Göteburg: Mekka für Second Hand-Liebhaber

Buntes Treiben auf dem Flohmarkt in Göteborg.
Schwedens Flohmärkte

Göteburg: Mekka für Second Hand-Liebhaber

von:
8. Juli 2019

Die Schweden gelten als entspannte Menschen. Doch wenn es darum geht, Schätze auf Flohmärkten abzustauben, kommen sie schon mal ins Rennen.

Als ich eine Frau nach dem Weg frage, sagt sie mir, sie gehe dort aus Prinzip nicht mehr hin. „Dieser Ort ist irre, ich halte das nicht aus.“ Als ich ankomme und die Menschenschlange sehe, ahne ich, was sie gemeint hat. Vor dem Saronkyrkan reiht sich brav ein Querschnitt aus Göteborgs Gesellschaft aneinander – Studenten, gebrechliche Seniorinnen, coole Typen mit Rauschebart. Innerlich, das sehe ich sofort, haben sie alle schon die Ärmel hochgekrempelt, lauern wie Jäger auf das Wild. Man könnte meinen, H&M präsentiert gleich eine exklusive Kollektion von Karl Lagerfeld, aber nein. Wir warten vor einem Secondhand-Laden. Am Donnerstag gibt es hier die besten Schnäppchen. Vorfreudig reihe ich mich ein.

Endlich! Die Türen öffnen sich, hastig drängen die Schweden hinein. Nach dem 250. Besucher wird der Einlass vorläufig gestoppt. Ich schaffe es gerade so und bummle die 800 Quadratmeter ab, lasse die Goldgräberstimmung auf mich wirken, während andere gezielt ihren Beutezug angehen. Die haben Routine, das wird schnell klar.

Saronkyrkan ist ein Secondhand-Kulttempel. Weil sich die extrem günstige Ware schnell verkauft, wechselt das Sortiment wöchentlich, seit 1982 läuft das so. Der regelmäßige Besuch ist für viele Göteborger längst Tradition. Der Laden ist ein Wühltischparadies, ungeeignet für Soziophobiker. Loppis in seiner extremsten Form, wie ich sie nie vorher erlebt habe. Loppis ist der schwedische Trödel, er steht für die ultimative Flohmarktkultur. Ein Volkssport, wie mir
Björn Rantil erklärt, der ihn regelmäßig hier praktiziert.

Wie ein Wohnzimmer im skandinavischen Design

Weil sich das Land aus zwei Weltkriegen raushielt, gab es kaum Plünderungen und Zerstörung in Schweden. Auch deshalb liegen viele Schätze auf den Tischen. Die Secondhandszene in Göteborg ist beachtlich. Patinaverket ist ein kleiner, wohlsortierter Laden. „Wenn ich hier aufschließe, fühlt es sich an, als würde ich mein zweites Zuhause betreten“, sagt Inhaber Niklas Olsson, 36, und macht sich einen Kaffee. Wie er die typisch schwedische Vintage-Stimmung beschreiben würde? Olsson überlegt. Dann erzählt er eine Anekdote. Neulich habe eine alte Dame eine Black-Sabbath Vinylplatte gekauft. Als er fragte, warum es diese sein sollte, sagte sie, das Cover gefalle ihr so gut. Er lacht laut: „Sie kannte die Gruppe gar nicht.“ Ist damit nicht alles erklärt?

Olssons Laden ist wohnzimmergroß und liebevoll eingerichtet mit aktuellen Trends, die an das skandinavische Design der Sechziger anknüpfen. Er hat sich auf hochwertige Stücke spezialisiert, auf Klassiker wie das Sideboard aus Teakholz, auf Ölbilder einheimischer Maler. Nostalgische Moderne sozusagen, genau mein Ding. Seit ich denken kann, habe ich ein Faible für gebrauchte Dinge. Ich mag ihre persönliche Note, die Geschichte, die man mitkauft. Der sentimentale Wert, die Seltenheit, das auch.

Seit knapp 20 Jahren ist die Secondhand-Kultur in Göteborg im Mainstream angekommen. Das Phänomen wurde sogar an der Universität Göteborg untersucht. Der Sozialanthropologe Staffan Appelgren erklärt: „Die Menschen interessieren sich wieder verstärkt dafür, wo die Dinge herkommen. Es geht darum, einen Bezug zu haben zu dem, was wir gebrauchen.“ Für seine Studie hat er hiesige Händler befragt. „Man kann Secondhand mit einem wandelnden Museum vergleichen. Es hat einen Grund, warum wir bestimmte Dinge immer wieder kaufen und verkaufen und ihnen damit eine Wertschätzung zukommen lassen. Ein Stück weit dient Secondhand damit dem Erhalt von Identität.“

Upcycling als Geschäftsmodell und Leidenschaft

Teil seiner Forschung sind auch jene, die aus Altem ganz neue Dinge schaffen. Wie Michael Helander, eine Frau mit Männernamen, und Michaela Holmdahl. Seit sieben Jahren betreiben die Freundinnen ihre „reCreate Design Company“. Materielle Reinkarnation, darum geht es ihnen. Mit Vorhandenem experimentieren, es veredeln. Helander, vor einiger Zeit aus den USA eingewandert, wirft das schwedische Wort „Lagom“ in die Runde und beginnt damit einen kulturgeschichtlichen Exkurs, der laut ist und sehr lustig. Der Legende nach wollten die Wikinger früher so wenig wie möglich bei ihren Fahrten schleppen, ergo tranken alle aus einem Krug. Jeder sollte nur den Durst stillen und für die anderen genug übrig lassen – es sollte „laget om“ (für die ganze Truppe) reichen. Daraus erwuchs ein ungeschriebenes Gesetz, das sich in die schwedische Seele eingeprägt hat. Grob interpretiert bedeutet es: Nimm dir nicht zu viel heraus, begnüge dich mit dem, was du hast!

Lagom steht für gesundes Mittelmaß, ein Allzweckbegriff, doch nahezu unübersetzbar: Das Wetter kann „Lagom“ sein, die Milch im Kaffee, der Verkehr. Lagom erklärt auch den reduzierten Einrichtungsstil der Skandinavier. Lagom – und nun wird es komisch – kann aber auch bedeuten, dass jemand, der im Lotto gewinnt, mehr Anerkennung findet, als jeder, der hart für seinen Erfolg geschuftet hat. „Wenn du gewinnst, kannst du nichts dafür“, erklärt Michael Helander. „Für deinen Erfolg schon. Dann bist du gierig nach mehr, das missfällt den Leuten. Ich find’s auch eine merkwürdige Ansicht.“

Das Studio der beiden Freundinnen liegt in einem Industriegebiet, nördliches Göteborg, eine Melange aus Dachboden und Werkstatt, viel getürmter Krempel. Upcycling hat die Frauen bekannt gemacht. Sie fertigen auch für große Auftraggeber wie die Universität von Göteborg. Die Leidenschaft, mit der sie davon erzählen, zeigt auch: Je intensiver die Beziehung zu den Dingen ist, die wir besitzen, desto glücklicher sind wir mit ihnen.

Im Viertel Majorna wohnen die Alternativen

Immer am letzten Maiwochenende steigt in Göteborg der Megaloppis, der Flohmarkt der Superlative: Dann verwandelt sich Majorna, das Trendviertel im Westen der Stadt, in eine gigantische Flohmarktmeile, auf die knapp 100 000 Besucher strömen. Wer sich in der alternativen Szene verortet und nachbarschaftliches Miteinander schätzt, will hier leben. In Majorna wohnen die Kreativen, die Coolen, hier gibt es kleine Cafés und originelle Läden. Bis heute steht die Gegend für Konsumkritik, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft.

Diese Haltung führte 2009 zum ersten Megaloppis: Hast du was, was du nicht mehr brauchst, mach andere glücklich – simple Message, simple Umsetzung. Bewohner dürfen direkt vor der Haustür verkaufen, ohne Anmeldung und Standgebühren. Das Überangebot ist überwältigend. Nach Mittag wird es in den Gassen enger. Viele Schweden kommen eine Stunde vor Schluss, weil man dann besser verhandeln kann. Mitzunehmen gäbe es reichlich, die Kunst liegt im sich Mäßigen. Man kann nicht alles haben, soll nicht alles haben. Immerhin: Der Spaßfaktor ist grenzenlos.

Verfasser

Text:

Fotos: Faramarz Gosheh/imagebank.sweden.se