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„Wandlitz des Nordens“ vergammelt

Petra Birkholz auf ihrem Balkon. Das Geländer ist fast durchgerostet.

Sie haben versucht, sich die 73-Quadratmeter-Wohnung ein bisschen gemütlich herzurichten. Doch richtig glücklich sind Petra und Eckhard Birkholz mit ihrer ...

Sie haben versucht, sich die 73-Quadratmeter-Wohnung ein bisschen gemütlich herzurichten. Doch richtig glücklich sind Petra und Eckhard Birkholz mit ihrer Dreiraumwohnung in der Riemser Ringstraße schon lange nicht mehr. „Wir wohnen fast 20 Jahre in diesem Block“, sagt der 59-Jährige. „Passiert ist seitdem nichts.“

Die Mängelliste ist endlos: In Küche und Bad breitet sich der Schimmel aus. Nachts schallt über die Rohre der Fernheizung lautes Knallen. Die Fenster sind undicht. Immer wieder kommt es zu Wasserrohrbrüchen. Zuletzt war über Ostern stundenlang Wasser aus einer lecken Zuleitung vom 4. Stockwerk durch den Badschacht bis in die Parterrewohnung von Familie Birkholz geflossen. Im Treppenhaus wackelt das Holzgeländer. Auch draußen macht der Plattenbau einen verwahrlosten und teilweise gefährlichen Eindruck. Die meisten Treppenstufen an der Rückfront sind abgebrochen. An der Hintertür ist schon seit Monaten das Geländer aus der Verankerung gerissen. Die Balkonbrüstung ist nahezu durchgerostet, aus den Wänden ragt die Stahlbewehrung.

Weit unter Verkehrswert verkauft

Kaum besser als die beiden 120-Wohnungs-Blöcke in der Ringstraße sehen ein Dutzend weitere Mehrfamilienhäuser aus. Wer kann, flüchtet vom Riems. In den Plattenbauten steht schon fast jede zweite Wohnung leer. Früher sei es undenkbar gewesen, dass jemand diesem Ort freiwillig den Rücken kehre, sagt Eckhard Birkholz, der schon von Kinderbeinen an in der einstigen Vorzeigesiedlung wohnt. Denn noch vor 30 Jahren waren die rund 1000 Bewohner von Riems und Riemserort, die meisten von ihnen Angestellte des Friedrich-
Loeffler-Instituts, ein schönes Leben gewohnt. Sie wohnten in reetgedeckten Ein- und Zweifamilienhäusern mit Boddenblick. Der Tierseuchengefahr wegen war der zur DDR-Akademie gehörende Riemserort von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt und autark ausgestattet. Spötter witzelten über das „Wandlitz des Nordens“. Man hatte eine eigene Schule, einen Kindergarten, Heizwerk, Konsum, Gaststätte und Jugendklub. „All das gibt’s heute längst nicht mehr“, klagt Petra Birkholz.

Nach der Wende verloren die meisten Akademiker auf Riems ihren Job. Der Bund übernahm nur die Insel Riems mit dem Institut. Riemserort ging im Flächentausch mit Dummerstorf in den Besitz von Mecklenburg-Vorpommern über. Nach jahrelangen Verhandlungen verkaufte das damals unter SPD-Führung stehende Finanzministerium im Jahr 2000 Riemserort mit sämtlichen Immobilien an die Bau-Betreuungs-Gesellschaft Neubrandenburg (BBN) für 14 Millionen D-Mark, obwohl schon damals ein Gutachten einen Verkehrswert von 24 Millionen ausgewiesen hatte.

Bis heute ist die Rechnung noch nicht komplett beglichen. Es stehe noch eine Restrate über 1,9 Millionen Euro aus, bestätigt der Sprecher des Finanzministeriums, Stefan Bruhn. Das Geld sei nicht eingetrieben worden, um eine drohende Insolvenz von BBN abzuwenden. Die einst zahlreiche Immobilien verwaltende BBN ist inzwischen geschrumpft. Nur noch Riems gehöre zum Firmenbestand, sagt Geschäftsführer Ulrich Schmidt, der aus der Riemser Region stammt und inzwischen als Chefkoch in einem Hotel bei Neubrandenburg arbeitet. „Ich hatte Riemserort gekauft, um Verantwortung für meine Heimat zu übernehmen“, sagt er. Doch die Ortsentwicklung sei von Anfang an schwierig gewesen. Viele Häuser, die noch aus der Gründerzeit des Instituts stammten, stünden unter Denkmalschutz und seien nur mit großem finanziellen Aufwand zu sanieren. Hinzu kamen hohe Abrisskosten und überzogene Brandschutzauflagen.

Bürger wollen sich nicht mehr hinhalten lassen

Schmidt gibt an, bislang etwa fünf Millionen Euro investiert zu haben, allein 700.000 Euro in die Umstellung der Heizungsanlage. In mehreren Gebäuden seien Fenster, Türen und Elektroausstattungen erneuert worden. Im Gegenzug seien alle Einzel- und Doppelhäuser, über die Hälfte des gesamten Immobilienbestandes, inzwischen verkauft worden, teilweise an die Mieter, die Vorkaufsrecht in Anspruch genommen hätten, sagt Schmidt. Momentan würden nur besonders dringende Reparaturen erledigt.

Doch die knapp 600 Riemser Bewohner sind angesichts des Niedergangs ihres Dorfes der Hinhaltetaktik überdrüssig. In einem Hilferuf haben sie sich im März an Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gewandt. „Eine Antwort blieb bislang aus“, sagt Ulla Tesmer, Vorsitzende der Ortsteilvertretung Riems. Es gebe beunruhigende Nachrichten, heißt es in dem Brief. Der Investor wolle Teile der Liegenschaft verkaufen. Dann würden vermutlich die letzten Filetstückchen von Riems veräußert, mutmaßt Marion Heinrich, Mitglied in der Bürgerschaft der Stadt Greifswald, zu der Riemserort gehört. „Und wir bleiben auf den vielen Dreckecken und Ruinen sitzen. Dann wäre eine Ortsentwicklung auf lange Sicht blockiert. Deshalb wollen wir, dass BBN an die städtische Wohnungsgesellschaft WVG verkauft wird.“

Das aber lehnt Schmidt vehement ab. Er habe in Abstimmung mit dem Land eine bessere Lösung gefunden, versichert er. Es gebe mehrere Investoren, einige hätten bereits kürzlich einige Immobilien erworben, darunter ein leer stehendes Mehrfamilienhaus im sogenannten Rundling. Man habe Stillschweigen vereinbart, sagt er. Namen nennt Schmidt nicht. Gegenwärtig werde mit dem Land und der Bank verhandelt. „Spätestens in zwei Jahren ist Riemserort verkauft, und zwar komplett. Wer etwas haben will, muss auch etwas anderes dazu nehmen.“