Anna Loos: Einmal Silly und wieder zurück

Das Cover des Albums "Werkzeugkasten" der deutschen Sängerin Anna Loos
Neues Album

Anna Loos: Einmal Silly und wieder zurück

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24. April 2019

Anna Loos hat nach etlichen Jahren als Silly-Sängerin jetzt ein Soloalbum veröffentlicht. Zu ihrer Zukunft mit der Kult-Band wollte sie keine Auskünfte geben. Über ihr heutiges Leben allerdings schon.

Erzählt das Lied "Paris" auf Ihrem neuen Album "Werkzeugkasten" Ihre persönliche Geschichte?

Ja. Ich bin in der Stadt Brandenburg aufgewachsen und muss sagen, dass ich eine wirklich schöne Kindheit und Jugend in der DDR verlebt habe. Ich hatte und habe eine große, eingeschworene und wunderbare Familie. Wir sind zwar nie groß gereist, aber das war nicht so wichtig. Ich habe meine Ferien bei Oma und Opa auf dem Bauernhof verbracht, wo ich mit den Jugendlichen vom Dorf eine Menge angestellt habe. Das war eine coole Zeit – bis zu einem bestimmten Punkt.

Welchem?

Ich war eine sehr gute Schülerin, durfte aber kein Abitur machen. An meinen Leistungen hat es nicht gelegen. Ich nehme an, das hatte mit meiner Familie zu tun, die unangenehme Berührungspunkte mit der Staatssicherheit hatte. Ich wollte Opernsängerin werden. Also habe ich versucht, an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ zu studieren, was aber nicht geklappt hat.

Sie haben Ihre Fluchtidee dann durchgezogen. Hatten Sie damals einen konkreten Lebensplan?

Ich wollte nach meiner Flucht auf jeden Fall mein Abitur machen. Opernsängerin fand ich immer noch interessant, aber eigentlich wusste ich nicht hundertprozentig, was ich will. Bei meiner Entscheidung, aus der DDR abzuhauen, ging es vor allem um mich und meine Zukunftsgedanken. Leider war mir ziemlich egal, wie sich meine Eltern dabei fühlen würden. In meinem Kopf war die Sache klar: Es ist mein Leben, ich kann es nicht für meine Eltern führen. Ich bin erwachsen und muss für mein Leben die Verantwortung übernehmen. Ich habe meinen Fluchtplan vor allem deshalb vor meinen Eltern verheimlicht, um sie nicht zu gefährden. Durch familiäre Erfahrung wusste ich, was geschehen kann, wenn Personen von einer Flucht wissen, und ich wollte niemandem schaden.

Wer wusste denn Bescheid?

Ich habe nur meiner besten Freundin davon erzählt, die dann sagte: „Ich komm mit, du kannst mich nicht hierlassen!“ Also haben wir unsere Flucht gemeinsam angetreten. Um ehrlich zu sein, war das alles ziemlich naiv. Erst nach Prag, von dort – weil wir kein Visum für Ungarn bekamen – zur Donau, dann über den Fluss nach Ungarn und weiter nach Österreich. Das klappte schon mal nicht, weil die Donau viel zu breit war, um mit der Luftmatratze rüberzukommen. Außerdem gab es Patrouillen. Polizisten griffen uns auf.

Und was passierte dann?

Das war einer der Momente, in denen wir dachten: Das war‘s, jetzt geht es ins Gefängnis. Die nahmen uns aber mit zu einer Party, wo wir ihnen die Lügengeschichte erzählten, dass wir unsere Eltern verloren hätten und sie suchen würden. Sie ließen uns weiterziehen, bis wir nach vier Tagen an der ungarischen Grenze die dort etwas schmalere und flachere Donau überqueren konnten. Nass und hungrig kamen wir in ein Dorf, wo wir an einem der ersten Häuser nach Hilfe fragten. Auch auf die Gefahr, am Ende festgenommen zu werden. Das passierte zum Glück nicht. Die Hausbewohnerin telefonierte mit ihren Kindern, die gerade nach Budapest fahren wollten. Sie haben uns zur BRD-Botschaft mitgenommen, wo man uns sagte, dass es für allein reisende Minderjährige eine Art Auslieferungsabkommen gibt. Ein Schock! Doch eine Botschaftsmitarbeiterin gab uns den Tipp: Naja, wenn wir nun aber keine Papiere hätten... Also hatten wir plötzlich keine Papiere und waren bereits 18.

Wie haben Sie es erlebt, als ein Jahr später die Fluchtwelle über Ungarn einsetzte?

Ich war bei meiner Tante in Wedel, sah die Bilder im Fernsehen und war berührt. Als die Mauer fiel, versuchten wir, meine Eltern zu erreichen. Das klappte nicht, aber ein paar Stunden später standen sie in Wedel vor der Tür. Sie waren sofort zu mir gefahren.

Hatten Sie das Gefühl, Ihre Eltern durch die heimliche Flucht im Stich gelassen zu haben?

Ja. Die Flucht war das Schlimmste, was ich meinen Eltern je angetan habe. Als ich sie nach meiner Ankunft im Westen endlich am Telefon erreicht hatte, konnten sie zunächst gar nicht mit mir reden. Sofort kamen ihnen die Tränen. Damals wurde mir klar, wie sehr ich ihnen zugesetzt hatte. Wobei mein Vater über mein Abhauen wohl nicht so überrascht war wie meine Mutter. Er sagte später, dass ich immer schon durchgezogen hätte, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.

Wie war es für Sie, in ein Land zu kommen, das nicht auf einen gewartet hat?

Vor allem das Schulsystem erforderte Umgewöhnung. Ich konnte kaum Englisch, und auf dem Gymnasium in Wedel haben sie Shakespeare im Original gelesen. Ich musste permanent zusehen, dass ich irgendwie klarkomme.

„Ich tanze ohne Angst durch die verkehrte Welt“ singen Sie im Silly-Song „Zwischen den Zeilen“. Sich angstfrei in einer verkehrten Welt zu bewegen, ist nicht jedermanns Ding.

Eine veränderte Welt löst bei vielen Menschen eher Befürchtungen aus. Aber das Leben ist nun einmal Veränderung. Ich habe nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben, weil ich 17 Jahre im Osten verbracht habe. Ich finde es toll, beide Seiten zu kennen. Meine Wurzeln im Osten machen mich bis heute aus, denn ich glaube, ich bin von meinen Eltern mit einer gesunden und ehrlichen Moral ausgestattet worden. Ich weiß zu improvisieren und die Kraft einer Gemeinschaft zu schätzen. In meinem persönlichen Umfeld habe ich ein grundehrliches Miteinander erlebt. Heute bin ich wiederum dankbar, in einem privilegierten Land zu leben. Dass sich Menschen aus armen Ländern oder aus Kriegsgebieten auch ein gutes Leben für ihre Familien wünschen, verstehe ich. Wenn hier Bomben runterkämen und kein normaler Alltag denkbar wäre, würde ich meine Kinder nehmen und dorthin gehen, wo sie eine Zukunft haben.

Sie stiegen 2006 bei Silly ein und wurden aufmerksam beäugt, zumal Sie in die Kategorie singende Schauspielerin fielen. Wie lange haben Sie sich diesen Schritt überlegt?

Ich habe nicht so sehr darüber nachgedacht. Ich spielte gerade Sally Bowles in „Cabaret“ und wurde von den Bandmitgliedern angesprochen – da war ich erst einmal erfreut. Ich fand Silly immer toll, ihre Platte „Bataillon d’Amour“ von 1986 war mein erstes gekauftes Album überhaupt.

Tamara Danz gilt vielen Silly-Fans bis heute als Ikone. Wie ist es, sich in einer Art posthumer Konkurrenz zur Vorgängerin zu befinden?

Schwierig – und manchmal auch ungerecht. Tatsächlich hatte ich mich vor meinem Eintritt in die Band in keiner Sekunde gefragt: Wird es dich nicht unglaublich nerven, wenn du immer mit Tamara verglichen wirst? Ich habe gedacht, diese geile Band muss weitermachen, ich will und kann und würde es sehr gern tun. Bei unserer ersten Tour saßen die meisten Zuschauer mit verschränkten Armen im Saal. Das Motto: „Mal gucken, was die so macht.“ Nach ein paar Songs sind die aber steil gegangen. Das war wunderbar und gab mir eine große Kraft. Einmal kamen zwei Frauen nach einem Konzert auf mich zu und sagten: „Wir sind eigentlich gekommen, um dich auszubuhen, aber dürfen wir dich umarmen?“ Einerseits fand ich das lustig, andererseits ging mir auf, worauf ich mich eingelassen hatte. Egal was man macht, ob man an der Silly-Tradition festklebt, einen eigenen Stil einbringt oder nach Neuerung sucht: Die Band wird immer ihre Geschichte mitnehmen – und das ist gut so.

Auch Ihr Mann Jan Josef Liefers ist Schauspieler und Sänger. Gibt es da eine Art Konkurrenzsituation?

Nein. Wir schauen natürlich, was der andere so macht, und wir sagen uns auch unsere Meinung, wenn uns etwas nicht gefällt. Aber wir beide sind stolz auf den Erfolg des anderen.

Nachdem Sie als 16-Jährige von Paris geträumt hatten, wann sind Sie dann das erste Mal in die Stadt gereist?

Ungefähr ein halbes Jahr nach meiner Flucht bin ich nach Paris gefahren. Ich fand die Stadt wunderschön, war aber auch ein bisschen geschockt. Weil alles so teuer war. Und ich so viele Obdachlose unter den Brücken sah.

 

Anna Loos: Werkzeugkasten, BMG Rights Management,

erhältlich unter anna-loos.de

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Fotos: Verstärker Medienmarketing