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Analyse

Das Märchen von der deutschen Stromabhängigkeit

Berlin / Lesedauer: 7 min

Deutschland hat zuletzt mehr Strom importiert als exportiert. Union und AfD konstruieren eine „gefährliche Energie–Abhängigkeit“. Das ist Unsinn. Die Probleme liegen woanders.
Veröffentlicht:18.07.2023, 18:59

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Am 15. April dieses Jahres wurden die letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz genommen. Einige Experten befürchteten eine Strommangellage aufgrund des endgültigen Atomausstiegs. Nun liegen erste Zahlen zur Stromproduktion vor. Und tatsächlich: Seit Mitte April wurde mehr Strom importiert als exportiert. Während der Stromverbrauch im ersten Halbjahr 2022 bei 234 Terawattstunden lag, wurden nur 225 Terawattstunden produziert. Dies gab das Fraunhofer–Institut für Solare Energiesysteme ISE jüngst bekannt.

„Sicherer und bezahlbarer Strom statt grüner Ideologie“

Die drei letzten Kernkraftwerke haben bis zu ihrer Abschaltung 6,7 Terawattstunden erzeugt, im ersten Halbjahr 2023 waren es 15,8 Terawattstunden. Die Differenz macht also ziemlich genau den Unterschied zwischen Gesamtstromproduktion und Gesamtstromverbrauch aus.

Die Union interpretiert diese Daten deshalb folgendermaßen: „Die Ampel hat mit dem Abschalten der nationalen Kernkraftwerke die Energiesouveränität Deutschlands ins Wanken gebracht“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions–Bundestagsfraktion, Stefan Müller (CSU), der Bild–Zeitung. Statt ausreichend heimischen Strom zu produzieren, sei Deutschland jetzt auf Atomstrom aus Frankreich angewiesen. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gefährde so den Industriestandort Deutschland. Die Bundesrepublik brauche „sicheren und bezahlbaren Strom statt grüner Ideologie“.

Falsche Aussagen

AfD–Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel behauptete Anfang Juli auf Twitter sogar: „Satte 82 Prozent unseres Strombedarfs müssen unsere europäischen Nachbarn decken.“ Ein paar Tage später schrieb sie: „Stromimport nach AKW–Abschaltung vervielfacht, Eigenbedarf nicht mehr zu decken. Unser Land hängt am Energietropf der Nachbarn, die Preise für die Bürger werden weiter steigen.“ Die „82 Prozent“ gehen auf eine eher dubiose Berechnung der Bild–Zeitung zurück, die Weidel zudem noch missverstand: Dieser Berechnung zufolge hat Deutschland seit dem endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft Mitte April an 82 Prozent der Tage mehr Strom importiert als exportiert.

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Bei aller berechtigten Kritik an der deutschen Energiepolitik: Die getätigten Aussagen sind zu einer Hälfte falsch und zur anderen Augenwischerei, da sie die dem Strommarkt zugrundeliegenden Mechanismen ignorieren und das Konzept der Energiesouveränität fundamental missverstehen. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens importiert Deutschland in bestimmten Monaten Strom nicht, weil es darauf angewiesen ist, sondern weil es wirtschaftlich Sinn ergibt. Die Bundesrepublik ist seit über 20 Jahren Nettoexporteur von Strom, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen.

Im Jahr 2002 importierte Deutschland zuletzt auf Jahressicht mehr Strom als es exportierte. Der Grund dafür liegt aber nicht in den Kapazitäten, sondern den Marktpreisen. „Deutschland könnte den benötigten Strom zu jeder Zeit selbst erzeugen“, sagte Claudia Kemfert, Energie–Expertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Nordkurier. Das würde aber zu viel höheren Strompreisen führen. „Strom wird durch einen effizienten Markt günstiger, Wirtschaft und Verbraucher können von niedrigeren Preisen profitieren. Energiesouveränität in dem Sinne, dass Strom ausschließlich im eigenen Land produziert und verkauft werden darf, ist ineffizient und teuer“, so Kemfert.

Heimische Stromproduktion hat den Bedarf überschritten

Tatsächlich ist es keine Überraschung, dass die Stromimporte seit den AKW–Abschaltungen Mitte April stark anstiegen. Denn insbesondere in den Sommermonaten wird die Bundesrepublik traditionell von einem Nettoexporteur zu einem Nettoimporteur von Strom. Warum? Weil Strom im Sommer für gewöhnlich sehr günstig ist. Der Preis wird durch Angebot und Nachfrage am Markt gebildet. Im Sommer sinkt temperaturbedingt die Nachfrage, gleichzeitig steigt europaweit das Angebot durch günstige Solarenergie. Das führt dazu, dass es im Sommer billiger ist, Strom zu importieren als ihn selbst zu erzeugen. Der Normalfall ist, dass „Deutschland üblicherweise im Winter zu hohen Preisen viel Strom exportiert und im Sommer bei niedrigen Strompreisen mehr importiert“, erläutert DIW–Expertin Kemfert.

Zweitens lässt sich aus der Tatsache, dass Strom hierzulande produziert wird, nicht ableiten, dass Deutschland dadurch „energiesouverän“ agiert. Warum nicht? Der jährliche Strombedarf in Deutschland liegt derzeit bei rund 500 Terawattstunden, teilte Mathias Mier, Strom–Experte vom Münchner Ifo–Institut für Wirtschaftsforschung, dem Nordkurier mit. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2022 rund 509,4 Milliarden Kilowattstunden Strom aus inländischer Produktion in das Stromnetz eingespeist. Das sind 9,4 Terawattstunden mehr als benötigt wird. Die heimische Stromproduktion hat im Jahr 2022 also den Strombedarf überschritten.

Heißt das, dass die Bundesrepublik im vergangenen Jahr energiesouverän war? Keineswegs. Der produzierte Strom wurde zu 33,3 Prozent aus dem Energieträger Kohle gewonnen, auf Windkraft gehen 24,1 Prozent zurück und auf Erdgas und Kernenergie 11,4 und 6,4 Prozent. Insgesamt wurden 53,7 Prozent des in Deutschland erzeugten und ins Netz eingespeisten Stroms aus konventionellen und 46,3 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen. Von den konventionellen Energieträgern muss aber ein Großteil importiert werden. Laut Umweltbundesamt kommen Steinkohle und Uran zu 100 Prozent aus dem Ausland, außerdem müssen 98,1 Prozent des Mineralöls und 94,8 Prozent des Erdgases importiert werden. Daher ist die Behauptung, Deutschland wäre bei einer heimischen Stromproduktion aus Kernkraft oder Steinkohle „energiesouverän“, absurd. Für die reine Energiesouveränität macht es keinen Unterschied, ob nun der Energieträger oder der Strom selbst importiert wird. Wollte die Bundesrepublik wirklich energiesouverän werden, müsste sie ihren Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken und mit in Deutschland abgebauter Braunkohle absichern.

Blick für die zentralen Probleme geht verloren

Drittens ist Energiesouveränität an sich aber ohnehin kein Kriterium für eine erfolgreiche Energiepolitik. „Energiesouveränität im Sinne der Stromerzeugung ist nicht erstrebenswert“, sagte Ifo–Experte Mathias Mier dem Nordkurier. Versorgungssicherheit und günstige Strompreise für Bürger und Unternehmen seien vielmehr durch einen „räumlichen Ausgleich“ zu erreichen, also durch einen grenzüberschreitenden Stromhandel, der die Fläche und unterschiedlichen Witterungszonen des europäischen Kontinents zu seinem Vorteil nutzt: „Während in Norwegen der Wind weht, weht er nicht an der spanischen Atlantikküste. Während in Norddeutschland kein Wind weht, gibt es Sonne in Italien, Rumänien und Griechenland“, so Mier.

Durch diese fundamentalen Missverständnisse geht der Blick für die zentralen Probleme der deutschen Energiepolitik verloren. Das grundsätzliche, strategische Problem ist nämlich nicht die verfügbare Strommenge, sondern der Preis: Wie sichern wir dauerhaft die Energieversorgung für Wirtschaft und Privathaushalte zu bezahlbaren Preisen? Wie werden Energiekostennachteile insbesondere für die energieintensive Industrie verhindert? Wie wird aus einer halbseidenen Industriestrompreis–Idee, die das eigentliche Problem nicht löst, sondern nur zeitlich begrenzt wegsubventioniert, ein Konzept für einen nachhaltig attraktiven Industriestandort? Wie speichern und transportieren wir zukünftig Strom? Wie gelingt der Ausbau der Übertragungs– und Verteilnetze beim Umstieg von einem zentralen in ein dezentrales System der Stromproduktion? Wo kommen die Fachkräfte und Materialien für diesen Ausbau her? Wie kann die durchschnittliche Verfahrensdauer für die Genehmigung von Windanlagen von 10 bis 12 Jahren auf maximal 10 bis 12 Monate reduziert werden?

Denkfehler in der grünen Fantasie

Zudem fehlt ein ganz grundsätzliches Konzept, wie die Energiewende als Wachstumstreiber genutzt werden kann — und ein ehrlicher Umgang mit der Frage, was mit unserer Gesellschaft passiert, wenn dies nicht gelingt. Der Denkfehler in der grünen Fantasie ist, dass zahlreiche neue Zukunftstechnologien entstehen, die zu einer Erweiterung des Kapitalstocks und damit einer Mehrung des volkswirtschaftlichen Wohlstands führen. Tatsächlich aber mehrt nicht jede Investition den Wohlstand. In ihrer derzeitigen Form erweitert die Energiewende den Kapitalstock nicht, sondern ersetzt ihn — und das auch nur teilweise und zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Unter dem Strich mindert das den Wohlstand.

In der Bundesrepublik scheint es nicht einmal den Ansatz einer Idee zu geben, was im Land passiert, wenn die Bevölkerung in der Breite nicht mehr damit einverstanden ist, Klimaneutralität mit eigenen Wohlstandsverlusten zu erkaufen. In diesen und anderen Fragen müsste die Opposition Druck auf die Bundesregierung aufbauen, anstatt die Debatte durch ideologische Nebelbomben künstlich aufzuladen.