WM 1974 IN DER BRD

Mit einem Sonderzug zur Fußball-Weltmeisterschaft

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik vor 44 Jahren war auch das DDR-Nationalteam mit von der Partie. Zwei Fans aus der Mecklenburgischen Schweiz waren dabei.
Thomas Koch Thomas Koch
Die legendäre DDR-Mannschaft bei der WM 1974. Das Team schlug nicht nur Australien, sondern auch den späteren Weltmeister, die Bundesrepublik, mit 1:0. Foto: Archiv
Die legendäre DDR-Mannschaft bei der WM 1974. Das Team schlug nicht nur Australien, sondern auch den späteren Weltmeister, die Bundesrepublik, mit 1:0. Foto: Archiv Archiv
Hermann Schuhardt aus Malchin (links) und Hans Heinrich Unterberg aus Faulenrost.
Hermann Schuhardt aus Malchin (links) und Hans Heinrich Unterberg aus Faulenrost. Thomas Koch
Malchin/Hamburg.

Diese Erinnerungen verblassen nicht. Und wenn dann alle vier Jahre Fußballteams von allen Kontinenten den Weltmeister-Titel ausspielen, dann denkt Hermann Schuhardt noch viel mehr an die Erlebnisse, die nun schon 44 Jahre zurückliegen. Man schrieb das Jahr 1974. Es war ein ganz besonderes Jahr in der Sportgeschichte der DDR. Zum ersten Mal – und es sollte auch das letzte Mal sein – hatte sich die Nationalmannschaft des bis heute legendären Trainers Georg Buschner für die Endrunde einer Fußballweltmeisterschaft qualifiziert. Und die fand nicht irgendwo statt, sondern ausgerechnet beim „Klassenfeind“ in der benachbarten Bundesrepublik.

Auf der Ostseite der Republik konnte man sich aus hinlänglich bekannten Gründen natürlich nicht mal eben in den Zug setzen, um das eigene Team bei den Spielen in Hamburg zu unterstützen. Reisefreiheit: Fehlanzeige. Das eigene Team aber ganz ohne Unterstützung auf westlichem Rasen auflaufen zu lassen, das wollten die Partei-Oberen natürlich auch nicht. Und so gab es doch wenige Ausgesuchte, die den Weg in den Westen und zur Weltmeisterschaft antreten durften.

Zu ihnen gehörten auch zwei Herren aus der Mecklenburgischen Schweiz: Hermann Schuhardt aus Malchin und Hans Heinrich Unterberg aus Faulenrost. Beide waren schon damals verdiente Männer des Sports. Hermann Schuhardt, der Sportlehrer aus Malchin, war in seiner Freizeit leidenschaftlicher Schiedsrichter. Als Unparteiischer pfiff er Spiele bis hoch in die zweite Liga der DDR. Und auch Landwirt Hans Heinrich Unterberg hatte sein Herz an den Sport verschenkt. „Das war damals wohl der Grund, warum die Wahl auf uns fiel. Für uns war es eine große Überraschung, aber als Fußballfans natürlich auch eine große Freude, bei so einem Ereignis mit dabei zu sein“, sagt Schuhardt.

Für 90 Minuten regierte nur der Sport

Instruktionen fürs richtige Verhalten auf westdeutschem Grund und Boden bekamen die Beiden vor ihrer Fahrt nach Hamburg noch von der Kreis- und der Bezirksleitung der Staatspartei SED. „Ja, so war das damals“, lächelt Hermann Schuhardt. Ebenso wie die Mannschaft sollten natürlich auch die Fans ein gutes Bild abgeben im nichtsozialistischen Ausland. Da mussten sich die SED-Vorderen bei Hermann Schuhardt und Hans Heinrich Unterberg keine Sorgen machen. „Uns ging es nur um den Fußball. Wir wollten unser Team unterstützen und die große Politik spielte für uns keine Rolle“, blicken die beiden zurück.

Nach Hamburg reisen durften sie zu der Partie DDR gegen Australien. Mit einem Sonderzug ging es im Sommer 1974 mit vielen anderen Fans aus der DDR in die Hansestadt. Bestens organisiert war die Fahrt, erinnert sich Hermann Schuhardt. In Hamburg angekommen, seien die Gäste aus dem Osten im Kongress-Zentrum sehr freundlich empfangen und sehr gut versorgt worden, bevor die DDR-Fan-Kolonne dann weiterzog Richtung Volksparkstadion. Ganz ohne Westgeld wurden die DDR-Fans nicht auf die Reise geschickt. Mit zehn Deutschen Mark war das Salär zwar nicht gerade üppig, aber es reichte bei Schuhardt und Unterberg immerhin für ein Bier im Stadion und einen Weltmeisterschafts-Erinnerungswimpel.

Im Stadion selbst durften sie sich frei bewegen. Zumindest sei von Kontrolle oder Stasi nichts zu spüren gewesen. „Es war eine sehr tolle Atmosphäre. Fußballstimmung pur. Und wir hatten auch viele schöne Begegnungen und Gespräche mit westdeutschen Fans“, erzählt Schuhardt. Die Politik war für 90 Minuten außen vor, nur der Sport regierte.

Voller Freude nach dem Tor

Die Hauptdarsteller auf dem Rasen wie Streich, Kreische, Sparwasser und Co. enttäuschten ihren Anhang nicht. 1:0 für Ostdeutschland hieß es nach dem Abpfiff. Unterberg und Schuhardt – echte Fußballfans eben – lagen sich bei beiden Treffern freudetrunken in den Armen.

Noch am selben Tag startete der Sonderzug wieder in Richtung Heimat. Im Gepäck hatten die beiden nicht nur ihren Weltmeisterschafts-Wimpel, sondern viele schöne und emotionale Erinnerungen, die sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt haben.

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