Defa-Film "Seitensprung" wiederentdeckt

Annette Voss und Henry Hübchen
"Seitensprung" auf DVD

Defa-Film "Seitensprung" wiederentdeckt

von: Frank Wilhelm
8. Juli 2019

Zahlreiche Defa-Filme wurden nach der Wende digitalisiert und auf DVD veröffentlicht. Doch es gibt immer noch Schätze im Archiv des DDR-Kinos, beispielsweise das Ehedrama "Seitensprung".

Edith und Wolfgang scheinen eine vorbildliche Ehe zu führen. Beide haben einen fünfjährigen Sohn, eine schöne Neubauwohnung und einen Trabant. Was will man mehr in der DDR?! Edith weiß, dass Wolfgang vor Jahren eine Affäre mit einer anderen Frau hatte, aus der eine Tochter entstammte. Sandra ist zwölf Jahre alt, als sie plötzlich vor der Wohnungstür von Edith und Wolfgang steht. Sandras alleinerziehende Mutter ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Jetzt weiß sie nicht wohin. Die Familie nimmt sie auf. Doch Edith erfährt irgendwann, dass ihr Mann mitnichten nur einen Seitensprung mit der anderen Frau hatte. Er hat sie regelmäßig betrogen, ja sogar ein zweites Familienleben geführt.

Der ungeahnte Betrug und die sich daraus ergebenden Konflikte bilden die Ausgangssituation des 1979 gedrehten Defa-Filmes "Seitensprung". Nachdem die Defa-Stiftung in den vergangenen Jahren zahlreiche in den DDR-Jahren entstandene Filme neu herausgebracht hat, wurde nun auch dieser vor 40 Jahren erstaufgeführte Streifen digitalisiert und auf DVD gepresst. Ein Aufwand, der sich auf jeden Fall gelohnt hat. 

Film fand große Beachtung

Evelyn Schmidts Debütfilm wurde schon kurz nach der Kinopremiere national wie international beachtet und auf das Forum des Jungen Films zu den Internationalen Filmfestspielen in Berlin eingeladen. "Der Stolz der Verantwortlichen der Defa über eine Frau auf dem Regiestuhl ist beachtlich", heißt es von der Firma Icestorm, die den Film in Kooperation mit der Defa-Stiftung herausgebracht hat. Nach Evelyn Schmidts zweitem Film „Das Fahrrad“ (1981), einer Sozialstudie über eine alleinerziehende Mutter, habe sich dies geändert. "Zu kritisch geht die Regisseurin mit dem Alltag in der DDR, mit Arbeits- und Geisteshaltungen um."

Renate Geißler als zweifelnde und wütende Ehefrau, die am kleinen Eheglück festhalten will, und Uwe Zerbe als ihr untreuer Ehemann brillieren in "Seitensprung". Ein frühes Schauspieltalent zeigt auch Annette Voß, die die Sandra spielt. Mit Henry Hübchen als Mitarbeiter eines Kinderheimes ist einer der heutigen Stars des deutschen Kinos in einer relativ frühen Rolle zu sehen. Charme strahlte er schon damals, als 32-Jähriger aus. "Seitensprung" ist ein Familien- und Sozialdrama, das angesichts seines Konfliktstoffs zeitlos ist, zugleich aber interessante Einblicke in den DDR-Alltag bietet. Auch dank des Bonusmaterials, das neben einem Interview mit Hübchen den 1981 gedrehten Dokumentarfilm "Jugend-Zeit zu zweit" enthält, in dem drei junge Paare über ihre Träume und Wünsche in der DDR berichten.

Viele Aufnahmen in Schwerin entstanden

Gedreht wurde der Film zum größten Teil in Schwerin. Zu entdecken sind einige prägnante Orte der heutigen Landeshauptstadt: Schloss und Burggarten, das Staatstheater mit dem Dom im Hintergrund, Mecklenburgstraße (damals Hermann-Matern-Straße) und das Magnet-Kaufhaus (heute Modehaus Kressmann). Eine Szene spielt im früheren Spielwarengeschäft in der Wilhelm-Pieck-Straße (heute Arsenalstraße). Eine weitere Szene in „Wöhlers Weinstuben“ in der Puschkinstraße. Das Lokal wurde etwa vier Jahre nach Beendigung der Dreharbeiten wegen Einsturzgefahr geschlossen und erst 2001 wiedereröffnet.

Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: DEFA-Stiftung/Frank Bredow, Klaus Goldmann