Keiner inszeniert Nackte so schön wie er

Aktfotograf Klaus Ender sprach seine ersten Akte am FKK-Strand an
Aktfotografie

Keiner inszeniert Nackte so schön wie er

von: Frank Wilhelm
2. April 2019

Schönheiten aus Ost und West fotografierte Klaus Ender in mehr als 50 Jahren. Inzwischen setzen ihm Krankheiten zu. Das hält den Aktfotografen aber nicht davon ab, weiterzuarbeiten.

Als wir uns vor einigen Jahren an seiner Haustür verabschiedet hatten, meinte Klaus Ender, dass wir uns wohl das letzte Mal gesehen hätten. Die Parkinson-Krankheit setze ihm zu sehr zu, sodass er nicht mehr lange zu leben habe, glaubte er. Seinerzeit war Klaus Ender, einer der wichtigsten deutschen Aktfotografen der vergangenen sechs Jahrzehnte, Mitte 70. Am 2. April feiert er nun seinen 80. Geburtstag. Wir treffen uns wieder in seinem Reihenhäuschen in Bergen. Der kleine Mann begrüßt einen freundlich an der Haustür. Sein Haar trägt er nach wie vor halblang. Ein bisschen hält doch jeder Mann noch an seiner Jugend fest. Der Fotograf weiß, dass „nackte Tatsachen“ immer ziehen, noch dazu, wenn es um Akte aus der früheren DDR geht, noch dazu um ästhetisch wertvolle Fotos, die auch heute noch ansprechen – Mann und Frau.

Ender fotografierte auch seine Frau nackt

Auf einem kleinen, runden Tisch im Wintergarten liegen die Bögen eines neuen Buches, das Anfang April erscheinen wird: „Nackt zwischen Dornen“. Auf dem Titel ein typisches Ender-Foto. Ein groß aufgefasster Po einer Frau, die auf dem Bauch liegt. Aufgenommen irgendwo an einem Steinstrand Rügens. Der Fotograf lächelt schelmisch. „Das ist meine Frau.“ Verwirrung. Wo? „Na da!“ Ender tippt noch einmal auf das Cover.

Gabi Ender ist 54 Jahre alt. Beide sind seit 35 Jahren verheiratet. „Davor sind wir sechs Jahre gegangen“, sagt Klaus Ender. Sie, die meist im Hintergrund agiert, ist vor allem in den letzten Jahren seine große Stütze. Gabi Ender pflegt das Fotoarchiv mit mehr als 200 000 Bildern, die mittlerweile alle digitalisiert sind. Sie beantwortet die Anfragen, sucht die angeforderten Fotos heraus. Sie sorgt für eine bewundernswerte Ordnung in Klaus Enders Leben und Archiv.

Denn der Fotograf will nicht nur auf der Couch liegen, fernsehen und Kreuzworträtsel raten. Er will arbeiten, fotografieren und vor allem auch schreiben. Seite für Seite blättert er „Nackt zwischen Dornen“ durch. Zahlreiche Akte sind zu sehen, auch neue, in Farbe. Zudem viele Landschaften, insbesondere von Rügen. Zurzeit experimentiert Ender gerne mit Infrarot-Technik. Ein Filter und eine Langzeit-Belichtung sorgen dafür, dass aus einem grau-blauen Hintergrund ein grüner wird. Dass sich grüne in strahlend weiße Blätter verwandeln. „Ich bin stolz, dass ich noch so kreativ bin“, sagt er.

Die Kamera hat er nach wie vor immer im Gepäck

Im Laufe des Gesprächs wird die Parkinson-Krankheit immer mehr sichtbar. Unkontrolliert bewegt sich der Körper. Ender spricht schnell, so als habe er Sorge, die Sätze nicht zu Ende zu bringen. Das ärgert ihn. Zumal ihm nun, im vergangenen Jahr, ein weiteres Leiden aufgebürdet wurde: Asthma.

Dennoch ist viel mit dem E-Bike unterwegs, bis hinauf zum Kap Arkona. Die Kamera hat er immer im Gepäck. Aber auch Schreibblock und Stift. Denn der Fotograf hat im vergangenen Jahrzehnt auch immer öfter geschrieben: Geschichten, Gedanken, Verse. „Gesellschaftskritischer Bildband“, so wirbt er für das neue Buch. Es ist vor allem die Sorge um „seine“ Insel, die ihn umtreibt. Mit Rügen verbindet ihn Vieles: 1962 zog der gebürtige Berliner auf die Insel, arbeitete als Bäcker und fotografierte am Nachmittag seine ersten Akte – junge Frauen, die er am FKK-Strand ansprach.

1966 begann er in Binz seine Laufbahn als freischaffender Fotograf. 30 Jahre später kehrte er, der 1981 nach Österreich übergesiedelt war, zurück nach Rügen. Seitdem wohnt er in Bergen. Und seitdem beobachtet er die Entwicklung hin zum Massentourismus mit Sorge. So kritisierte er vor knapp zwei Jahren öffentlich die Baumfällungen im Nationalpark Jasmund. In seinem neuen Buch findet sich ein Bild vom „Straßen-Monster“, das 160 Millionen Euro verschlingt –gemeint ist der umstrittene Neubau der B96, mit dem eine breite Schneise über die Insel geschlagen wird. „Die Welt wäre so reich – wenn sie nicht so arm dran wäre“, so der passende Aphorismus von Ender. Rund 2000 solcher Sinnsprüche hat er mittlerweile notiert. Hinzu kommt die gleiche Zahl an Gedichten, von denen sich einige auch in dem neuen Buch finden.

Seine widersprüchliche DDR-Geschichte klingt an

Seine eigene, widersprüchliche DDR-Geschichte lässt den Fotografen bis heute nicht los. 1975 hob er zusammen mit Gerd Rattei die legendäre Fotoausstellung „Akt & Landschaft“ aus der Taufe, die, mehrfach wiederholt, Hunderttausende Besucher verzeichnete. Ender veröffentlichte Akte im „Magazin“ und im „Eulenspiegel“. Sein erstes Buch „Mein Modell“ brachte es auf 95 000 Exemplaren. Doch als er heimlich Aktaufnahmen an ein westdeutsches Magazin verkaufte, wurde ihm das zum Verhängnis. Die Stasi habe ihn erpresst, und er sich zur inoffiziellen Mitarbeit verpflichtet. Er habe aber nur über die Gauner berichtet, beteuert Ender. Zugleich gebe es 800 Seiten aus dem Stasi-Archiv, in denen Spitzel über ihn berichten. Diese, seine DDR-Geschichte, ist noch nicht auserzählt. In einem Aphorismus schreibt Ender: „Gerüchte sind wie Kletten.“ Aktuell hat er nicht viel Zeit, sich mit Gerüchten zu beschäftigen. Zusammen mit seiner Frau bereitet er eine große Ausstellung in Naumburg vor. Titel „Akt & Landschaft“. Vom 12. April (Vernissage um 17 Uhr) bis 30. Juni werden in der Galerie im Schlösschen 200 Fotos gezeigt. Und was kommt danach? „Ich würde gerne noch einigen Leuten was an den Kopf werfen“, sagt der dichtende Fotograf. Er genießt aber auch die Natur, wenn am „Morgen die Nebel ziehen und die Sonne aufgeht“, dann naht die Stunde für das schönste Fotolicht. Wir verabschieden uns: „Bis zum nächsten Mal, Herr Ender!“

Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: Klaus Ender