„Bajadere“ betört Prinzen und Publikum

Auch diese Inszenierung punkte mit gut aufgelegten Darstellern.
Schlossgarten Neustrelitz

„Bajadere“ betört Prinzen und Publikum

von: Christine Gerhard
4. Juli 2019

Die Operetten-Festspiele in Neustrelitz sind eröffnet. Die "Bajadere" sorgt ab sofort dafür, dass sich die Zuschauer ins Theater verlieben.

In einem Operetten-Duden könnte unter B wie „Bajadere“ wohl stehen: 1. Eine Sängerin, die durch ihre einnehmende Darbietung einen indischen Prinzen betört, 2. Die gleichnamige Operette, die durch ihre Fulminanz das Publikum betört und die am Freitag Premiere bei den Festspielen im Schlossgarten Neustrelitz feierte.

Die Zutaten für den Zaubertrunk, durch den sich der Prinz auf der Bühne in die Sängerin und die Zuschauer auf den Rängen wieder neu ins Theater verliebten: eine Prise Bollywood, ein paar Schöpfkellen Operette, ein Anklang an Musical, abgeschmeckt mit einer Idee „Sissi“ und Heinz Erhardt.

Die nur selten aufgeführte Operette des ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán erzählt von der Magie der Bühne und ist dabei selbst Bühnenzauber. Im Schlossgarten wurde mit ihr fürstliche Unterhaltung geboten. Auf großer Bühne, in großer Besetzung (Solisten des Musiktheaters, Opern- und Extrachor und Statisterie der Theater- und Orchester GmbH, Deutsche Tanzkompanie, Neubrandenburger Philharmonie) zauberten die Ensembles eine pompöse Mischung aus Zwanziger-Jahre-Chic und indischer Exotik. 

Der erste Akt, bei dem es noch hell ist, ist im Schwarz-Weiß alter Stummfilme gehalten. Beim Theaterbesuch in Paris, bei einem Stück im Stück, verliebt sich der indische Prinz Radjami (Andrés Felipe Orozco) in die Operettendarstellerin Odette Darimonde (Laura Scherwitzl), die die „Bajadere“ spielt. Er wettet, sie mit seinem Charme so zu hypnotisieren, dass sie ihm noch in derselben Nacht ihre Liebe schwört. Die Angebetete, entschlossen, dem Prinzen eine Lektion in europäischem Feminismus zu erteilen, spielt mit. Und landet so, im zweiten Akt, als der Sonnenuntergang den Himmel färbt, in seinem Palast, der vor Exotik strotzt.

Nach und nach bekommen die schwarz-weißen Pariser Gäste Farbe und werden von indischen Tänzern in bunte Tücher gewickelt. Eingewickelt werden auch die Neustrelitzer Zuschauer, als die indische Pracht alles umhüllt. Inmitten des multifunktionalen Bühnenbilds regen die wenigen, aber guten Requisiten die Fantasie an, die Zwischenräume bunt auszumalen, bis man das Opium zu riechen glaubt. Ein besonderer Hingucker ist Nina Burri, die ihren Körper wie eine Schlange verbiegt und verknotet.

Erst bei der Heiratszeremonie löst die „Bajadere“ ihren Streich auf und lässt den Prinzen stehen. Das Spiel ist vorbei, die beiden sind entkostümiert, ohne Turban, ohne Divenkleid, doch das Schauspiel endet noch nicht: Denn seine schwarzen Augen haben sie gegen ihren Willen doch in ihren Bann gezogen ...

Die großen Gefühle, die noch einmal verstärkt werden, weil die Beleuchtung so geschickt Atmosphären erzeugt und weil Scherwitzls Wiener Akzent an Romy Schneiders Sissi denken lässt, steigern sich zu einem Feuerwerk. Die Inszenierung aber ist zwischen den Arien und Duetten der beiden Schmachtenden launig und sommerleicht, insbesondere durch die Zwischenspiele der Dreiecksbeziehung von Marietta (Viola Zimmermann), Napoleon St. Cloche (Bernd Könnes) und La Tourette (Robert Merwald), deren Reime Heinz Erhardt alle Ehre machen.

Und auch „Emmerich Kálmán wäre begeistert gewesen“, bedankte sich Intendant Joachim Kümmritz, der sich mit dem Stück verabschiedet – mit einer „lebendigen und frischen Inszenierung“, für die man Sitzfleisch oder gute Sitzauflagen mitbringen sollte.

Der Nordkurier lädt seine Leser am 6. Juli um 20 Uhr zu vergünstigten Kartenpreisen zum „Tag des Nordkurier“ ein. Tickets für alle Aufführungen bis zum 20. Juli gibt es beim Nordkurier in Neubrandenburg (Engelsring 29, Turmstraße 13), telefonisch unter 0800 4575033, an den Theaterkassen in Neubrandenburg und Neustrelitz sowie an der Abendkasse.

Christine Gerhard

Verfasser

Fotos: Jörg Metzner