Darum ist Wladimir Kaminer einer von uns

Wladimir Kaminer steckt seinen Kopf durch eine Tür.
Interview Wladimir Kaminer

Darum ist Wladimir Kaminer einer von uns

von: Frank Wilhelm
11. Januar 2019

Kaum ein Autor hebt die Grenze zwischen Realität und Fiktion so auf wie Wladimir Kaminer. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass seine Familie oft Quelle seiner Inspiration ist.

Es ist doch immer wieder erstaunlich zu erleben, wie schnell wir Menschen vergessen. 1990, als Wladimir Kaminer aus Russland nach Deutschland kam, wäre er von so manchem heutigen Wutbürger wohl eher unfreundlich begrüßt worden.
23 Jahre alt war er damals, quasi ein junger, männlicher Flüchtling. Noch dazu ein Wirtschaftsflüchtling. Also ein Mensch, der auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und seine Kinder war. Kaminer verdiente sich zusammen mit zwei russischen Weggefährten seine erste D-Mark mit einem cleveren Geschäftsmodell: Sie kauften palettenweise Bier bei Aldi und verhökerten die Büchsen einzeln zu einem viel höheren Preis an Touristen an einem Bahnhof in Berlin. Kaminer bekam als Russe mit jüdischen Wurzeln einen deutschen Pass – die Szene vor dem Rabbi in Berlin schildert er in seinem ersten Buch „Die Russendisco“. Mittlerweile gilt er als der „Lieblingsrusse“ der Deutschen, insbesondere der Ostdeutschen, deren Herz bekanntlich noch vielfach für Russland und die Russen schlägt, die zugleich aber auch oft skeptisch gegenüber jedem Fremden, jedem Unbekannten zu sein scheinen.

Kaminer ist einer von uns

Aber bei Wladimir Kaminer ist alles anders. Er ist einer von uns, er scheint zur Familie zu gehören. Millionen lesen seine mittlerweile 25 Bücher und hören seine CDs, die dank seines Akzents noch mehr Vergnügen bereiten. Kaminer würde, nach diesem Widerspruch befragt, wohl kurz überlegen und eine ausweichende, charmante Antwort parat haben. Beispielsweise: Bei seinen bislang vier Kreuzfahrten habe er viele neue Bekanntschaften gemacht. Vor allem Brandenburger, Sachsen und Baden-Württemberger habe er als Kreuzfahrer in der Karibik getroffen. Moment mal: Sachsen? Brandenburg? Chemnitz? Cottbus? Dort leben doch die Bürger, die sich vom Rest Deutschlands abgehängt fühlen. Kaminer hat beispielsweise auch im durch die Ausländerfrage gespaltenen Cottbus viele Fans. Seine jüngste Lesung war wie viele seiner Veranstaltungen seit Langem ausverkauft. Er musste regelrecht zaubern, um noch einige seiner Kreuzfahrt-Bekannten im Saal unterzubringen.

Aber was macht eigentlich die Faszination des 51-Jährigen aus? Fünf Thesen, ernstgemeint und mit Humor gewürzt:

Kaminers Humor

Es dürfte zuallererst sein Humor sein. Kaminer ist ein glänzender Beobachter. Er entdeckt das Skurrile, das Komische in unserem Alltag, über das wir uns vielleicht längst schon keine Gedanken mehr machen. Wunderbar erzählt er das beispielsweise in dem Geschichtenband „Mein Leben im Schrebergarten“ (2007). Wie verrückt ist das denn, wenn wir jedes noch so kleine Hälmchen mit dem Brenner ausmerzen, um das Pflaster sauber zu halten! Oder aber die Schrebergarten-Satzung genau festlegt, welche und wie viele Gemüsesorten zu pflanzen sind. Kaminers hatten angesichts des deutschen Kleingartenwesens keine Chance mit ihrer „Spontanvegetation“ und kauften sich lieber ein Wochenendgrundstück in einem nordbrandenburgischen Dörfchen.

Kaminers Freundlichkeit

Der Mensch mag es eigentlich nicht, wenn ihm der Spiegel vorgehalten wird. Umso verwunderlicher, dass wir Deutschen Kaminer lieben, obwohl er uns ausgerechnet als „Ausländer“ - der freilich seit 1990 Deutscher ist - doch permanent unsere Schwächen vor Augen führt. Aber bei Kaminer sind es eben liebevolle Schwächen. Er ist kein Satiriker, der mit seinem Humor verletzt.  Dezent verweist er auf Widersprüchliches, beispielsweise bei Holger und Carola aus Heidelberg, die er auf seiner Karibik-Kreuzfahrt kennenlernt. Sie hatten „früher ebenfalls in Brandenburg gelebt, bevor sie aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen fliehen mussten“.

Kaminer, der Entertainer

Kaminers Texte sind lustig. Seine von ihm gelesenen Texte sind noch lustiger. Am lustigsten ist es aber, Kaminer live zu erleben, so man denn eine Karte ergattert. Wenn eine Kaminer-Veranstaltung mit „Lesung“ angekündigt wird, lassen Sie sich nicht abschrecken. Kaminer ist ein Entertainer, der jeden Saal zum Lachen bringt. „Wo waren wir das letzte Mal stehen geblieben?“, fragte er bei seinem jüngsten Auftritt in Heringsdorf, und schon hat er die Lacher auf seiner Seite. Dann fängt er an zu plaudern - über die Kreuzfahrer, über seine Frau Olga, seine Kinder. Nicht zu vergessen seine Mutter Shanna, die es sich nicht hat nehmen lassen, mit seiner Tochter ein Rolling Stones-Konzert in der Berliner Waldbühne zu besuchen. Allein die Beschreibung des Wegs zum Konzert ist beste Comedy. Kaminer läuft dann zu Hochform auf, bis zur Erschöpfung.  „Ich kann jetzt wirklich nicht mehr“, ruft er seinem Heringsdorfer Publikum zu, das zwei Stunden (Reden Sie mal so lange hintereinander!) noch mehr Kaminer wollte. 

Kaminer, einer von uns

Wladimir Kaminer ist alles andere als ein elitärer Künstler. Wie kaum ein anderer Autor öffnet er seinen Lesern sein Privatleben. Die engsten Familienmitglieder sind Quell seiner Bücher: Seine Frau Olga („Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“, 2017), seine Kinder Nicole und Sebastian („Salve Papa“, 2008) oder seine Mutter („Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“, 2016). Der Humor scheint in der Familie zu liegen. So bezeichnete Kaminers Mutter die Ozeanriesen von Aida & Co. als „Futterschiffe für faule Touristen“. Wenn man ein wenig im Internet nach Kaminer-Bildern sucht, stößt man schnell auf Fotos von seiner Wohnung in Berlin, die er für verschiedene Journalisten geöffnet hat. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität scheint es bei ihm nicht zu geben. Das schafft Vertrautheit und gibt seinen Lesern die Illusion, dass er jedermanns Freund sein könnte. Dazu gehört dann auch, dass Kaminer mit einem stoischen Lächeln Selfies ohne Ende über sich ergehen lassen muss, vornehmlich mit Frauen reiferen Alters.

Kaminers Analysen

Er hat die Gabe, die kompliziertesten Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Auf den ersten Blick mit einem Augenzwinkern. Auf den zweiten Blick oft auch mit einem ernsten Hintergrund. Auch beim Thema, das die Deutschen seit 2015 wie kein anderes zu bewegen scheint: die „Flüchtlingskrise“. Im Grunde genommen, so Kaminer, sind wir doch alle Reisende auf der Suche nach Glück. Einerseits gibt es die Touristen vornehmlich aus der westlichen Welt, die freiwillig reisen. Andererseits die Flüchtlinge, die eher unfreiwillig reisen. Nicht zuletzt seine eigene Biografie beweist Kaminers These: Die Grenzen zwischen diesen beiden Gruppen von Reisenden sind fließend.

Frank Wilhelm, Redakteur beim Nordkurier-Magazin Zuhause.

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Fotos: Randomhouse