Hotelbesitzerin spricht über die Wende

Barbara Karge, Jahrgang 1956, bleiben nur noch ein paar Jahre als Chefin des Inselhotels im Brückentinsee.
Urlaub am Brückentinsee

Hotelbesitzerin spricht über die Wende

von: Dana Skierke
4. Juli 2019

Mit Herz und Berliner Schnauze kümmert sich Barbara Karge um ihre Urlauber – früher im Betriebsferienheim, heute in einem idyllisch gelegenen Hotel bei Neustrelitz.

„Wir haben die Wende erlebt, die Westdeutschen haben sie nur zur Kenntnis genommen“, resümiert Barbara Karge, die zum Zeitpunkt des deutschen Umbruchs 38 Jahre alt war. Treuhandschikane, Wessi-Getue, die Entdeckung der Glitzerwelt jenseits der gefallenen Mauer, Naivität, die Marktwirtschaft, ganz viel, ganz schnell hintereinander – das war die Wendezeit für Barbara Karge. Aber der Reihe nach.

Geboren wurde die Pächterin des Inselhotels im Brückentinsee 1956 in Berlin. Nach dem Schulabschluss erlernte sie bei der Dewag (Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft) den Beruf der Facharbeiterin für Schreibtechnik und fing als Sekretärin bei der HO (Handelsorganisation) im Bereich WTB (Waren des täglichen Bedarfs) in Berlin an. Der Betrieb bot ihr die Chance, sich an der Abendschule zum Gaststättenleiter ausbilden zu lassen. 1983 ging es los. Inzwischen hatte Barbara Karge geheiratet, ihren Sohn bekommen und sich wieder scheiden lassen.

Marxismus trifft auf Kaffeepreis

Die alleinerziehende Mutter hatte ein Ziel vor Augen: Als Gaststättenleiterin könnte sie ein Betriebsferienheim übernehmen. Mit Grausen erinnert sie sich an den Unterricht in Marxismus-Leninismus. Dieses Wissen würde sie hinterm Tresen gewiss ganz dringend brauchen, dachte sie schon damals mit Zähneknirschen. Alles andere aber, was den Abendschülern vermittelt wurde, sei wichtig und gut gewesen. Einkaufspreis, Handelsspanne, Endverbraucherpreis, Kalkulation und Inventur – die Hotelpächterin profitiert heute noch davon. „Und wir mussten Preise lernen. Zum Glück gab es in der DDR Einheitspreise. Überall kostete ein Kännchen Kaffee 1,52 Mark und ein doppelter Weinbrand 1,56 Mark.“

Kagar bei Rheinsberg wurde Ort der Träume für die frischgebackene Heimleiterin. In ihrem Ferienheim sollten sich WTB-Mitarbeiter erholen. Für die Berlinerin und ihren siebenjährigen Sohn bedeutete dies, aus der quirligen Großstadt in ein beschauliches Dorf zu ziehen. „Oliver sollte entscheiden, ob wir bleiben“, erinnert sich die heute 63-Jährige. „Er entschied sich für Kagar.“

Über die Widrigkeiten, mit denen sie damals zu kämpfen hatte, kann sie rückblickend nur lachen. „Die Strategie heutzutage: Ich kaufe so günstig wie möglich ein, um es so teuer wie möglich wieder zu verkaufen“, erläutert die Geschäftsfrau. In der DDR war das anders: Im Betriebsferienheim hatte Barbara Karge pro Tag und Urlauber sechs DDR-Mark zur Verfügung. Bei den günstigen Preisen für Lebensmittel brauchte sie das Geld aber so gut wie nie auf. Ein Mischbrot kostete 1,05 Mark, ein Kopf Weißkohl 95 Pfennig. Doch das Geld nicht aufzubrauchen, war schlecht. Gleich hieß es: „Du versorgst die Urlauber nicht richtig.“ Natürlich wollte sie nicht, dass man so von ihr dachte.

Also fuhr die Chefin regelmäßig mit Trabant und Anhänger nach Berlin, um aus den dortigen Kaufhallen Bananen, Gurken, Melonen oder Tomaten zu holen – Schönes eben. Und um den Kotelettstrang vom Fleischer zu kriegen, nahm sie obendrein die Schüssel voller Leber mit. Das war damals eben so. Daraus wurde übrigens leckere Leberwurst gemacht. Gewusst wie.

Dabei hat sich Barbara Karge oft geärgert, dass Lebensmittel so extrem subventioniert waren. „Hühnerhalter haben ihre Eier aufkaufen lassen und sie dann im Konsum für deutlich weniger Geld zurückgekauft. Manchmal gab es kein Brot mehr. Es war so günstig, dass es einige Leute massenhaft gekauft und an die Schweine verfüttert haben.“

Ihren Urlaubern aber sollte es an nichts fehlen, das war Frau Karge aus Kagar wichtig. Die Frühstückszeit im Ferienheim war übrigens auf nur eine Stunde begrenzt: 8 bis 9 Uhr. Heute undenkbar. Damals aber habe der Gast selbst abgeräumt und den Tisch abgewischt.

Köchin berichtet unter Tränen vom Mauerfall

Vom Mauerfall hat die Heimleiterin am entscheidenden Tag im November 1989 lange gar nichts mitbekommen. Erst ihre in Tränen aufgelöste Köchin überbrachte ihr die Neuigkeit. Die habe unter Schluchzen gesagt: „Ich habe mitgekriegt, wie zugemacht wurde, und jetzt krieg ich mit, wie uffgemacht wird.“

Barbara Karge informierte ihren Lebenspartner Günter. Als er ihr endlich glaubte, freute er sich ebenso wie sie. „Ich war immer ein optimistischer Mensch“, sagt sie. „Ich fand das toll, endlich diese Freiheit zu spüren, das Bunte zu sehen. Ich war jede Minute froh, das erleben zu dürfen.“

Einen Nachteil hatte die schöne Sache allerdings. Die Faschingsfete am 11.11.1989, für die das Ferienheim extra schön geschmückt worden war, fiel aus. Es kam keiner, waren wohl alle im „Westen“.

Für Barbara Karge brachen ungewisse Zeiten an. „In der DDR hatte ich Geld und konnte nichts kaufen. Dann kam die Wende, ich konnte alles kaufen und hatte kein Geld.“ Ihre letzten HO-Gäste kamen im Sommer 1990. Danach pachtete sie das Haus und nannte es „Pension am See“. Jetzt wurde es bunt im ehemaligen Betriebsferienheim. Es kamen „Wessis“, die den Urlaub im Osten fühlen wollen; und es kamen „Ossis“, die sich aufspielten wie „Wessis“, ja sogar in schönstem Sächsisch behaupteten, sie seien Bayern. Einmal, so erinnert sich die Gastwirtin, gab es eines Morgens keine Frühstückseier, weil die Hühner einfach nicht genug gelegt hatten. Eine Frau aus Westdeutschland habe ihr an den Kopf geworfen: „Ich dachte, dass hier nach der Wende alles besser geworden ist.“ Barbara Karge war um eine Antwort nicht verlegen: „Den Hühnern ist die Wende egal.“

Hoffnung auf Kauf scheitert an Treuhand

Bis 1993 lief die „Pension am See“. Barbara Karge wäre gern länger geblieben. „Ich hatte gehofft, dass ich die Anlage kaufen kann.“ Aber die Treuhand – „oder wer auch immer dahinter steckte“ – habe nicht mit offenen Karten gespielt. Der Ausverkauf der DDR hatte begonnen und jemand wollte wohl an der Pensionspächterin verdienen. Eines Tages wurde Barbara Karge von einem Treuhand-Mitarbeiter darüber informiert, dass ein Westberliner mehr als eine Million für das Objekt geboten habe – bei einem Verkehrswert von gerade einmal 350 000 DM. „Ich verzichtete auf mein Vorkaufsrecht, und Kagar war für mich Geschichte.“

Genau zur richtigen Zeit stand schließlich das Inserat eines Herrn Kummerow in der Zeitung. Der suchte eine kreative Kraft für seine Insel. Barbara Karge bewarb sich. Statt sich selbst zu loben, schilderte sie ehrlich ihre unsichere Situation. Den damaligen Besitzer der Insel im Brückentinsee zwischen Neustrelitz und Lychen muss sie damit überzeugt haben. Eines Tage stand Herr Kummerow unangemeldet in der Pension und bat darum, das Wäschelager besichtigen zu dürfen. „Er wollte sehen, ob ich Ordnung halten kann, das war mir sofort klar“, sagt Barbara Karge. Sie konnte.

Danach fand natürlich auch noch ein Vorstellungsgespräch statt, in dem Barbara Karge den damaligen Inselbesitzer erneut überraschte. Er fragte seine künftige Mitarbeiterin, was sie denn wohl mitbringen würde auf die Insel und in das Hotel. Gemeint waren Qualifikationen. Die Probandin indes antwortete prompt: „Meinen Mann und meinen Hund.“ Sohn Oliver war inzwischen in der Lehre.

Erster Arbeitstag ist Tag der Eröffnung

Was folgte, war eine Einladung auf die Insel im Brückentinsee für den 21. August 1993. An diesem Tag wurde das Hotel eröffnet, „und ich erhielt meinen Arbeitsvertrag“. Ein großer Schritt: von Betriebsferienheim über eine Pension zum Inselhotel. „Für mich war das wie ein Luxushotel“, schildert Barbara Karge.

Fortan hatte sie viel Kontakt mit westdeutschen Gästen, die der ostdeutschen Hotelleiterin hin und wieder einiges an Geduld abverlangten. Sie erinnert sich an so kuriose Fragen wie: „Gab es im Osten wirklich nichts zu essen?“ Die typisch Kargesche Antwort lautete: „Gucken Sie mich an! Ich war auch schon zu DDR-Zeiten dick.“ Ihre „Berliner Schnauze“ ließ sie nur selten im Stich. Allerdings machten sie Vorurteile wie „Die aus dem Osten können nicht arbeiten“ dann doch sehr betroffen.

Mittlerweile sind solche Sprüche zum Glück lange vorbei. Barbara Karge ist glücklich auf ihrer Herzinsel im Brückentinsee und dass alles genau so und nicht anders gekommen ist. In rund drei Jahren will sie in den Ruhestand gehen. Zumindest plant sie das.

Dana Skierke, Redakteurin beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

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Dana Skierke
Fotos: Dana Skierke