Der einsame Komponist und seine Mission

Torsten Harder
Kultur

Der einsame Komponist und seine Mission

von: Frank Wilhelm
15. April 2019

Im vergangenen Jahr hat sich Torsten Harder mit seiner Uraufführung einen Lebenstraum erfüllt. Nun schreibt er die nächste große Komposition,
mit der er einen Landsmann ehren will, den er nie kennengelernt hat.

Manchmal wacht Torsten Harder nachts auf. Dann lauscht er. Viel ist draußen, in der großen Einsamkeit rund um seine Finnhütte in Zippelow-Ausbau nördlich der Lieps, nicht zu hören. Doch in seinem Kopf klingt es: Töne, eine Melodie, die sich zu Noten formen könnte. Doch der Komponist schläft in der Regel wieder ein, ohne den Einfall skizziert zu haben. „Wenn die Tonfolge morgens noch da ist, ist sie gut“, sagt der 53-Jährige. Dann notiert er sich die Noten, die er für ein Lied oder ein Instrumentalstück mit einsetzen könnte.

Zurzeit braucht Harder viele solcher Inspirationen. Ende 2018 trat die „Partnerschaft für Demokratie Neustrelitz“ an ihn mit der Idee heran, ein musikalisches Werk zu Ehren Daniel Sanders’ zu schaffen, das gefördert wird durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Der Sprachwissenschaftler, Lehrer und Demokrat wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden.

Zu den Ereignissen rund ums Jubiläum soll eben auch Harders musikalisches Werk gehören. Am 8. November ist die Uraufführung geplant. Das klingt lange hin. Und Harder wirkt in seinem Häuschen mit dem weiten Blick in den mecklenburgischen Himmel auch alles andere als hektisch. Aber ihm ist bewusst, dass der Zeitplan „sehr, sehr eng ist“. Ende Mai, Anfang Juni sollen Komposition und Texte stehen, damit die Neustrelitzer Chöre etwas zum Proben in der Hand haben. Dann kommen die Sommerferien und danach bleibt nicht mehr viel Zeit bis Anfang November. Das sei okay, sagt Harder: „Ich arbeite gerne termingerecht.“

Harder identifiziert sich mit Daniel Sanders

Sein vor acht Jahren gefundenes Domizil in Zippelow bietet ihm den idealen Ort zur Kreativität. Die in die Jahre gekommene Finnhütte hat er mit einem praktischen, würfelförmigen Anbau ergänzt. Einfachheit und Einsamkeit lenken nicht ab. Harder schaut auf die weite Wiese hinterm Haus. Morgens und abends lassen sich dort auch schon mal Rehe blicken. Zusammen mit seinen Nachbarn fühlt sich der Musiker ein bisschen wie in einer Kommune. Sie borgen ihm den Mäh-Traktor für seine Wiese. Er kürzt dafür auch den Rasen unter ihren Obstbäumen.

Seit er weiß, dass er ein Stück zu Ehren Sanders komponieren soll, hat Harder viel gelesen – über das Leben eines Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert, über die von Sanders entwickelten Theorien zur Sprachwissenschaft, über seine Konkurrenz zu den Gebrüdern Grimm, über den „leidenschaftlichen Lehrer“. „Sanders wollte ein Sprachwissenschaftler für die Menschen sein. Er wollte nicht in einem Elfenbeinturm sitzen.“ Harder spricht jetzt ohne Pause. Es ist zu spüren, dass er in der Materie steckt, sich damit identifiziert. „Ich finde mich in Daniel Sanders wieder.“

Jetzt müssen nur noch die Noten, die Melodien kommen. Aber was heißt „nur noch“? Mag sich ein Laie das Schreiben von Büchern vorstellen können, weil wir alle schreiben können, erschließt sich die Kunst des Komponierens schwerer. Harder schmunzelt. Er will keine große Kunst draus machen. „Die Inspiration kommt aus der Langeweile.“ Er gehe aufmerksam durch die Welt, höre hin. „Irgendwann fällt der Groschen“, sagt er. Alles ganz einfach also. Hält Harder den Groschen in der Hand, sitzt er stunden- und tagelang, schreibt Kolonnen von Noten, für die Stimmen im Chor und für die Instrumente. Im Kopf hört er die Geigen, Celli und Hörner, wenn er an der Partitur arbeitet.

Musiker bekannte sich nicht zur Lehre der SED

Mit Blick auf Sanders will er etwas Modernes Schaffen. Respekt, Gleichheit, Demokratie, das seien Begriffe, die er heute mit Sanders verbinde und die sich auch in seinem Werk wiederfinden sollen. Es ist aber auch immer das Thema Glaube, das in Harders Leben und Werk eine wichtige Rolle spielt. Sanders bezeichnet er als liberalen Juden. Für Harder sind Gott und sein Sohn Jesus Christus wichtige Anker im Leben. „Christus hat die Liebe gepredigt. Er liebt.“

Dass sich ein solch konsequentes Bekenntnis zu Gott in der DDR nachteilig auswirken konnte, erlebte Harder am eigenen Leib. In Waren aufgewachsen, lernte er früh das Cello-Spiel. Ab der 6. Klasse ging der begabte Schüler auf die Spezialmusikschule nach Berlin, um danach an der Musikhochschschule „Hanns Eisler“ zu studieren. Als ihm 1985 im Fach Marxismus-Leninismus ein Glaubensbekenntnis zur Lehre der SED abverlangt wurde, verweigerte sich der 20-Jährige. „Ich glaube nicht daran, ich lerne das für euch höchstens auswendig“, gibt er seine damaligen Worte in der Prüfung aus der Erinnerung wieder.

Harder wurde exmatrikuliert und kam anschließend als Postzusteller und Orthopädiemechaniker über die Runden. Kurz vor der Wende bewarb er sich beim Neustrelitzer Theaterorchester, gewann das Probespiel und musste so noch in der DDR wieder über Umwege durch die Hochschule „Hanns Eisler“ zum Fernstudium zugelassen werden.

Im Wendejahr verließ Harder wie Tausende andere junge Leute die DDR über Ungarn gen Westen, um 1991 als Schauspiel-Musiker ans Theater Neustrelitz zurückzukehren. Seit 1996 arbeitet er freiberuflich als Cellist und Komponist. Er schuf Kompositionen für Kirchgemeinden, spielt regelmäßig in der Philharmonie und ist als Cellist solo sowie in verschiedenen Kombinationen und mit unterschiedlichen Musikstilen von Jazz bis Klassik unterwegs. Legendär sind seine Auftritte mit der Band „Down by Law“ im Kulturstall Userin, wo etwas andere Weihnachtsmusik gespielt wird.

Nach 14 Jahren Arbeit gab es viel Lob für seine Sinfonie

Harder schaut auf ein Plakat an der Wand seines hellen Wohn- und Arbeitszimmers: 27. Oktober 2018, Uraufführung der Sinfonie „Jesu, meine Freude“ steht da geschrieben. Ein Abend in der Konzertkirche, auf den Harder 14 Jahre hingearbeitet hat. So lange, mit Unterbrechungen, hat er an seiner ersten Sinfonie geschrieben. Stürmische Ovationen in Neubrandenburg und bei der Wiederholung in Neustrelitz waren der Lohn für alle die Mühen und Zweifel. Noch einige Wochen danach wurde er im Supermarkt von wildfremden Leuten angesprochen: „Sind Sie nicht der Komponist?!“ Das sei für ihn mit das schönste Lob gewesen.

Wie für Daniel Sanders wäre der Elfenbeinturm auch für Torsten Harder keine Heimstatt. Er versteht sich als Komponist von hier, der Musik komponiert und spielt, die aus dem Herzen kommt und beim Spiel auch wieder in die Herzen der Zuhörer geht. „Wenn meine Musik zu verkopft wäre, hätte ich den Kontakt zu den Menschen verloren.“

Torsten Harder bei seiner Uraufführung "Jesu, meine Freude"
Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: T_Adeney