Ex-Lehrer nimmt Pädagogen und Schüler auf die Schippe

Johannes Schröder ist nicht bange, dass ihm der Stoff ausgeht. Immerhin gibt es 16 Bundesländer mit eigenen Ministerien, die genug Stoff produzieren.
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Ex-Lehrer nimmt Pädagogen und Schüler auf die Schippe

von: Frank Wilhelm
13. Mai 2019

Herr Schröder ist ein ehemaliger Lehrer mit "Frustrationshintergrund", der mit Frank Wilhelm darüber sprach, warum er heute ein Comedian ist und sich beide Berufe sehr ähnlich sind.

Lehrer reagieren oft recht sensibel auf Kritik. Hat während Ihres Programms schon mal ein Pädagoge empört den Saal verlassen?

Das gab es noch nicht. In meinem Programm wird aber auch jeder mal rangenommen. Ich mache von vornherein klar, dass es vor allem meine eigene Geschichte als Lehrer ist, die ich aufs Korn nehme.

Sie waren Lehrer für Deutsch und Englisch. Sie haben gut verdient und hatten drei Monate Urlaub. Als "Beamter mit Frustrationshintergrund" bezeichnen Sie sich. Wieso gibt man so einen Job auf?

Ich war gerne Lehrer – wenn ich vor der Klasse stehen durfte. Das Umfeld hat aber oft genervt, allein die vielen Konferenzen fielen mir sehr schwer. Zudem merkte ich, dass mein Leben immer mehr am Korrektur-Rand verlief.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte mit Deutsch und Englisch zwei Fächer, bei denen Lehrer extrem viele Arbeiten zu korrigieren und zu bewerten haben, was oft zu Hause passiert: Aufsätze, Diktate, Leistungskontrollen. Am Ende wusste ich manchmal nicht mehr, wie einzelne Wörter geschrieben werden. Da wir in der Regel mit Rotstift korrigieren, nenne ich es auch gerne mein Leben im Rotlichtmilieu. Zu den drei Monaten Urlaub möchte ich gerne aber noch etwas sagen.

Was denn?

Das ist in der Tat ein Klischee. Wenn man schon 30 Jahre im Schuldienst ist und alle Vorbereitungen für die Stunden im Kopf oder zu Papier gebracht hat, mag das vielleicht hinkommen. Als junger Lehrer braucht man aber auch außerhalb der Stunden in der Schule viel Zeit, beispielsweise für die Vorbereitungen und die Korrekturen von Arbeit. In meinen acht Jahren als Lehrer gingen da auch viele Ferientage drauf.

Okay, ich entschuldige mich bei den Pädagogen in aller Form für die Verwendung des Urlaubsklischees. Auch wenn noch niemand den Saal verlassen hat, bekommen Sie doch sicher anderweitig Feedback von Lehrern im Publikum.

Ja, insbesondere von Deutschlehrern. So schrieb mir einer, dass mein Programm lustig gewesen sei, aber die Metapher, die ich verwendete, keine Metapher gewesen sei. Ein anderer klärte mich darüber auf, dass es zwei Pluralformen von „Wort“ gibt.

Ach was?

Ja, die „Worte“ und die „Wörter“.

Und was ist der Unterschied?

Die „Wörter“ verwendet man, wenn es um eine bestimmte Anzahl von Wörtern geht. Beispiel: „Der vorhergehende Satz enthält dreizehn Wörter.“ Die „großen Worte des Dichters“ wäre ein Beispiel für die Verwendung der zweiten Pluralform von „Wort“. 

Man lernt nie aus. Was sagen die ehemaligen Kollegen und Schüler zum Comedian Herrn Schröder?

Alle, die da waren, meinten, dass sie nichts gegen mein Programm haben. Was genau hinter der Stirn passiert, kann ich allerdings auch nicht sagen. 

Sie werben damit, hinter die "ockerfarbene Fassade eines Pädagogentums zu blicken, das so modern und dynamisch ist wie ein 56k-Modem". Steht es wirklich so schlecht um unsere Schule?

Das ist natürlich provozierend gemeint. Aber in manchen Schulen hierzulande wird eben noch der mausgraue Polylux verwendet, und der VHS-Videorecorder findet sich im Medienwagen. Ab und an geht es im Klassenzimmer noch so zu, wie einst in der „Feuerzangenbowle“ beschrieben. Wenn ich nur an den Frontalunterricht denke. Ich bin allerdings auch schon fünf Jahre raus, sicher hat sich inzwischen etwas geändert.

Meckern kann jeder. Haben Sie auch Vorschläge für Verbesserungen parat?

Wir brauchen mehr Lehrer, kleinere Klassen und mehr Projektunterricht, der individuell auf Schüler zugeschnitten ist. 

Mit der Figur des "Herrn Schröder" haben Sie sich auf den Lehrer festgelegt. Haben Sie Sorge, dass Ihnen irgendwann mal der Schul-Stoff ausgeht?

Ein wenig Angst habe ich schon. Andererseits produzieren Bildungsministerien und Schulen regelmäßig viel Unsinn und Diskussionsstoff, den ich aufgreifen kann. Allein schon die Themen Inklusion, Schreiben nach Gehör oder aber Flüchtlingsmigrationsklassen rufen nach Behandlung. Die kommenden Sommerferien werde ich nutzen, mein nächstes Bühnenprogramm zu schreiben. Ich habe weiter Lust auf Unterricht, dieses Mal werden auch die allseits geliebten Dichter Schiller und Goethe eine wichtige Rolle spielen.

Apropos Unsinn. Für Sie dürfte der Föderalismus im Bildungssystem doch ein Segen sein. 16 Länder bedeutet doch auch 16 Mal Unsinn?

Theoretisch ja, aber die Länder stimmen sich leider auch gegenseitig ab, wenn es um Bildungspolitik geht. Manchmal kommt es aber doch zu skurrilen Situationen. Ich weiß noch, wie bei uns in Baden-Württemberg „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt Inhalt des Deutsch-Abiturs war. Plötzlich spielten alle Theater dieses Stück und alle Abi-Klassen gingen ins Theater. Es gibt ja kaum eine bessere Vorbereitung. Man stelle sich vor, in ganz Deutschland würde jedes Theater „Der Besuch der alten Dame“ spielen. Wie langweilig. Nein, Föderalismus hat auch etwas Gutes.

Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg suchen händeringend Lehrer. Könnten Sie es sich vorstellen, wieder in den Schuldienst zu gehen?

Ich will es nicht ausschließen, meine Schüler und ich hatten viel Spaß miteinander. Im Moment verspüre ich aber nicht den akuten Drang, mich beruflich umzusehen.

Würden Sie jungen Menschen ruhigen Gewissens den Lehrerberuf empfehlen?

Auf jeden Fall. Das ist ein unendlich spannender Beruf. An einem Tag kann man die gesamte Bandbreite des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland erfahren, allein, wenn man sich in einer Pause auf dem Schulhof umschaut: Die Digitalisierung, das Erwachsenwerden, die Migration, Erfolg und Misserfolg, die Liebe ...

Gibt es einen Unterschied zwischen den Berufen des Lehrers und des Comedians?

Nein, wahrscheinlich nicht. Lehrer stehen letztlich auch auf einer Bühne und müssen permanent ein Programm anbieten, mit dem sie ihre Zuhörer unterhalten. Und beide sind wir froh, wenn unser Publikum bis zum Ende der Vorstellung sitzen bleibt.

Herr Schröder ist seinem Programm "World of Lehrkraft - Ein Traum geht in Erfüllung" auch im Nordosten zu erleben:

24. Mai um 20 Uhr im Moya in Rostock

25. Mai um 20 Uhr im Kulturhaus in Neuruppin

26. Mai um 20 Uhr im Haus der Kultur und Bildung in Neubrandenburg

Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: Yashar Khosravani