Unsere Themenseiten

:

Wenn Neonazis für die Kirche arbeiten

Als Pfarrer Markus Seefeld neu nach Wittstock kam und seine Tochter in der evangelischen Kita anmeldete, ahnte er nichts Böses. Schnell fand das kleine ...

Als Pfarrer Markus Seefeld neu nach Wittstock kam und seine Tochter in der evangelischen Kita anmeldete, ahnte er nichts Böses. Schnell fand das kleine Mädchen eine beste Freundin, auch deren Eltern schienen nett. Dann meldete die rechtsradikale NPD in Wittstock eine Demonstration an.

Seefeld und seine Kirchengemeinde organisierten eine Andacht zum Gedenken an die Opfer von rechter Gewalt. Und draußen vor der Kirche demonstrierte der Vater der Kindergartenfreundin. „Was wir bis dahin nicht ahnten: Er war einer der führenden Köpfe der rechten Szene in unserer Stadt.“

Geschichten wie diese gibt es in der Evangelischen Kirche häufiger, als es den Verantwortlichen lieb ist. Als im Oktober 2011 der Prozess gegen die rechtsradikale Internetplattform „altermedia“ stattfand, traute Henning Flad vom evangelischen Sozialverband „Diakonie Deutschland“ seinen Augen nicht: Einer der verurteilten Rechtsextremisten arbeitete als Behindertenbetreuer bei der Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern, ein anderer engagierte sich ehrenamtlich in der katholischen Caritas. Und in Hessen gab es den Fall eines rechtsextremen Verlags, der die gleiche Anschrift und Telefonnummer hatte, wie ein „Essen auf Rädern“ der Diakonie: Die Betreiber beider Institutionen waren dieselben.

Die Kirche will sich nicht unterwandern lassen

Erzählt wurden diese Beispiele am Wochenende auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) will sich nicht von Rechtsradikalen unterwandern lassen. Schon im Februar schlug die Kirchenleitung der EKBO eine Ergänzung der Grundordnung der Landeskirche vor: Menschen, die in „Gruppierungen, Organisationen oder Parteien, die menschenfeindliche Ziele verfolgen“ Mitglied sind oder solche Gruppen „tätig unterstützen“, sollen künftig nicht mehr für kirchliche Ämter wählbar sein.

Bis zum 1. September sollen alle Kirchengemeinden zwischen Lychen, Angermünde und Görlitz im Rahmen eines Konsultationsprozesses über diesen Vorschlag debattieren.

Im November soll die Änderung der Kirchenverfassung dann auf der Landessynode beschlossen werden. „Die Evangelische Kirche war landesweit immer gegen den Rechtsextremismus engagiert“, begründet Akademie-Studienleiter Heinz-Joachim Lohmann die Neuregelung. So seien die Vorsitzenden des Brandenburgischen Aktionsbündnisses gegen den Rechtsextremismus immer leitende Geistliche der EKBO gewesen. Doch nun stünden ohnehin eine Reihe von Grundordnungsänderungen an – und die Wahlen zu den Gemeindekirchenräten vor der Tür.

Da mag der Kirche nicht zuletzt der Fall des NPD-Chefs Holger Apfel, dessen Familie sich in einer sächsischen Kirchengemeinde engagiert, ein mahnendes Beispiel sein.
Die Einstellung von Menschen kann die Kirche nicht per Beschluss aus der Welt schaffen, wohl aber eingreifen, wenn sich Leute öffentlich positionieren und ein bestimmtes Konzept vertreten. Und sie kann den Menschen ein Angebot zum Ausstieg aus der Szene machen und ihnen eine zweite Chance bieten: „In der Diakonie-Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern gab es noch einen zweiten Neonazi“, sagt Henning Flad. „Aber er war auf dem Absprung – und wir haben ihn erfolgreich in einem Aussteigerprogramm unterbringen können.“