Interview mit Laura Scherwitzl

Die Schauspielerin Laura Scherwitzl
Open-Air-Bühne Neustrelitz

Interview mit Laura Scherwitzl

von: Frank Wilhelm
19. Juni 2019

Überall an den Straßenrändern ist derzeit das Bild der „Bajadere“ zu sehen. Die mondäne Pariser Sängerin wird beim Operettenspektakel in Neustrelitz von Laura Scherwitzl dargestellt. Im Interview mit Frank Wilhelm verriet die Sopranistin auch einiges aus ihrem Privatleben.

Beim Schreiben Ihres Namens muss man verdammt aufpassen. Da gibt es doch sicher öfter einmal Nachfragen?

Lustigerweise stammt der Name Scherwitz aus Deutschland, und das „l“ kam in Österreich dazu. Es gibt ganz wenige Scherwitzl auf der Welt. Die meisten fragen eher nach der Betonung. Aber mein Name wird natürlich öfter mal falsch geschrieben. Von „Schnitzel“ bis „Schwerwitzel“ habe ich schon alles gehabt. Natürlich ist es schön, wenn der Name richtig geschrieben ist, aber anders ist es auch kein Drama.

 

Sie haben in den vergangenen Monaten vier große Rollen einstudiert: Den „Oscar“ in „Ein Maskenball“, die Prinzessin „Marsinah“ in „Kismet“, die Anne Trulove in „The Rake’s Progress“ und jetzt die „Bajadere“ in der gleichnamigen Operette. Kommen Sie da nicht manchmal durcheinander mit den Rollen?

Nein, jedes Stück ist ganz eigen. Einen Verdi zu singen ist etwas anderes als „Kismet“. Das englischsprachige „Rake‘s Progress“ hatte auch seinen eigenen Charakter und ist für mich zusammen mit der „Bajadere“ in diesem Jahr mein absolutes Highlight. Durcheinander komme ich nicht, man muss sich nur immer vorher umstellen und einstellen. Jede Rolle verlangt etwas anderes, eine andere Körperhaltung, eine andere Körpersprache, andere Tongebung, andere Stilistik. Ich versuche nie, alles gleichzumachen, sondern eine eigene Farbe für die jeweilige Rolle zu finden.

 

Aber wie passiert das konkret, wenn Sie eine Partie längere Zeit nicht gesungen haben?

In der laufenden Saison setze ich mich in der Regel einen Tag vorher hin und spiele und singe alles noch einmal durch. Ist es länger her, nehme ich mir auch mehr Zeit. Dann schaue ich mir auch das Video noch einmal an, weil bestimmte Gänge nicht mehr präsent sind. Vor dem „Maskenball“ nach Verdi habe ich mich italienisch noch einmal eingesprochen, damit die Betonungen richtig sitzen.

 

Wie viele Sprachen können Sie überhaupt singen?

Bis jetzt habe ich französisch, italienisch, englisch und deutsch gesungen. Russisch habe ich noch nicht gesungen, polnisch mal ein Lied. Eine ganze polnische Oper, das wäre sicher eine Herausforderung, weil es eine schwierige Sprache ist.

 

Haben Sie eine Lieblingssprache auf der Bühne?

Das ist für mich immer die Originalsprache eines Werkes.

 

Wie lernen Sie solche riesigen Texte überhaupt? Seit wann beschäftigen Sie sich beispielsweise mit der Bajadere?

Ich habe die Bajadere immer im Hinterkopf, seit ich weiß, dass ich sie singe. Das war im Frühjahr vor einem Jahr. Wenn es um eine Herzensangelegenheit geht, wie bei der Anne Trulove oder der Bajadere, dann beschäftige ich mich auch immer wieder zwischendurch damit. Ich studiere einzelne Passagen, überlege, wie ich die Rolle gestalte, man liest dazu und lässt es immer mit einfließen zum aktuellen Repertoire. Die Musik der Bajadere hört man und hat sie gleich in sich, weil es eingängige Melodien sind. Bei „Rake’s Progress“ habe ich jeden Tag gesessen und die Takte zerlegt, bis ich eine Melodie rausgefunden habe. Das war Fizzel-Arbeit. Bei der Bajadere kommt es mehr auf den Fluss und die Emotionen an, da müssen Lichter gesetzt werden.

 

Begleiten Sie sich beim Üben mit der Geige?

Ich habe tatsächlich Geige studiert, aber nicht beendet, weil ich schon während des Studiums in ein Engagement gekommen bin. Für das Einstudieren neuer Partien nutze ich das Klavier zur Begleitung.

 

Sie nennen die Bajadere eine Herzensangelegenheit. Haben Sie die Partie schon einmal gesungen?

Nein, aber ich mag Kálmán sehr. Ich habe bei einer Kálmán-Vorstellung der „Herzogin von Chicago“ in Leipzig seine Tochter Yvonne kennengelernt, eine irrsinnig interessante, coole Frau aus Texas. Sie ist daran interessiert, dass die Werke ihres Vaters weiter gespielt werden. Ich hoffe, sie kommt auch zur „Bajadere“ nach Neustrelitz, weil ihr das Stück besonders am Herzen liegt, weil es zu Unrecht so selten gespielt wird.

 

Ihre Kollegin Lena Kutzner hat einmal im Interview gesagt, dass sie auch die schönen Kleider bei einer Operette genießt. Geht es Ihnen genauso?

Ja natürlich, man will doch wunderschön aussehen auf der Bühne. Das erwartet doch auch das Publikum. Ich glaube, Sie werden keine Sopranistin treffen, die etwas anderes sagt.

 

Haben Sie schon mal zu einem Ausstatter gesagt, nein, das Kleid ziehe ich nicht an, weil es nicht gut aussieht?

Jeder hat seinen Bereich im Theater. Die Ausstatterin muss eine Vision der Optik haben. Ich vertraue ihr, dass diese Idee auch ankommt. Und wenn sie dann sagt, es muss eine karierte Hose sein, dann ist das so. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu entscheiden. Wichtig ist, dass der Regisseur das Gesamte im Blick hat: Optik ist eine Sache, die Musik, das Spiel, es gibt viele Kategorien, die für eine Inszenierung vereinigt werden müssen.

 

Überall hängen jetzt die Plakate der „Bajadere“ an den Straßen. Werden Sie eigentlich erkannt?

Einmal bin ich in Neustrelitz von einer Frau gefragt worden: „Sind Sie die Bajadere?“ Oder aber die Menschen grüßen einen, weil sie mich erkennen.

 

Wie finden Sie sich selbst auf dem Bild?

Ich habe mich gefreut, als ich das Plakat gesehen habe. Das Poster wird sicher irgendwann auch mal bei mir zu Hause hängen.

 

Was ist für Sie das Besondere an dem Operetten Open Air?

Ich liebe es, wenn es nach der Pause dunkel wird, die Scheinwerfer leuchten auf die Tribüne. Es ist, als wenn man mit den Menschen bei einem Glas Wein im Garten sitzt. Ich freue mich schon auf diesen Moment der Abendstimmung.

 

Sie hatten bis Ende letzten Jahres neben dem Engagement in Neustrelitz auch eines in Leipzig. Das muss doch unheimlich anstrengend gewesen sein?

Ja, ich bin einige Monate doppelgleisig gefahren, saß sehr viel in der Bahn zwischen Neustrelitz und Leipzig. Ich bin dem hiesigen Landestheater sehr dankbar dafür, dass es mir das ermöglicht hat. Das ist nicht selbstverständlich. In der Musikalischen Komödie Leipzig konnte ich neun verschiedene Rollen spielen. Für mich war es ein Traum, weil die Operette meine erste Liebe war. Während meiner Laufbahn habe ich mich aber auch in die Oper verliebt.

 

Über einige Jahre war Leipzig Ihr Lebensmittelpunkt. Und jetzt?

Jetzt ist es Neustrelitz.

 

Möchten Sie ein bisschen etwas Privates verraten?

Ich bin sehr glücklich, dass ich hier mit meinem Mann wohnen kann, der in Neubrandenburg als Trompeter beschäftigt ist. Ich mag die Region wirklich sehr, sie hat enormes Potenzial. Ich bin großer Fan der Kachelofenfabrik. Wir haben jetzt auch einen Kleingarten.

 

Nein, das überrascht jetzt aber.

Einen grünen Daumen habe ich nicht. Aber ich sehe, was ich gepflanzt habe. Ich sage immer, das ist meine Provence-Ecke, auch wenn andere Mühe haben, Pflanzen der Provence zu erkennen.

 

Sie kommen aus Wien. Welche Verbindungen haben Sie noch in Ihre Heimat?

Mein Stammfreundeskreis wohnt in Wien, meine Eltern bis vor Kurzem ebenfalls. Wenn ich nach Wien komme, muss ich lächeln, weil ich mich dann Zuhause fühle.

 

Gibt es eine Traumrolle, die Sie unbedingt einmal singen wollen?

Die Musetta aus Puccinis Oper „La Bohème“ und sehr gerne die Gretel aus „Hänsel und Gretel“. Ich freue mich aber auch auf die Lauretta aus Puccinis „Gianni Schicchi“, die in der kommenden Saison aufgeführt wurde. Unheimlich gerne würde ich auch mal gemeinsam mit der Philharmonie Neubrandenburg ein Programm gestalten. Das ist ein tolles Orchester mit einem tollen Generalmusikdirektor Sebastian Tewinkel.

 

Am Sonntag um 11 Uhr gibt es auf der Open Air-Bühne auf dem Neustrelitzer Schlossberg eine Matinee, bei der die Solisten und der Opernchor erste musikalische Kostproben geben werden. Der Eintritt ist frei.

Die Premiere der „Bajadere“ findet am Freitag, den 28. Juni, um 20 Uhr statt.

Der Nordkurier lädt seine Leser am Sonnabend, den 6. Juli, um 20 Uhr zu vergünstigten Kartenpreisen zum „Tag des Nordkurier“ ein.

Tickets für alle Aufführungen bis zum 20. Juli beim Nordkurier in Neubrandenburg (Engelsring 29, Turmstraße 13), telefonisch unter 08004575033, an den Theaterkassen in Neubrandenburg und Neustrelitz sowie an der Abendkasse.

 

Laura Scherwitzl und ihre Schauspielkollegen
Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

Verfasser

Fotos: Shirley Suarez