusetzen“, erläutert er schmunzelnd.

Auch für Ingrid Giesel aus Leipzig war der Aufmarsch von Neptun und seinem Gefolge der absolute Höhepunkt des Ferienlagers in Trassenheide. Sie besuchte hier von 1977 bis 1991 das Betriebsferienlager der Deutschen Akademie der Wissenschaften, erst als junger Gast, später als Helferin. „Ich war sogar mal Nixe in Neptuns Gefolge“, erzählt sie. Amüsiert denkt Ingrid Giesel an die Discoabende zurück, bei denen auch mal das Flirten geübt werden durfte. „Einige Ehen gingen aus den Ferienlagern hervor“, verrät sie. „Und mein Freundeskreis aus dieser Zeit besteht auch heute noch.“

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Pionierlager für begabte Schüler

Alles, was im Betriebsferienlager passierte, sollte auch der Erziehung der Kinder zu einer sozialistischen Persönlichkeit dienen. Die Vorgaben über die Gestaltung des Alltags in den Ferienlagern lieferte das „Ministerium für Volksbildung der DDR“. Die Politisierung im Betriebsferienlager war aber nicht vergleichbar mit den sozialistischen Pionierlagern. Im Unterschied zu den Ferienlagern waren die zentralen Pionierlager (ZPL) für die Pioniere und FDJler in der Regel eine Auszeichnung für gute schulische und gesellschaftliche Arbeit.

Die Inhalte des Ferienlebens der Thälmannpioniere und der FDJ-Mitglieder wurden durch Beschlüsse des Zentralrates der FDJ inhaltlich festgelegt. Auf der Insel Usedom gab es schon in den frühen 1950er Jahren Pionierlager, etwa im Erich-Steinfurth-Heim in Zinnowitz. Dann das 35. Pionierlager Boleslaw Bierut in Ahlbeck, das 62. Pionierlager Raymonde Dien in Trassenheide und das große 42. Pionierlager German Titow in Karlshagen. Die Versuche einer konsequenten ideologischen Beeinflussung wurden ab den späten 1970ern von Jahr zu Jahr schwächer, spielten in den 1980ern kaum noch eine Rolle.

Was bleibt, ist die Erinnerung

Nach der Wende bekamen die Gebäude und Grundstücke einiger Ferienlager neue Eigentümer. Die Anlagen prägen noch heute so manches Ortsbild, etwa in Trassenheide. Andere wurden abgerissen oder dem Verfall überlassen. Aber die Erinnerungen an jenen speziellen Geruch, an diesen einen ganz besonderen Geschmack, an ein süßes Lächeln und die nie enden wollenden Sommertage im Ferienlager auf Usedom leben auf jeden Fall fort.

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