Haarschnitte rund um die ganze Welt

Werner Höfchen beim Friseur in Kuba.
Reiseerlebnisse

Haarschnitte rund um die ganze Welt

von:
10. April 2019

Werner Höfchen aus Beelitz reist mit seiner Frau seit Jahren um den Globus und lässt sich dabei stets die Haare schneiden. Mit Gunnar Leue hat der Kenner des internationalen Friseurhandwerks über seine Erlebnisse gesprochen.

Reisende bringen aus anderen Ländern Souvenirs mit. Sie einen Haarschnitt. Aus wie vielen Ländern bisher?

Ich war bei rund 50 Friseuren in fast ebenso vielen Ländern von Kuba über Japan, Südafrika bis Island. Gerade war ich mit meiner Frau, die unsere Friseurbesuche seit 2002 fotografisch festhält, in Kanada, wo ich mir natürlich die Haare schneiden ließ.

 

Weil Sie mit den heimischen Friseuren unzufrieden sind?

Nein, überhaupt nicht. Die Sache hatte sich in den Neunzigerjahren durch meine Arbeit ergeben. Damals war ich als Kraftwerksingenieur für Siemens in aller Welt tätig, oft mehrere Monate lang. In der Zeit musste ich natürlich mal zum Friseur, in Italien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Irgendwann dachte ich mir, dass ich doch auch im Urlaub Friseure aufsuchen könnte. So ist daraus ein Hobby geworden, ein richtiger Spleen.

 

Waren Sie schon immer fasziniert vom Haarschneiderberuf, der ja einen gewissen Mythos hat?

Das mit dem Mythos stimmt. Der Friseurladen als Ort, wo Neuigkeiten verbreitet werden und viel getratscht wird. Ich kann mich an eine Kolumne in der DDR-Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ erinnern, in der sich „Frisör Wilhelm Kleinekorte“ in fiktiven Geschichten über alle möglichen Dinge ausließ. Dass mich der Beruf als Jugendlicher besonders fasziniert hätte, würde ich nicht behaupten. Ich weiß nur, dass ich mir immer von jungen Friseurinnen die Haare schneiden lassen wollte. Bei denen war ich sicher, dass nicht zu viel runterkäme, weil sie genauso schnitten wie beim eigenen Freund. Heute bin ich froh, wenn der Friseur 80 ist, denn in dem Alter hat er am meisten zu erzählen. Deshalb suchen wir gern alte, urige Läden auf, die aber natürlich auch jüngere Besitzer haben können.

 

Wie finden Sie solche originellen Frisierstuben?

Manchmal erkundigen wir uns bei der Reiseleiterin, wohin ihr Mann geht. Oft fragen wir Leute auf der Straße, wenn wir durch die Städte laufen. In Moskau fielen mir sogar noch ein paar russische Vokabeln ein. Gdje nachodizija parikmacher? Wo befindet sich ein Friseur? Wir fanden ihn dann auf einem Hinterhof im Keller. Die Inhaberin war erstaunt, warum ich ausgerechnet bei ihr einen Haarschnitt wollte, aber wir haben es ihr irgendwie erklärt: Ich lasse schneiden, meine Frau fotografiert es, und zu Hause kommt es in ein Fotobuch. Außerdem schreibe ich die Geschichten dazu auf.

 

Das dürften einige spezielle Erlebnisse sein, oder?

Auf jeden Fall. Vor Kurzem waren wir zum Beispiel auf den Seychellen in einem Classic Barber Shop. Der beeindruckte durch laute Reggaemusik und knallharte Verhaltensregeln für die Kunden: Berühren Sie nichts, was ihnen nicht gehört! Kein herumhängen! Sei nicht ungeduldig! Keine Kopfhörer tragen auf dem Frisierstuhl! Begleitung bitte draußen warten, außer Eltern von Kindern! Also war meine Frau meine Mami (lacht).

 

Gab es auch richtig unangenehme Erlebnisse?

Na ja, in der Dominikanischen Republik war ich einmal sauer über ein sehr spezielles Geschäftsmodell. Auf die Frage, was die Frisur kostet, hieß es fünf Dollar. Nachdem mir eine Kopfseite geschnitten wurde, war plötzlich Schluss. Nun sollte ich noch mal fünf Dollar zahlen, damit auch die zweite Hälfte drankäme. Am Ende haben wir uns auf 7,50 geeinigt.

 

Wurden Sie mal irgendwo richtig verkaddelt?

Kaum. Auf Kreta wurde ich aber fast Opfer meiner Vorliebe für originelle Läden. Statt in den schicken Frisiersalon bin ich selbstverständlich ins direkt daneben liegende Garagengeschäft gegangen. Als ich merkte, dass der Friseur ordentlich angedüdelt war, hatte der mir schon wie bei einer Schafschur die Haare rasiert. Meine Bitten „Nicht so kurz, nicht so kurz!“ hatte er einfach ignoriert.

 

Wo ist die Frisierkultur am meisten ausgeprägt?

Schwer zu sagen. Sehr aufwendig betrieben wird das Frisieren in der Türkei. In Istanbul waren gleich drei Mann knapp zwei Stunden mit mir beschäftigt: Einer hat gewaschen, einer geschnitten, der Dritte kümmerte sich darum, mir die Haare im Gesicht zu entfernen. Dazu trug er mir eine gummiähnliche Gesichtsmaske auf, die beim Abreißen ordentlich ziepte. Was ich noch nicht kannte: Ein in Alkohol getränkter, angezündeter Watteball wurde wie eine Minifackel verwendet, um die Ohrhaare zu beseitigen. Als ich Jahre später bei einem Friseur in Schottland saß, der dasselbe tat, wusste ich: Das muss ein Türke sein. Und in der Tat hatte der Schotte türkische Wurzeln.

 

Haben Sie durch Ihre Erlebnisse einen neuen Blick auf das Handwerk bekommen?

Ich gehe richtig gern zum Haareschneiden, lieber als früher. Ich empfinde es als anspruchsvolles Handwerk, das nicht jeder beherrscht. Außerdem habe ich gravierende Unterschiede erlebt. So wurde ich in Japan zweimal gewaschen, weil die abgeschnittenen kleinen Haare noch mal rausgespült werden sollten. Interessant finde ich auch die Preisunterschiede. Ich lasse mich überraschen, frage nicht mehr wie zu Anfang nach dem Preis. Beim Trockenschneiden reicht die Spanne von 3,50 Euro in Mexiko bis 45 Euro in Island.

 

Fiel Ihnen etwas auf, das anders ist als in Deutschland?

In einem Laden in Trinidad standen auch gleich Couch, Fernseher und eine Koje zum Schlafen. Er war das Zuhause des Besitzers. Überrascht war ich, dass ich in London an einem Sonntagmorgen in einem edlen Salon meine Haare schneiden lassen konnte. Und was ich in anderen Ländern nie gesehen habe, sind diese typischen Zeitschriften für Kunden, diese Yellow-Press-Hefte. In Österreich war ich mal bei einem Herrenfriseur, da lag der „Playboy“ aus.

 

Ein Tipp für hiesige Herren-Friseure?

Nein, ich glaube, das ist nicht nötig. Was mir auffiel: In vielen Ländern hängen in den Salons Poster mit Fotos von Frisuren. Das finde ich eigentlich nicht so schlecht.

 

Was ist mit dem in Deutschland beliebten Trend zur Doppeldeutigkeit im Namen von Frisiergeschäften?

Das ist in der Welt nicht so ausgeprägt wie bei uns. In englischsprachigen Ländern heißen die Läden oft schlicht Hair Salon oder Barber Shop.

 

Sicher gibt es auch in Deutschland viele originelle Salons. Aber die interessieren Sie so gar nicht?

Oh doch. Kürzlich hat mich ein Fernsehteam für einen Bericht mit dem bekannten Berliner Friseur Frank Schäfer zusammengebracht. Ich habe mich dort total wohlgefühlt und festgestellt, dass hiesige Friseure auch interessante Geschichten zu erzählen haben. Weil ich mit meiner Frau demnächst in Hamburg bin, haben wir uns vorab erkundigt. Nun treffen wir den ehemaligen Beatles-Friseur Franz Stenzel auf St. Pauli.

 

Wie viele Friseurgeschäfte gibt es in Ihrer Heimatstadt Beelitz?

Fünf. Eins betreibt sogar eine Friseur-Weltmeisterin: Jana Eichler. Zu ihr werde ich auch noch gehen. Das soll der Abschluss unseres zweiten Fotobuchs werden.

 

Frau Höfchen, stimmt es, dass Ihr Mann Ihnen den Heiratsantrag in einem Friseursalon im Ausland gemacht hat?

Ja, das stimmt.

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Text:

Fotos: Marion Höfchen