Ein Ort der Kultur in Neustrelitz

Das Gebäude die "Alte Kachelofenfabrik" ist von außen zu sehen.
Die Alte Kachelofenfabrik

Ein Ort der Kultur in Neustrelitz

von: Sirko Salka
11. Februar 2019

Zwei Kinos, eine Galerie, ein Restaurant und ein Hotel machen die Alte Kachelofenfabrik - kurz Kof - in Neustrelitz bereits seit 25 Jahren zu einem Erlebnis für die ganze Familie.

Es gibt nur wenige Orte, in die man sich so schnell und hoffnungslos verlieben kann. Weil sie einem das Gefühl geben: Hier bist du richtig; fühl‘ dich wie zu Hause! Die Alte Kachelofenfabrik in Neustrelitz – kurz Kof genannt – ist so eine feine Willkommensstätte. Dort wird seit 25 Jahren statt Keramik wie einst Kunst, Kultur und Genuss im Akkord produziert. Die Kof ist Kult. Selbst wer kein Fan von etwas marode wirkenden Gemäuern ist – immerhin hat die einstige Töpferei schon 166 Jahre auf dem Buckel – wird sich auf den zweiten Blick vom Charme des Veranstaltungszentrums bezaubern lassen: von einem pausenlos Preise einheimsenden Programmkino, der klasse Küche des Restaurants oder dem Biergarten im verwunschenen Gelände.

Ein geschichtsträchtiger Ort

Martin Geyer vom ansässigen Verein für Kultur, Umwelt und Kommunikation (VfKK e.V.) fasst die Geschichte des Anwesens zusammen. Er berichtet, dass bis 1870 in der Fabrik Milch-Satten hergestellt wurden: Keramikschalen zum Entrahmen von Rohmilch. Der Ton dafür musste über Wasserwege geliefert werden. Als aber das ursprüngliche Betriebsgelände 1910 fertiggestellt war, wurden dort schon jene eindrucksvollen Kachelöfen fabriziert, für die Neustrelitz mal bekannt war.

Hochofenfabrikant Schulze wirkte bis 1930 in der Kachelofenfabrik und baute Mecklenburger Gutsherren imposante Öfen – ein Prachtexemplar kann im Gründerzeit-Museum in Berlin-Pankow bewundert werden. Geyer erzählt eine schicksalhafte Geschichte: Der Ofenbauer war ein Spieler, und so soll er seine Fabrik an einen gewissen Kurt Conradt verzockt haben, den Vater des heutigen Eigentümers Horst Conradt. Conradt senior, der in Grunau (Polen) eine Traditionsfabrik besaß, ertüftelte den nach ihm benannten KuCo, einen transportablen Kachelofen, den er sich patentieren ließ. Die Heiz-Giganten, in Gitterkostüme gesteckt, konnten mühelos von Raum zu Raum gebracht werden. Eine Erfindung aus dem Nordosten. Nach dem Krieg ging der Fabrikant in den Westen.

Bis 1969 wurden Kachelöfen hergestellt. Danach gingen die Gebäude in die Rechtsträgerschaft der Konsumgenossenschaft über, die dort – trotz der Baufälligkeit – ihre Verwaltung unterbrachte. Spuren sind noch sichtbar. „Wir haben in unserer Galerie ein Regal, in dem alte Lohnlisten und Bestellformulare liegen“, schmunzelt Geyer über das kuriose DDR-Erbe. „Das haben die damals glatt vergessen.“

Fabrik entging knapp Abriss

Nach der Wende wäre die Fabrik um ein Haar abgerissen worden; sie sollte einer Kaufhalle weichen. Da fasste ein Weingroßhändler, Deutschlehrer und Kulturschaffender gerade noch rechtzeitig einen folgenschweren Entschluss. Horst Conradt kam, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Der VfKK wurde gegründet, der sich um die Instandsetzung der verwahrlosten Gebäude kümmerte und Veranstaltungen organisierte. 1993 eröffnete im Obergeschoss eine Galerie für gegenwärtige Kunst und in Zusammenarbeit mit dem Berliner Basis-Filmverleih das Fabrikkino.

Vor 25 Jahren begann auf kleiner Flamme die Erfolgsgeschichte. Horst Conradt blickt zurück: „Meine Mitstreiter und ich hatten einigermaßen klare Vorstellungen, welche Ziele wir erreichen möchten. Diese Ziele haben wir in ein Projekt gegossen.“ Natürlich habe man vorher nicht gewusst, ob sich alles so realisieren lassen würde. „Es ist ein gutes Gefühl, dass wir in allen Bereichen unseres Projektes auf große Akzeptanz gestoßen sind.“ Und was cineastisch geboten wurde und wird, ist sagenhaft. Zum 17. Mal in Folge zeichnete die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien das Neustrelitzer Fabrikkino mit einem Bundes-Filmpreis für sein anspruchsvolles Programm aus. Unvergessen sind eine deutsch-deutsche Filmreihe von 1948 bis zur Wende, ungezählte Länder- oder Kinderfilmreihen und die Besuche von den Oscargewinnern Istvan Szabo („Mephisto“) und Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“).

„Unser Verein steht für die engagierte Präsentation von Filmkunst in Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Andreas Schrader, ein Mann der ersten Stunde. Seit 25 Jahren ist Schrader Vereinsvorsitzender und hat in der Fabrik, wie er meint, „alle Phasen durchlebt“. Auch die wilden Zeiten der Jugendarbeit in den 1990er Jahren: Seinerzeit stellte der Verein Räume für Jugendkulturnächte zur Verfügung. Das Programm gestalteten die jungen Leute selbst. „Das war schon auch anstrengend mit denen“, erinnert er sich lachend.

Schrader erzählt eine Anekdote aus der Anfangszeit: Ausverkauftes Fabrikkino. Alle warten auf den Film „Blutige Erdbeeren“. Nach 30 Minuten Trailern fällt auf, dass der Film noch in einem Feldberger Kino ist. Um die Leute bei Laune zu halten, wird der Defa-Klassiker „Das singende, klingende Bäumchen“ aufgeführt. Währenddessen rast ein Mitarbeiter im Trabi nach Feldberg, holt den Film und rettet den Abend.

Kneipe, Hotel, Kino - Alles in Einem

Zur Jahrtausendwende wurde das nächste Kapitel der lebhaften Chronik geschrieben. Nach großem Umbau eröffnete die Fabrikkneipe. Zudem entstanden ein Ökohotel und ein zweites Kino. Wermutstropfen für die Jugend: Die Proberäume für Bands mussten neuen Toiletten weichen. Das Hotel mit 40 Betten entspricht der Philosophie der Neustrelitzer, die sich dem Umweltschutz verpflichtet fühlen. „Es steht auf Holzständern, ist mit Lehm verfacht und mit einem Grasdach versehen“, sagt Geyer. Und es wurden alte Ofenschamotte aus der Fabrik aufgearbeitet und im Hotel sichtbar in die Innenwände verbaut. „Sieht voll schön aus“, schwärmt Geyer. Recht hat er.

Stimmig ist das Wort, das die Atmosphäre in der Kof am besten beschreibt. Dazu gehören acht bis neun Ausstellungen im Jahr, viele Lesungen, jährliche Filmseminare und das politisch motivierte Filmfestival „Mensch! Natur!“. Für Horst Conradt bedeuten 25 Jahre Kof „in erster Linie sehr viel Arbeit, die allerdings überwiegend auch sehr viel Spaß gemacht hat“. Ein Projekt und ein „lang gehegter Wunsch“ richte sich auf die Restaurierung der denkmalgeschützten Scheune neben der Kof, „damit wir unser Angebot auch für etwas größere Kulturveranstaltungen erweitern können“. Dazu wurde die Basis Kulturfabrik GmbH gegründet, die dem Kulturort finanzielle Sicherheit auch für die nächsten 25 Jahre geben soll.

Sirko Salka, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

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Text:

Sirko Salka
Fotos: basiskulturfabrik.de